"Der moderne Faschismus ist unsichtbar"

17. Mai 2011, 18:15
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Kornél Mundruczó zeigt seine Performance "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" - ein Gespräch über Methoden, die grausame Realität zu überbieten

Standard: Es fällt nicht leicht, Ihre Reality-Show zu beschreiben: Junge ungarische Frauen geraten an der Ostgrenze in die Hände übler Wissenschafter, die mit ihnen Gewaltpornos drehen.

Mundruczó: Die Performance war von vornherein als Tourneeproduktion geplant. Also habe ich einen Plot gesucht, der überall verstanden werden kann: Da lag das Thema der Prostitution nahe. Der Plot basiert auf einem Science-Fiction-Roman der Gebrüder Strugatzki aus den 60er-Jahren. Eine weitere Inspiration war der Berlusconismus: die Art, wie gewisse Politiker mit Frauen umgehen. In unserem Stück möchte sich der Sohn eines solchen Politikers an seinem Vater rächen und benützt dafür die Mädchen. Zwei Trucks kollidieren irgendwo in Europa: Diese Begegnung nimmt Züge einer Reality-Show an. Das Anliegen hinter der Story ist das Phänomen der modernen Sklaverei: Jedermann weiß davon, niemand unternimmt etwas dagegen.

Standard: Pier Paolo Pasolinis Film "Saló" stand nicht Pate?

Mundruczó: Die Pasolini-Assoziation ist korrekt. Die Situation hat sich nur grundlegend verändert: Der moderne Faschismus ist unsichtbar. Vor dem Zweiten Weltkrieg trug der Faschismus sein Arsenal und seinen Machtanspruch offen zur Schau. Das moderne Business der Verschacherung von Menschen ist globalistisch, und es kommt dem Faschismus recht nahe.

Standard: Sie zeigen eine Form des Theaters, das die Realität nur noch zitiert, zugleich stellen Sie die Mittel der Illusionserzeugung aus. Was interessiert Sie am Theater?

Mundruczó: Meine "natürliche" Sprache ist und bleibt der Film. Wir arbeiten mit der Illusionserzeugung. Die Stilisierung auf dem Theater ist ein längst durchschautes, abgekartetes Spiel: Jeder Zuschauer weiß, was er geboten bekommt. Diese Form der Artifizialität arbeitet mit Zeichen, und Zeichen appellieren an den Intellekt. In einen Film tauchst du ein, und du kannst den Intellekt abschalten. Zugleich okkupiert ein Film aber dein Gemüt.

Standard: Die Genres beziehen sich in Ihren Performances wechselseitig aufeinander?

Mundruczó: Wir leben in einer visuell kodierten Welt. Stücke wie mein aktuelles provozieren die geläufigen Übereinkünfte: Es findet ein Happening statt, wenn auch nicht in der Art des Wiener Aktionismus; in ihm werden die Schauspieler als "Spielmaterial" genützt, zugleich werden die Ebenen der Wahrnehmung ständig gewechselt. Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein steht in der Mitte zwischen meinen vorangegangenen Arbeiten Frankenstein und Ljod. Das Eis - beide Arbeiten waren bei den Festwochen zu sehen. Die Opfer im Stück singen Schlager. Auch das demonstriert die Haltung: Wir spielen Theater!

Standard: Räumen Sie Ihren Schauspielern bei den Probenarbeiten große Freiheiten ein?

Mundruczó: Wir bilden seit fünf Jahren ein Team, das etwa alle zwei Jahre eine Performance erarbeitet. Es ist eigentlich komisch, weil wir nur vier oder fünf Wochen, also kurz proben. Es sind immer die Schauspieler, die sich aus meinem dokumentarischen Material Stories und Charaktere herauspicken. In den ersten zwei Wochen proben sie ohne mich. Ich führe gar nicht so sehr Regie, sondern ich montiere. Ich arbeite wie ein Cutter am Schneidetisch.

Standard: Fördert die politische Situation in Ungarn Ihre Kreativität?

Mundruczó: Hier herrscht kein Bewusstsein dafür, dass Ost- und Westeuropa zusammengehören. Das hat auch mit einer gewissen Geschichtsvergessenheit zu tun: Von der sozialistischen Vergangenheit will niemand mehr etwas wissen. Man hat sogar die "Moskauer Straße" umbenannt: Als hätten die Russen nicht auch den Frieden gebracht. Ungarn blickt gebannt in eine fernere Vergangenheit: Die neue Verfassung ist der Ausdruck dafür. Wenn es irgendwann Probleme geben sollte, kann sich die neue Verfassungspräambel, die den ungarischen Nationalcharakter ein für allemal festzuschreiben trachtet, als äußerst gefährlich herausstellen: Die Idee vom "Ungarntum" kann die Seelen vergiften. Nicht das Gesetz ist gefährlich, sondern das, was es mit den Hirnen anstellt. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 5. 2011)


Mittwoch ab 21 Uhr in der Erdberger Remise, weitere Termine am 19., 20. und 21. Mai.

Kornél Mundruczó (36) arbeitet als Drehbuchautor, Film- wie Theaterregisseur in seiner Heimatstadt Budapest. Mit seinem Film "Joanna" gastierte er 2005 beim Filmfestival in Cannes.

  • "Die Idee vom 'Ungarentum' kann die Seele vergiften. Nicht das Gesetz 
ist gefährlich, sondern das, was es in den Hirnen anstellt": Kornél 
Mundruczó
    foto: mátyás erdélyi

    "Die Idee vom 'Ungarentum' kann die Seele vergiften. Nicht das Gesetz ist gefährlich, sondern das, was es in den Hirnen anstellt": Kornél Mundruczó

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