"Die Natur ist kein Handelspartner"

17. Mai 2011, 17:21
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Der Planet ist an seinen Grenzen angelangt, sagt Marina Fischer-Kowalski. Karin Krichmayr sprach mit der Sozialökonomin über Verschwendung, Inflation und Illusion

Standard: Im aktuellen Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) warnen Sie davor, dass die Wirtschaft weiter auf Kosten der Natur wächst. Was droht, wenn sich nichts ändert?

Fischer-Kowalski: Wir warnen nicht davor, dass die Wirtschaft weiter wächst. Geld ist für die Natur ganz unproblematisch. Aber wir können unseren Rohstoff, unseren Land- und Wasserverbrauch nicht einfach beliebig ausdehnen. Setzt man die derzeitige Entwicklung fort, steigt der Ressourcenverbrauch auf das Dreifache des heutigen Niveaus an. Das ist in jeder Hinsicht ziemlich unvorstellbar. Das Rezept, das dieser Bericht anbietet, ist die Entkoppelung des wirtschaftlichen Wachstums vom Ressourcenverbrauch.

Standard: Ist wachsender Wohlstand und Nachhaltigkeit nicht ein Widerspruch?

Fischer-Kowalski: Ab einem bestimmten Punkt ist es ein Widerspruch. Unsere Wirtschaftsweise ist ungeheuer verschwenderisch. Der Wohlstandsgewinn steht oft zu den aufgewendeten Naturressourcen in keinem Verhältnis. Aber unsere Analyse ergibt, dass es Anfang der 1970er-Jahre eine Trendwende gab. Seither haben in Europa Material- und Energieverbrauch praktisch nicht zugenommen, obwohl die Wirtschaft um 50 Prozent gewachsen ist.

Standard: Dann geht der Ressourcenverbrauch ohnehin zurück?

Fischer-Kowalski: Es geht in die richtige Richtung, ist aber viel zu wenig. Ich halte jedoch die letzten 30 Jahre für eine Übergangsphase, in der sich die Industriegesellschaft strukturell auf eine neue Lebens- und Wirtschaftsweise umstellt. Allerdings ohne das Bewusstsein der Hauptakteure: der Politik und der Ökonomie. Das Wirtschaftswachstum hat sich in den Industrieländern etwas verlangsamt, und entgegen den Trends wurde mit allen Mitteln versucht, es so hoch wie möglich zu halten. Das ist eine Art Realitätsverleugnung der Grenzen unseres Planeten.

Standard: Sind wir an den Grenzen der Ausbeutung angelangt?

Fischer-Kowalski: Die Metall- und Mineralienerträge gehen zurück. Beim Öl sind die Grenzen ohnehin bekannt. Ähnliches gilt für die Biomasse: Zum ersten Mal seit zehn Jahren liegen die Zuwachsraten pro Flächeneinheit unterhalb des Bevölkerungswachstums - was für die Ernährungssicherheit sehr wichtig ist. Außerdem macht sich das rapide Wachstum aufstrebender Länder wie China, Indien, Brasilien und Südafrika massiv im Welthaushalt der Ressourcen bemerkbar. Es gibt auch ökonomische Anzeichen: Seit Mitte der 2000er-Jahre beginnen alle Rohstoffpreise dramatisch anzusteigen. Die 100 Jahre davor sind sie gefallen.

Standard: Was sind die Folgen?

Fischer-Kowalski: Die Güterpreise steigen, denn da stecken Rohstoff- und Energiepreise drin. Das wird als Inflation empfunden. Meiner Ansicht nach ist das eine falsche Interpretation, denn es geht nicht um Geldentwertung, sondern darum, dass - nicht nur, aber auch - aus naturalen Gründen Ressourcen teurer werden. Das macht sich zuerst bei den Niedrigverdienern bemerkbar. Wenn diese Situation politisch nicht verstanden und richtig interpretiert wird, kommt es zu Spannungen: Die unteren sozialen Schichten fühlen sich benachteiligt und geben der Globalisierung die Schuld. Und antworten mit fremdenfeindlichen, abgrenzerischen Ängsten auf die Situation, während die Mittel- und Oberschichten versuchen, die Situation ökonomisch zu interpretieren. Der Bericht räumt relativ deutlich mit diesen Illusionen auf.

Standard: Sind all die Klimaziele der Politik auch Illusionen?

Fischer-Kowalski: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass man durch Umweltpolitik die Folgeprobleme des steigenden Ressourcenverbrauchs nicht abfedern kann. Man kann nicht sagen: Gehen wir mit den Abfällen und Emissionen besser um, machen wir unsere Minen umweltfreundlicher, dann ist es nicht so schlimm. Das stimmt nicht. Im Wesentlichen verhalten sich die Umweltschäden, soweit man es empirisch zeigen kann, parallel zum Ressourcenverbrauch. In Zukunft wird man sogar noch mehr Energie, Wasser etc. für die gleiche Menge an Output aufwenden müssen, etwa um Öl mit Tiefseebohrungen oder aus Ölsand in Alaska zu gewinnen. Es natürlich einfacher zu sagen, die Wirtschaft soll ruhig wachsen und man muss halt genug in die Umwelt investieren, um die Folgen zu kompensieren. Das ist nicht realistisch.

Standard: Wie realistisch ist denn die im Bericht skizzierte radikale Lösung, bei der die industriellen Verbrauchsraten drastisch eingeschränkt werden müssen, um den Ressourcenverbrauch weltweit auf dem derzeitigen Niveau zu halten?

Fischer-Kowalski: Solche Veränderungen kommen immer durch eine Kombination von Zwang und Einsicht zustande. Die jetzigen Preisveränderungen üben einen gewissen strukturellen Druck aus. In der volkswirtschaftlichen Argumentation wird häufig vertreten, dass sich die Natur so verhält wie ein Handelspartner. Wenn man mehr Geld anbietet, dann kriegt man mehr. Aber wenn die letzten Thunfische weggefischt sind, kann ich noch so viel Geld aufwenden - ich werde keinen Tunfisch mehr finden. Das gilt auch für Kupferminen. Die Natur ist kein Handelspartner, und man soll sie auch nicht so behandeln. Man muss die Natur in ihrer Eigenlogik verstehen. Das fehlt der modernen Ökonomie.

Standard: Wodurch kann man nun den Ressourcenverbrauch senken?

Fischer-Kowalski: Es hat sich gezeigt, dass bei höherer Bevölkerungsdichte praktisch mit dem halben Pro-Kopf-Verbrauch der gleiche Komfort geboten werden kann. In Städten können Wasserversorgungs-, Kanalisations- und Verkehrssysteme viel effizienter arbeiten als in einem kleinen Dorf. Im Wesentlichen legen die Infrastrukturen, die jetzt gebaut werden, unseren Energie- und Materialverbrauch der Zukunft fest. Das sind Schlüsselentscheidungen, die jetzt getroffen werden, auch in den Entwicklungsländern, die sehr neugierig auf unsere Forschungsergebnisse waren. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2011)


Marina Fischer-Kowalski, geb. 1946, ist Leiterin des in Wien ansässigen Instituts für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Sie ist Koautorin des neuesten Berichts des International Resource Panels des Unep (United Nations Environment Program).

  • "Es ist einfach zu sagen, die Wirtschaft soll ruhig wachsen und man muss 
halt genug in die Umwelt investieren. Das ist nicht realistisch. Man muss die Natur in ihrer Eigenlogik verstehen. Das fehlt der modernen Ökonomie", sagt Marina Fischer-Kowalski.
    foto: corn

    "Es ist einfach zu sagen, die Wirtschaft soll ruhig wachsen und man muss halt genug in die Umwelt investieren. Das ist nicht realistisch. Man muss die Natur in ihrer Eigenlogik verstehen. Das fehlt der modernen Ökonomie", sagt Marina Fischer-Kowalski.

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