Vorarlberger Jugendliche wollen sich bei ihrem Lebenswandel nicht dreinreden lassen - Spaß- und Gemeinschaftsfarktor zählen
Dornbirn - Jugendliche können mit dem Begriff "Gesundheit" wenig anfangen. Er ist für sie negativ besetzt, weil meist mit Verzicht oder Reglementierung verbunden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die von fünf Vorarlberger Gemeinden in Auftrag gegeben und vom Ludwig Boltzmann Institute for Health Promotion Research mit Jugendlichen und Jugendeinrichtungen realisiert wurde.
Statt von Gesundheit sprachen die 50 Jugendlichen in den Gruppengesprächen lieber von Wohlbefinden. Wo und wie sie sich wohlfühlen, zeigten sie in einem sogenannten Photovoice-Prozess, bei dem sie Fotos ihrer Lebenswelten machten. Bilder und Gespräche wurden professionell ausgewertet und sollen künftig wie auch Ideen zu Gesundheitsangeboten, die in Workshops entworfen wurden, den Gemeinden Bregenz, Dornbirn, Lustenau, Hohenems und Bludenz als Entscheidungsgrundlage dienen. Ziel des Projekts ist, so die Leiterin des Forschungsprozesses, Martina Eisendle, die Akzeptanz für Gesundheitsangebote zu erhöhen.
Um die Gesundheit der österreichischen Jugend sei es nicht gut bestellt, verweist die Sozialarbeiterin auf den aktuellen Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit. Im Europavergleich haben die Jugendlichen hierzulande mehr Gewalt- und Drogenerfahrung, leiden stärker unter psychosomatischen Beschwerden.
Gesund ist ziemlich öd
"Gesund ist man, wenn man so lebt, wie man will", erklärte ein Studienteilnehmer bei der Präsentation kurz und bündig. Wie die Fotos der Burschen und Mädchen zeigen, prägt ihre Lebenswelten ein wesentlicher Faktor: das (ungestörte) Zusammensein mit Freunden. Ob im öffentlichen Raum, in der Natur oder privat ist dabei nebensächlich. Sport wird nicht unter dem Gesundheits-, sondern unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen.
Erwachsenen-Appelle für gesunde Ernährung oder gegen Drogen kommen bei den jungen Menschen nicht wirklich an. "Wenn ich einen Joint rauche oder was trinke, ist das nicht gesund, aber ich fühle mich wohl dabei", begründet ein junger Mann. Ein zweiter, der sein Wohlfühl-Foto bei McDonald's geschossen hat: "Gesund ist das Essen vielleicht nicht, aber ich gehe mit den Freunden gemeinsam hin, und das macht Spaß."
Studienautor Johannes Marent rät Entscheidungsträgern, dass die Orientierung an Gleichaltrigen bei künftigen Angeboten durch "Peer to Peer Support" genutzt werden sollte. Das Wort Verzicht sollte in der Gesundheitsförderung gestrichen werden, das psychische Wohlbefinden in den Vordergrund rücken. Wesentlich für die Akzeptanz sei die Beteiligung der Jugendlichen.
Das Projekt Jugend und Gesundheit, in dessen Rahmen die Studie durchgeführt wurde, ist ein Beteiligungsprojekt. Jugendliche zeichnen für äußere und innere Gestaltung mitverantwortlich. Der Projekttitel "alls im grüana" (alles im grünen Bereich) kommt aus der Szenesprache und ist die übliche Antwort auf die Frage: "Wia goht's?" (jub, DER STANDARD Printausgabe, 18.05.2011)