Himmel oder Hölle?

20. Mai 2011, 08:57
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Inwieweit sind Nahtod-Visionen von Glaube und Religion beeinflusst - und umgekehrt? - Der Theologe Ulrich Lüke im Gespräch mit Eva Tinsobin

derStandard.at: Zu den Erkenntnissen der Hirnforschung in Bezug auf einen Gottesglauben sind Sie mit folgendem Satz in Wikipedia eingegangen: "Experimente der Hirnforschung auf der Suche nach Gott sind ungefähr so sinnvoll wie das Zerlegen eines Fernsehgerätes auf der Suche nach Ulrich Wickert"...

Ulrich Lüke: Wenn ich verstanden habe, dass das Fernsehen nicht einen kleinen Ulrich Wickert enthält, sondern ein Signalwandler ist, der digital aufgezeichnete elektromagnetische Signale in akustische bzw. optische Wellen transformiert, dann kann ich mir ernsthafte Gedanken machen über den (Ab-)Sender dessen, was ich zu hören und zu sehen meine. Dass er nicht als Homunkulus im Fernseher zu finden ist, nimmt Ulrich Wickert nichts von seiner Realität, sondern deutet die Richtung an, in die zu denken ist, wenn ein angemessenes Verständnis über die Beziehung von Gott und Gehirn erzielt werden soll.

derStandard.at: Die Wissenschaft versucht Nahtoderfahrungen aus neurophysiologischer Perspektive zu erklären. Wie stehen Sie dem als Theologe gegenüber?

Lüke: Grundsätzlich muss man zwei Perspektiven in der Geist-Gehirn-Erforschung unterscheiden: die objektivierende Dritte-Person- oder Es-Perspektive des um Objektivierung bemühten Neurophysiologen und die Erste-Person- oder Ich-Perspektive des erlebenden Subjekts. Beide Perspektiven sind wichtig, um dem Verständnis einer Geist-Gehirn-Beziehung näher zu kommen.

Ein Beispiel mag andeuten, was ich meine: Wasserdampf, also H2O, ist von Außen betrachtet eine Wolke und von Innen betrachtet Nebel. Der Versuch, ein umfassendes Verständnis von diesem Phänomen zu gewinnen, sollte nicht vorschnell eine Perspektive wegerklären (zum Beispiel die manchmal ungeliebte mentale), um die eigene (zum Beispiel die neuronale) als einzig zutreffende präsentieren zu können. Wir brauchen den Mut zu einem Multiperspektivismus.

derStandard.at: Warum hat Ihrer Meinung nach die Wissenschaft so ein großes Interesse an der Untersuchung der Nahtod-Phänomene?

Lüke: Einerseits hat die Wissenschaft ein aufrichtiges und nachdrückliches Interesse an der Auf- beziehungsweise Erklärung bislang unerklärter oder ungeklärter Phänomene. Es gehört zu ihrem ureigenen "Kerngeschäft" zu klären, ob und inwieweit die bisherigen Erklärungsmodelle tragfähig oder sogar vollständig sind, oder neue herangezogen werden müssen. Andererseits gibt es auch ein Herrschaftsinteresse oder einen Monopolanspruch auf die Erklärung der Welt. Hier spielen Machtfragen und ideologische Vorlieben eine Rolle, die mit der reinen Wissenschaft nichts oder nur sehr wenig zu tun haben.

derStandard.at: Sind Erfahrungen zwischen Leben und Tod Rauschzustände, die kurz vor dem Hirntod ausgelöst werden, oder handelt es sich um glaubwürdige Zeugnisse aus einer "anderen Welt"?

Lüke: Aus der Dritte-Person-Perspektive des von außen drauf schauenden Neurophysiologen handelt es sich um ein Neuronengewitter oder um Rauschzustände, die etwa aus der Ausschüttung von Endorphinen resultieren. Aus der Erste-Person-Perspektive des erlebenden Subjekts haben wir mentale Erlebnisse von unabweisbarer Evidenz und oft lebensverändernder Konsequenz. Das will sich niemand von einem Außenstehenden zerreden oder wegquatschen lassen. So reden die Forscher, die Objektivität für sich reklamieren, und die Zeugen des Nahtodereignisses, die ihre Subjektivität ernst nehmen, häufig aneinander vorbei. Mir scheint, die mentalen Erlebnisse sind nicht ohne die neuronalen Ereignisse zu haben, aber sie sind mit ihnen ganz offenbar nicht identisch.

Wie Goethes Faust ausschließlich aus der wiederholten Verwendung der 26 Buchstaben unseres Alphabets besteht, besteht das Hirngeschehen aus den elektrochemisch präzise beschreibbaren neuronalen Vorgängen. Nur indem ich immer wieder die 26 Buchstaben identifiziere, habe ich noch nichts vom Inhalt des Faust verstanden. Der bedient sich dieser Buchstaben eines höheren umfassenderen Sinnes willen. Die Codierungsform (26 Buchstaben bzw. neuronale Ereignisse) gegen den codierten Inhalt (die Faust-Geschichte beziehungsweise die mentalen Erfahrungen) im Sinne einer Entweder-oder-Entscheidung ausspielen zu wollen, erscheint mir gedanklich kontraproduktiv, ja widersinnig.

derStandard.at: Wie kommen Menschen aus Nahtoderfahrungen zurück? Haben Sie beobachten können, dass Ungläubige gläubig werden? Dass sich im bereits bestehenden Glauben etwas verändert?

Lüke: Ja, beides habe ich mir glaubhaft berichten lassen können: sowohl das erstmalige Hinfinden zu einem Glauben, als auch eine den bisherigen Glauben verändernde Neubesinnung. Viele sagen, dass sie endgültig die Angst vor dem Tod verloren haben, dass sie ihn nunmehr als einen Durchgang zu einem in ungeahnter Weise veränderten Leben sehen. Manche sagen, dass sich auch ihre Sicht auf den seit ihrer Kindheit praktizierten Glauben geändert habe.

derStandard.at: Angeblich sind zwei Drittel der wissenschaftlich erfassten Nahtoderfahrungen erhebende und überwältigende Erlebnisse ("Licht am Ende des Tunnels"), ein Drittel sind Horrorerlebnisse. Haben diese unterschiedlichen Visionen mit Religion und Glaube zu tun? Vielleicht sogar mit der Vorstellung von Himmel und Hölle?

Lüke: Ich wäre sehr vorsichtig damit, den Nahtoderlebnissen einen theologischen Erkenntniswert zuzuschreiben und in den positiven oder negativen Erfahrungen eine Bestätigung für die Existenz von Hölle und Himmel sehen zu wollen. Das Glücks- oder Horrorerlebnis kann auch mit der Medikamentierung des Patienten in Todesnähe zusammenhängen. Dann sagt das eher etwas aus über den Inhalt des Apothekenschranks im diesseitigen Krankenhaus als über himmlische oder höllische Erfahrungen im Jenseits.

Aber wenn die Todesnähe-Erlebnisse auch nichts Sicheres über das Jenseits sagen können, so sagen sie doch etwas über das Sterben und vermitteln eine Ahnung von dem, das uns allen bevorsteht. Wenn die reanimierten Herz- oder Hirntoten mir sagen können, es sei eine "himmlische" Erfahrung gewesen, die sie da gemacht hätten, kann das vielleicht meine animalische Angst davor, dass Sterben auf jeden Fall ein Horrortrip und der größte anzunehmende Unfall sei, relativieren.

derStandard.at: Eine gewagte These abseits der Heiligen Schrift: Könnte es sein, dass die Vorstellung von Himmel und Hölle aus den Erzählungen von Menschen mit Nahtoderfahrungen hervor gegangen ist?

Lüke: Ich halte es durchaus für möglich, dass die tradierten Himmels- und Höllenvorstellungen von Nahtoderfahrungen mitgeprägt worden sind, zumal diese Erfahrungen kulturübergreifend lange vor der Etablierung der christlichen und auch abseits der jüdischen Religion schriftlich überliefert wurden, z. B. im Tibetanischen Totenbuch oder bei Platon. Aber es ist auch umgekehrt in Rechnung zu stellen, dass vorhandene Himmels- oder Höllenvorstellungen das Interpretationsmaterial für das geliefert haben, was Menschen in ihren Nahtoderfahrungen erlebten. Hier sind sicher wechselseitige Abhängigkeiten anzunehmen.

derStandard.at: Modelle von Himmel und Hölle stehen Gläubigen unterschiedlicher Religionen als Verheißung oder Schreckensvision zur Verfügung. Warum brauchen wir Menschen solche Projektionsflächen? Können wir uns nicht einfach vom Tag unseres in die Welt-Kommens unserer Endlichkeit bewusst sein, ein verantwortungsvolles Leben führen und am Ende ohne Verheißungen auf ein Jenseits loslassen?

Lüke: Schon mit dem Stichwort "verantwortungsvolles Leben" schleusen Sie das Trojanische Pferd der Transzendenz in die Stadt ausschließlicher Immanenz, die sich so verzweifelt um eine rein innerweltliche Selbstabschließung bemüht. Vor wem sollte ich mein ganzes Leben vom ersten bis zum letzten Tag verantworten? Woher kommt mein Verantwortlichkeitsgefühl? Wem schulde ich eine letztliche Antwort?

derStandard.at: Ihre Antwort darauf?

Lüke: Gerade das klare Bewusstsein von meiner eigenen Endlichkeit und Begrenztheit nötigt mir wie im Rückstoß je neu den Gedanken einer Unbegrenztheit und Unendlichkeit auf. Es ist höchst merkwürdig, dass wir die von uns zum Beispiel in der Wissenschaft permanent versuchte und realisierte Entgrenzung unserer Begrenztheit, die permanente Verunendlichung des Endlichen nicht als Indiz für die Unendlichkeit und Unbegrenztheit sehen, sondern als Täuschung und Trugbild denunzieren.

Ohne die Idee von Unendlichkeit, nur eingekeilt von der für absolut erklärten Endlichkeit, werden wir uns selbst und diese ganze Weltgeschichte nicht verstehen können.

derStandard.at: Existiert Ihrer Auffassung nach die Seele unabhängig vom Körper? Ist sie unsterblich?

Lüke: Die Beseelung des Menschen bezeichnet nicht den Einbau von materialisierbaren Extras in einen Affen. Sie bezeichnet die geistige Fähigkeit dieses Primaten, mit dem Begriff Gott einen absoluten Bezugspunkt für die Deutung seines Lebens und Sterbens zu denken, in eine seine ganze Existenz deutende Kommunikation mit diesem Gott einzutreten. Seele bezeichnet dann die Einzigartigkeit und Verantwortlichkeit eines jeden Menschen vor Gott, die Unmittelbarkeit eines jeden zu Gott, aus der sich seine menschliche Würde herleitet.

Unsterblich ist die Seele, insofern sie Chiffre für die Beziehung zum unsterblichen Gott ist, von dem wir getragen und gehalten sind selbst über den Tod hinaus. Wo immer Biologen mit Recht sagen, der Mensch sei ein Säugetier oder ein Primat, da setzen wir hinzu, ja, aber ein beseeltes Säugetier, ein Primat von Gottes Gnaden. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 20.05.2011)

Zur Person:

Ulrich Lüke studierte Philosophie, Theologie sowie Biologie und lehrt als Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. In seinen zahlreichen Forschungsarbeiten setzt er sich vor allem mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube auseinander.

  • Ulrich Lüke: "Die mentalen Erlebnisse sind nicht ohne die neuronalen 
Ereignisse zu haben, aber sie sind mit ihnen ganz offenbar nicht 
identisch."
    foto: ulrich lüke

    Ulrich Lüke: "Die mentalen Erlebnisse sind nicht ohne die neuronalen Ereignisse zu haben, aber sie sind mit ihnen ganz offenbar nicht identisch."

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    "Nur indem ich immer wieder 26 Buchstaben identifiziere, habe ich noch nichts vom Inhalt des Faust verstanden." (Lüke)

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