"Das Österreichische färbt ab"

17. Mai 2011, 16:55
53 Postings

Warum vier Geschwister einer türkischstämmigen Familie den Bildungsaufstieg schafften

"Ich ließ meine Töchter nie im Haushalt helfen, sagte ihnen, dass sie besser für die Schule lernen sollen", meint Ümmü Sahin. Die ehemalige Textilarbeiterin ist offensichtlich stolz, wenn sie davon erzählt, dass drei ihrer vier Kinder studiert und zwei bereits eigene Familien gegründet haben. Filiz, heute 44 Jahre alt, ist Ärztin in der Schweiz, Mahmut wurde Bauingenieur, Sirvan Sekräterin in der Unfallchirurgie und Halil, das jüngste ihrer vier Kinder, studiert Englisch und Deutsch auf Lehramt.

Klassisch Gastarbeiter

Die Anfänge in Österreich waren wie so viele andere Gastarbeiter-Anfänge auch. 1972 kam die Familie in Telfs an, der Vater arbeitete bereits seit einiger Zeit in Tirol. Ümmü Sahin meint, dass "es anfangs schon schwer war", drei Kinder teilten sich ein Zimmer, Heimweh kam auf, wenn sie an ihre Familie in der Türkei dachte. Der Plan war ein paar Jahre in Österreich zu bleiben und dann in die Heimat zurückzukehren. Die Familie wollte mit dem in Tirol zusammengesparten Geld ein kleines Geschäft kaufen und dort wohnen, wo die Wurzeln der heutigen Innsbrucker liegen: in Manisa, im Westen der Türkei. Dass es ganz anders gekommen ist, lag an der Einschulung der Kinder und dem Gefühl immer stärker in Tirol heimisch zu werden. Eigentlich auch klassisch für viele Gastarbeiter aus der Türkei.

Außergewöhnlich dagegen erscheinen heute die Bildungserfolge der Kinder von Ümmü und Mehmet Sahin, wenn man sich vor Augen führt, dass es in Österreich nur ein Drittel der 15- bis 34-Jährigen schafft einen höheren Bildungsabschluss als die eigenen Eltern zu erzielen und die zweite Generation türkischstämmiger Migranten schlechtere Lese- und Lernleistungen erzielt als die erste.

Disziplin und Hartnäckigkeit

Wenn Ümmü Sahin spricht, benützt sie Begriffe, die man oft klischeehaft Österreichern oder Deutschen zuschreibt: Disziplin, Ordnung, Konzentration. Sie findet es schade, dass in vielen türkischen Familien in Tirol zu schnell aufgegeben wird, wenn sich keine Schulerfolge zeigen. Dem pflichtet auch Sohn Halil bei: "Leider passiert es bei unseren Landsleuten öfters, dass ein Kind sitzen bleibt und die Eltern dann glauben, dass es eben die Pflichtschule beenden und ins Arbeitsleben einsteigen soll." Ümmü Sahins Kinder wiederholten auch Klassen und sie meint, dass es für sie immer das Wichtigste war, dass sie sich nur auf die Schule konzentrieren konnten. Für sie selber trat das ursprüngliche Ziel Geld zu verdienen immer mehr in den Hintergrund. Wichtiger wurde, ergänzt sie, dass "meine Kinder etwas aus sich machen".

Äußeren Umstände oder Selbstverantwortung?

Ümmü und Halil Sahin meinen, dass es vor allem dem Zusammenhalt der Familie und der gegenseitigen Unterstützung der Geschwister zu verdanken sei, dass drei Kinder eine Universitätsbildung beginnen und größtenteils auch bereits abschließen konnten. Mutter und Sohn wählen ihre Worte sehr bedacht aus, sprechen nicht über die oft kritisierte soziale Undurchlässigkeit des österreichischen Bildungssystems, sondern bemängeln eher die in manchen Fällen fehlenden Vorbilder innerhalb der eigenen Familie. Trotzdem kommt ab und zu auch Kritik in ihren Worten durch: Ümmü Sahins Mann fiel es schwer Freundschaften in Tirol zu schließen, Sohn Halil fühlt sich zwar in Österreich daheim, ihn zieht es aber trotzdem in die Ferne: "Ich will mit meinem Universitätsdiplom versuchen in Istanbul zu unterrichten. Ausländische Abschlüsse sind dort sehr angesehen und ich will die eigene Kultur besser kennen lernen."

Kein Heimweh

Halils Mutter hat dagegen selten Heimweh. Sie ist in Rente und vermisst, außer ihren Brüdern, wenig in Tirol. Sie mag "die Ordnung und die vergleichsweise unbürokratischen Abläufe in Österreich". Spricht man die beiden darauf an, dass einige ihrer Begriffe dem Stereotyp nach sehr "preußisch" klingen, so entgegnen sie trocken und womöglich ein wenig ironisch: "Das Österreichische färbt halt ab."

  • Ümmü Sahin mit ihren Kindern.
    foto: privat

    Ümmü Sahin mit ihren Kindern.

  • Familie Sahin Anfang der 1970er Jahre.
    foto: privat

    Familie Sahin Anfang der 1970er Jahre.

Share if you care.