Ein Europäer, ein Asiate oder doch ein Südamerikaner: Immer mehr Staaten beanspruchen den Chefposten beim Internationalen Währungsfonds
Wien - US-Finanzminister Timothy Geithner könnte es bei der Diskussionen über
die Nachfolge von Dominique Strauss-Kahn leicht passieren, dass er grinsen muss.
Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel hat Europas Anspruch auf den IWF-Chefposten
gleich zu Wochenbeginn angemeldet. Brasilianische Diplomaten schlugen Dienstag
einen der ihren oder Inder vor. Selbst China brachte sich ins Spiel: Pekings
Außenministerium verwies dezent darauf, dass der künftige IWF-Chef ja nicht wie
bisher ein Europäer sein müsse.
Berlin gegen Peking, Brüssel gegen Brasilia: Die Wortmeldungen zum
vermutlichen Abgang von Strauss-Kahn muten an, als ob sich Europäer, Asiaten und
Südamerika die Posten beim Internationalen Währungsfonds frei ausschnapsen
könnten. Dabei sind sich Insider und Ökonomen ziemlich einig: Die wahren
Machthaber beim IWF sind die Amerikaner. Und daran dürfte sich nichts ändern und
zwar ganz gleichgültig, wer Strauss-Kahn nachfolgt.
Soweit das die Stimmrechte bei der wichtigsten Finanzorganisation der Welt
betrifft, wird die US-Dominanz schon am Papier offensichtlich. Die Amerikaner
haben den größten Anteil am IWF-Stammkapital eingezahlt. Sie halten 17 Prozent
der IWF-Anteile und verfügen bei wichtigen Abstimmungen über ein Vetorecht. Auch
das Gentlemen's Agreement zwischen den USA und der EU, wonach die Weltbank stets
von einem Amerikaner und der IWF von einem Europäer geleitet wird, ist nur die
halbe Wahrheit. Denn Teil der Vereinbarung war bisher auch, dass die Amerikaner
den IWF-Vizeposten erhalten. Dass die USA auf diese Position verzichtet, gilt
als unwahrscheinlich.
Doch die Gründe für die US-Dominanz reichen tiefer. Währungsfonds wie
Weltbank werden in Wirklichkeit von einer großen Schar an Top-Ökonomen gemanagt.
Sie geben die Richtung bei konkreten Programmen vor. Diese Experten kommen zwar
aus unterschiedlichen Ländern. Gemein ist den meisten aber, dass sie an
US-Eliteunis in Cambridge und Chicago ausgebildet worden. "Diese Uni-Absolventen
bilden spezielle Seilschaften. Diese Gruppen sind vom Mainstreamdenken der
US-Eliteunis dominiert und ihre Mitglieder sind in Amerika sozialisiert worden",
weiß ein Washingtoner Insider.
Uneinige Europäer
Nun ist es zwar richtig, dass die Europäer die Macht hätten, diese Dominanz
zu brechen. Zusammengenommen verfügen die EU-27 über größeres Stimmgewicht als
die Amerikaner. "Doch nützt das nicht viel, denn die Europäer sind bei vielen
zentralen Fragen gespalten", meint Nicolas Véron, vom Brüsseler Thinktank
Bruegel.
Dabei spielen nicht nur Auffassungsunterschiede zwischen London, Berlin und
Paris eine Rolle. Erschwerend hinzu kommt die Art und Weise, wie beim IWF
Entscheidungen getroffen werden. Die meisten EU-Staaten sind in
Stimmrechtsgruppen zusammengeschlossen. Der Chef der Gruppe, vertritt die
Interessen der Gruppenmitglieder bei Abstimmungen. Diese "constituencies" wurden
unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Sowjetunion neu gebildet. Ost und West
sollten sich vermischen. So sitzt Österreich in einer Gruppe mit nicht
EU-Staaten wie Weißrussland, Kosovo und der Türkei und muss deren Interessen
mitvertreten. Die Niederländer repräsentieren Bosnien und die Ukraine.
Das Durcheinander ist bei den Schwellenländern allerdings noch größer und
"Brasilien, China sowie Indien verfügen im Gegensatz zur EU nicht einmal über
einen Mechanismus, um ihre Meinungsunterschiede zu koordinieren", sagt Véron.
Die Chancen, dass sich Asien und Südamerika auf keinen gemeinsamen Kandidaten
für die Nachfolge Strauss-Kahns einigen können, stehen laut Véron nicht
schlecht.
Hilfreich beim anstehenden Postenschacher ist nur, dass gleich mehrere Plätze
frei werden. 2012 endet auch die Amtszeit von Weltbankchef Robert B. Zoellick
und damit dürfte auch diese Personalie Teil jeden Deals werden. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2011)