Gegen Bildung als "Zurichtung von Humankapital"

18. Mai 2011, 11:19
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Mit ihrem Buch zur Bildungspolitik liefert die ÖH einen wertvollen Beitrag - Zeitpunkt der Veröffentlichung ist wohl kein Zufall

Die Österreichische Hochschülerschaft will sich den Vorwurf, keine konkreten Vorschläge zu haben, nicht gefallen lassen. Pünktlich zum ÖH-Wahlkampf hat die Bundesvertretung ein Buch zur Bildungspolitik in Österreich herausgegeben. Von Hochschulfinanzierung, Bologna-Prozess, dem Aufbau des Hochschulsystems sowie dem schulpolitischen Bereich, wie beispielsweise die Lehrerausbildung, wird in "Wessen Bildung" alles behandelt. Der ÖH ist hier ein übersichtlicher Sammelband zu allen bildungspolitischen Themen die derzeit in Österreich behandelt werden, gelungen. 

"Bildung als Ware"

Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Diskussion rund um den Bildungsbegriff durch beinahe alle Kapitel. Wird Bildung als emanzipatorischer Begriff verstanden, der auf die Mündigkeit und Autonomie der Lernenden abzielt oder als Indikator für Wirtschaftsleistung? Die Autoren im Buch sind wenig überraschend ausnahmslos Verfechter eines emanzipatorischen Bildungsbegriffes, bei dem Bildung Inhalte liefert, die Anlass zum Hinterfragen geben. Die Entwicklung geht mit dem Bolognaprozess jedoch in eine andere Richtung. Für Bildungswissenschafter Erich Ribolts wird Bildung immer mehr zu einer "bloßen Zurichtung von Humankapital". Lernen werde "bloß noch unter Verwertungsgesichtspunkten wahrgenommen und Bildung als eine Ware betrachtet", so Ribolits. 

Konkretes zur Absicherung von Studierenden

Im Buch wird aber nicht nur der Bildungsbegriff genauer beleuchtet; es werden auch konkrete Verbesserungsvorschläge zur derzeitigen Situation gemacht. So fordert etwa der Referent für Sozialpolitik in seinem Kapitel über die soziale Absicherung der Studierenden konkrete Maßnahmen, die nicht schwer umzusetzen sein dürften: Die Auszahlung der Familienbeihilfe direkt an die Studierenden, die Möglichkeit einer studentischen Selbstversicherung für jene 1,4 Prozent der Studenten, die nicht krankenversichert sind und dass bei einem Antrag auf Studienförderung nur noch jene Semester für die Anspruchsbeurteilung herangezogen werden, in denen auch Studienförderung bezogen wurde. Ähnlich konkrete Vorschläge im Buch sind etwa ein Praktikumsgesetz oder die Koppelung der Uni-Finanzierung an das Betreuungsverhältnis.

"Zentrale Orte" zur Vorbeugung von Ungleichheiten

Die Beiträge eröffnen nicht nur neue Zugänge zu alten Problemen, sondern auch Themen, die bisher in der öffentlichen Debatte weniger behandelt wurden. Die ehemalige ÖH-Generalsekretärin Eva Maltschnig (VSStÖ) beschreibt in ihrem Beitrag die ungleichen Bildungschancen in einzelnen Regionen. So kommen etwa bildungsferne Schichten öfter in dünn besiedelten Gebieten vor. "Räumlich und soziale Ungleichheiten sind interdependent", stellt sie fest. Sie schlägt vor, dieser Entwicklung durch eine "Zentrale-Orte-Politik" entgegenzuwirken. Das heißt, dass Orte in eher ländlichen Gebieten (wie z.B. Krems in Niederösterreich oder St.Johann in Salzburg), die gut erreichbar sind, zu Bildungszentren werden. 

Ein Sektor würde der ÖH genügen

Der stellvertretende ÖH-Vorsitzende Thomas Wallerberger zeichnet in seinem Beitrag ein Bild von einem einheitlichen Hochschulsektor ohne die Unterscheidung in Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen. "Die Aufgaben des tertiären Sektors sind universell", schreibt er. Zur Erfüllung dieser Aufgaben brauche es keine verschiedenen Sektoren, so Wallerberger.

Bildungspolitik aus dem linken Eck

Die politische Herkunft der Autoren des ÖH-Buches lässt sich nicht leugnen und dies ist wohl auch beabsichtigt. Zitate wie "Es sollte uns zu denken geben, dass nationale Burschenschafter an vielen Hochschulen immer noch willkommener sind als aufgeschlossene und neugierige Menschen aus alle Welt", kommen eindeutig aus dem linken Eck der Bildungspolitik.

Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung - mitten im ÖH-Wahlkampf - ist wohl kein Zufall. Die derzeitige Vorsitzende Sigrid Maurer (GRAS) hat zwei Artikel gestaltet. Auch die aktuelle GRAS-Spitzenkandidatin Maria Clar hat einen Beitrag geschrieben.

Behält man diese Information beim Lesen im Hinterkopf und übernimmt nicht jede Information unkritisch, so ist der ÖH mit diesem Buch eine gute Grundlage für bildungspolitische Diskussionen gelungen. Der Vorwurf der Konzeptlosigkeit gilt in jedem Fall nicht mehr. (Lisa Aigner, derStandard.at, 17.5.2011)

Das Buch:

"Wessen Bildung?, Beiträge und Positionen zur bildungspolitischen Debatte" ist im mandelbaum-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

  • In siebzehn Beiträgen zeichnet die ÖH ihr Bild von der Bildungspolitik.
    foto: derstandard.at/lis

    In siebzehn Beiträgen zeichnet die ÖH ihr Bild von der Bildungspolitik.

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