Die Nationalgalerie für schöne Klangbilder

17. Mai 2011, 20:43
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Guter Sound ist für den Konzertbesucher etwas völlig anderes als für den Konferenzteilnehmer

Ein Kompetenzteam für Audiosignalverarbeitung will den richtigen Ton im Umgang mit allen Hörern treffen.

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Kurt Cobain fuchtelte gern mit seiner E-Gitarre vor der Monitorbox herum. Die unkontrollierbare Rückkopplung ist für Grunge so wichtig wie der kalkulierte Dreivierteltakt beim Walzer. Christina Stürmer, im früheren Beruf Buchhändlerin, muss dagegen auch einmal ein bisserl brav sein: Wenn ihr der österreichische Traditionsakustiker AKG ein Mikrofon in die Hand drückt, soll kein grelles Pfeifen die Stimme stören.

Gemeinsam mit dem Institut für Elektronische Musik und Akustik an der Kunstuniversität Graz will der Hersteller von Audiogeräten herausfinden, mit welchen Mikrofontypen Rückkopplungsgeräusche so weit unterbunden werden, dass die wahrgenommene Audioqualität nicht leidet. Das Institut entwickelte dafür eine spezielle Evaluierungssoftware, die mühsame praktische Tests ersetzt und in Echtzeit Audiosignale erzeugt, wie sie Zuhörer bei einem Konzert erleben würden.

So ist vergleichsweise einfach festzustellen, wie sich Rückkopplungen aufbauen, wenn am Lautstärkeregler gedreht oder ein weiteres Gerät in den Signalpfad eingefügt wird.

Dabei ist der bilaterale Weg zum guten Ton in der Musikbranche nur ein Exzerpt dessen, was gerade unter der Kooperation von Joanneum Research im Comet-Projekt für "Advanced Audio Processing (AAP)" geschieht. Dieses Programm für Kompetenzzentren wird von der Forschungsförderungsgesellschaft abgewickelt und vom Infrastruktur sowie vom Wirtschaftsministerium mitfinanziert. Den anderen Teil der Kosten tragen das Land Steiermark, die Steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft und freilich die Unternehmenspartner im Konsortium.

Strategisch musikalisch

Maria Fellner, früher nebenbei Organistin und Chorsängerin, leitet das Projekt und bezeichnet es als wichtige strategische Partnerschaft. Erstmals seien bei AAP alle wesentlichen Player der Audiosignalverarbeitung im Netzwerk vereint. Vom Studium "Elektrotechnik-Toningenieur" an der Technischen Universität Graz kennt sie viele AAP-Kollegen. Die meisten sind ebenfalls Hobbymusiker und teilen Fellners Zugang zur Thematik: "Akustik ist emotional und Erfahrungswissen - das hilft bei der Optimierung."

Dennoch wird in sogenannten Expert Listening Panels, also bei vergleichenden Hörtests, der saubere Klang gewissermaßen objektiviert. In standardisierten Settings hören bis zu 40 Experten genau zu und versuchen Kriterien für Klangqualität zu definieren. Je nach Anwendung - etwa Musik oder Kommunikation - divergieren diese Kriterien aber erheblich.

So meint auch Martin Opitz von AKG, dass das Zuhörenkönnen die große Stärke dieses Netzwerks sei - allerdings in einem anderen Sinn: "Die Wissenschafter von der Kunstuniversität gehen sehr konkret auf unsere Fragestellungen ein." AKG beschäftigt selbst mehr als 40 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung, aber durch diese Partnerschaft könne das Unternehmen flexibler schwierige Aufgaben bewältigen.

Harald Romsdorfer vom Institut für Signalverarbeitung und Sprachkommunikation an der TU Graz arbeitet im Rahmen von AAP vor allem mit Philips zusammen. Für die Spracherkennung muss das Unternehmen wissen, wie in großen Räumen unterschiedliche Audioquellen lokalisiert werden.

Vortrag unverständlich

So kann ein Beamer bei Präsentationen oder bereits eine aufgemachte Tür das Klangbild stören, und der Vortragende wird unverständlich. Bisher waren solche Spracherkennungssysteme in Konferenzen überfordert, sie funktionierten nur mit Kopfhörer und Mikro. Vereinfacht ausgedrückt soll nun durch eine Software das Mikrofon direkt im Raum unterschiedliche Sprecher identifizieren können. "Mit zwei bis drei Sprechern gelingt uns das bereits sehr gut, es gibt ein Patent, und das Institut gilt auf diesem Gebiet als führend", ergänzt Romsdorfer.

Eine kleine Entwicklung des Konsortiums verdeutlicht zudem, dass in der Audiosignalverarbeitung mitunter auch das ganz große Geld steckt: Wer den Jackpot an einem der Atronic-Kasinospielgeräte knackt, bekommt das akustisch gebührend mit einem ganz speziellen Surround-Sound aus der AAP-Schmiede untermalt. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 18.05.2011)

 

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Wissen: Schwerpunkt Südosteuropa

Die Joanneum Research zählt nach eigenen Angaben auf dem Gebiet der intelligenten akustischen Lösungen weltweit zu den Technologieführern. Als anwendungsorientierte Innovationsanbieterin stellt sie den dafür notwendigen Wissenstransfer sicher - was als Basis für unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit gilt. Als Anküpfungspunkt in internationalen Forschungsnetzwerken mit Schwerpunkten im südosteuropäischen Raum widmet sie sich gleichzeitig der Marktbeobachtung und verfolgt geänderte Bedürfnisse. Die Joanneum Research ist ordentliches Mitglied des gesamtösterreichischen Dachverbands für außeruniversitäre Forschung - Forschung Austria. (saum)

  • Ton rein - Ton raus! Dazwischen liegt ein komplexer Prozess, da Audiosignale für viele Anwendungen in Echtzeit verarbeitet werden müssen.
    illustration: fatih aydogdu

    Ton rein - Ton raus! Dazwischen liegt ein komplexer Prozess, da Audiosignale für viele Anwendungen in Echtzeit verarbeitet werden müssen.

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