Zwanzig Jahre Mittagspause

17. Mai 2011, 18:06
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Die einflussreiche US-Formation The Feelies veröffentlicht nach zwei Jahrzehnten ein neues Album - eine Würdigung dieser Mutter aller postmodernen Nerd-Bands

Wien - Das nebenstehende Bild muss man erklären: Die vier verwitterten Herrschaften und die Dame in ihrer Reihe ergeben die Band The Feelies. Diese Abbildung aus der New York Times ist eine von Rob Bennett geschaffene Variation des Plattencovers ihres Debütalbums Crazy Rhythms aus dem Jahr 1980. Es ist eines jener Alben, das lange schon mit dem Präfix Kult ausgestattet ist.

Die Feelies waren darauf als vier Milchbubis abgebildet, in Klamotten, die wie von Muttern gekauft aussahen: Brav gescheitelte Nerds in pastellfarbenen V-Pullis aus den Suburbs von New Jersey, das Gegenteil von cool. Aber sie waren musikbegeisterte und nervöse Nerds. Das zeitigte eine Musik, die über den Titel Crazy Rhythms nur die halbe Wahrheit preisgab.

Zwar trommelte der schmalschultrige Anton Fier wie spastisch-elastisch, doch der eigentliche Irrsinn waren die bis zum Saiten- und Fingerspitzenriss geschrammelten Gitarren, mit denen Glenn Mercer und Bill Million Musik von Vorbildern wie The Stooges, The Velvet Underground oder Jonathan Richman in zappeligen, dabei melodieverliebten Rock überführten.

Vier Alben entstanden bis 1991, seit damals war die Existenz der Feelies auf unbestimmte Zeit aufgeschoben. Vor drei Jahren fragten dann Sonic Youth an, ob sie mit ihnen ein Konzert im New Yorker Battery-Park spielen würden. Sie sagten zu. Als die Paarung bekannt gegeben wurde, war die Show binnen weniger Minuten ausverkauft - hauptsächlich wegen der Feelies, wie es heißt.

Neues Studioalbum

Seit damals wurden zwei Frühwerke der Band neu aufgelegt, nun veröffentlicht sie nach zwanzig Jahren Mittagspause ihr fünftes Studio-Album: Here Before. Der Titel sagt: Wir waren hier schon mal. Wir klingen wie immer, wir spielen, was wir immer gespielt haben. Stimmt. Doch in der Zwischenzeit gilt ihre Musik als wichtiger Einfluss für heutige Band: Von den Strokes bis zu Vampire Weekend.

Das nerdige Image der Band untermauerte der Lebensstil ihrer Mitglieder. Sie gingen kaum auf Tour, sondern spielten hauptsächlich am Wochenende in den Clubs der Nachbarschaft. Unter der Woche ging man Brotberufen wie Lehrer oder Computer-Dingsbums nach, Bill Million verdingte sich gar für Disneyland in Florida.

The Feelies waren kommerziell bescheiden erfolgreich. Sie gelten als klassische Kritiker-Lieblinge - trotz Einsatzes ihrer Musik in Hollywood-Filmen und zuletzt immer wieder in der Werbung. Das alles arbeitete immerhin ihrem Legendenstatus zu - ebenso wie die zeitlose Schönheit der Feelies-Alben aus denen später das Nervöse öfter einmal elegischen Melodien wich - etwa wenn ihr Langzeit-Fan Peter Buck von R. E.M. am Mischpult aushalf.

Here Before klingt wie die logische Fortsetzung der Bandbiografie. Der Song Time Is Right zitiert im Abgang das durchgeknallte Loveless Love von 1980, während Lieder wie Should Be Gone beste Hausmarke im Sinne eines im Uptempo angesiedelten Ohrwurms sind - samt Solo, das den Himmel küsst, ohne sich dafür zu entschuldigen.

Das alles im typischen Feelies-Sound: Denn ihrem Nerdwesen geschuldet war immer auch die präzise Produktion ihrer Alben. Here Before macht da keine Ausnahme: Man muss Lärm sorgfältig anrichten, um in wirken zu lassen. Wobei Lärm bei den Feelies nie tatsächlichen Krach bedeutete, sondern eher als Abfallprodukt ihrer ekstatischen Spielweise abfiel.

Diesbezüglich sollte man die Mittfünfziger Glenn Mercer, Bill Million, Stanley Demeski, Brenda Sauter und Dave Weckerman auch heute noch nicht unterschätzen. Sie mögen Aussehen wie Altenpfleger im Ruhestand, aber wenns sein muss, spielen sie immer noch um ihr Leben.

So wie damals, als sie am Campus ihrer High School regelmäßig von Sportskanonen und anderen Trotteln verprügelt wurden. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 5. 2011)

  • Die US-Band The Feelies veröffentlicht nach 20 Jahren Pause ein neues 
Album: "Here Before". Alles ist so gut wie immer.
    foto: hoanzl

    Die US-Band The Feelies veröffentlicht nach 20 Jahren Pause ein neues Album: "Here Before". Alles ist so gut wie immer.

  • The Feelies: "Here Before" (Hoanzl)
    coverfoto: bar none/hoanzl

    The Feelies: "Here Before" (Hoanzl)

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