Er ist der Mann für heikle Jusztizfälle, der Jackson-Anwalt soll auch Strauss-Kahn rausboxen
Wie schnell Dominique Strauss-Kahn den Eiffelturm wiedersieht, liegt nicht
zuletzt an dem Mann, der ihm im Gerichtssaal zur Seite steht: Benjamin Brafman.
Ihm eilt der Ruf voraus, dass er Fälle gewinnt, die Kollegen für aussichtslos
halten. Schlagfertig ist er, ausgestattet mit bissigem Witz, vor allem aber ein
Menschenkenner.
Der gefeierte Anwalt besitzt die Gabe, sich so perfekt in die Gedankenwelt
von Geschworenen hineinzuversetzen, dass er sie allein durch seine Art für sich
einzunehmen weiß - und manchmal auch für einen Mandanten. Seine geringe
Körpergröße, scherzte er einmal, sei doch wohl ein Indiz dafür, wie "down to
earth", also wie bodenständig, er sei.
Brafman hat den Popsänger Michael Jackson gegen den Vorwurf des
Kindermissbrauchs verteidigt. Er hat sich des Falls von Plaxico Burress
angenommen, des Footballprofis der New York Giants, dem in einem Nachtclub ein
versteckter Revolver aus der Hose fiel, wobei sich prompt ein Schuss löste. Für
Burress handelte er zwei Jahre Gefängnis aus, eine vergleichsweise niedrige
Strafe, während er für den Rapper Sean "Puff Daddy" Combs sogar einen Freispruch
erreichte. Zwar hatten Dutzende bezeugt, dass Combs in einem Lokal an einer
Schießerei beteiligt gewesen war, doch Brafman zog alle Register. "Ladies and
Gentlemen", appellierte er an die Geschworenen, "Sie können ihn Sean nennen. Sie
können ihn Mr. Combs nennen. Sie können ihn Puff Daddy nennen." Nur schuldig,
setzte er die Pointe, schuldig dürfe man den Burschen auf der Anklagebank nicht
nennen.
Was den 62-Jährigen auszeichnet, ist eine Lebensklugheit, die sich einer
erwirbt, der aus schwerer Kindheit seinen Weg machte. Seine Mutter Rose floh
1938 aus der Tschechoslowakei, um der Judenverfolgung durch die Nazis zu
entkommen. Sie war die Einzige in ihrer Familie, die rechtzeitig Papiere
erhielt. Sein Vater Sol kam kurz vor dem Zweiten Weltkrieg aus Wien in die Neue
Welt.
Nach schwierigen Teenagerjahren besuchte Brafman Abendschulen, studierte Jus
an der Ohio Northern University, fing bei einer Anwaltskanzlei an und arbeitete
vier Jahre für die Staatsanwaltschaft in Manhattan, bevor er ein eigenes Büro
gründete. Mit einem Mafia-Fall katapultierte er sich 1985 ins Rampenlicht. Sein
Leitspruch lautet: "Wenn jemand wie ich damit anfängt, moralische Urteile zu
fällen, dann sollte er lieber den Beruf wechseln." (Frank Herrmann, DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2011)