Refugium und Rückzugsort ganz ohne "Restaurante"

19. Mai 2011, 16:47
posten

Am 15. Mai wäre Max Frisch 100 Jahre alt geworden. In Berzona, dem Dichterdorf in der Tessiner Bergwelt, hat Frisch zeitweise gelebt und gearbeitet

Das Valle Onsernone, sieben Uhr morgens. Der erste Postbus fährt das Tal hinauf. Auf der schmalen Hauptstraße drängen sich Pkws und Lastwagen. Wir sind am Schweizer Südrand der Alpen. Hier liegt das langgestreckte Onsernone-Tal. Neun Dörfer wie auf einer Perlenkette. 900 Einwohner. Links und rechts steiles Gebirge. Mit Primeln, Veilchen und Kamelien im Frühjahr, Nelken und Almrausch im Sommer. Dazwischen massive Steinhäuser auf den Maiensässen. Und die nötige Dosis Himmelsbläue. Am Horizont die grauen Riesen aus Granit und Gneis.

In der Mitte des Tales liegt das kleine Dörflein Berzona: "Keine Restaurante, nicht einmal eine Bar. Jeder Gast sagt sofort: diese Luft und dann diese Stille!" So beschreibt Max Frisch das kleine Dörflein. Berzona war für ihn Refugium und Rückzugsort, hier hat der Schweizer Schriftsteller zeitweise gelebt. An der Friedhofsmauer findet sich eine kleine Gedenktafel, die an den Ehrenbürger erinnert.

Manches hat Frisch über das Tal in seinem Tagebuch notiert, über sein Haus am Rand des Ortes und über seine Nachbarn Alfred Andersch und Golo Mann, die hier einen Ort für ihr Schreiben fanden. Manches über das Dichterdorf findet sich in seiner Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän wieder. Heute wandern Touristen mit dem Buch in der Hand durch Berzona. Auf der Suche nach dem türkisblauen Swimmingpool der Familie Frisch oder dem Passweg ins Nachbartal, wie die Hauptfigur Herr Gaiser.

Wir haben uns mit Marta Regazzoni in ihrem ehemaligen kleinen Negozio verabredet, einer Art Geschäft für den täglichen Bedarf. Auf engstem Raum wurde hier bis vor kurzem alles in wundersamer Weise zusammengehalten, was der Mensch zum Leben braucht: Milch, Salz, Backpulver, Zwiebeln, Wein und Schneckenkörner. Hier gingen die "großen drei" ein und aus. Für ein Schwätzchen. Oder wenn ihnen etwas fehlte. Zum Frühstück und zum Wandern. Marta schüttelt den Kopf. Am Verstand der Touristen zweifelnd, die zum Vergnügen über die aus Steinplatten gelegten steilen Alpwege hochsteigen. Um die Einsamkeit und Stille zu genießen. Für die über 80-Jährige bedeuteten die Berge zeitlebens größte Mühe und Arbeit. Erst vor wenigen Monaten hat sie ihr Geschäft aufgegeben.

Vielleicht ihrer Ursprünglichkeit und Abgeschiedenheit wegen hat diese karge Berglandschaft immer wieder Fremde angelockt. Romanciers und Revolutionäre, Aussteiger und Asylsuchende. An-fang des vorigen Jahrhunderts waren es vor allem Künstler, die das Tal für sich entdeckten - als unberührten Ort. Um den Erholungsurlaub zu verbringen, zu studieren oder schöpferisch tätig zu sein.

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg suchten Max Ernst und Kurt Tucholsky im Valle Onsernone Zuflucht. Ernst Toller und Elias Canetti waren hier. Dimitri, der weltberühmte Theaterclown, und Mario Botta, der Tessiner Stararchitekt, wohnen heute in Nachbartälern. Eine kleine deutschsprachige Kolonie von Intellektuellen hat hier gelebt. Selbstbezogen und allein um ihr geistiges Wohl besorgt, erinnern sich manche Einheimische.

Der Taleingang. Die schmale Straße windet sich zum ersten Dorf empor: Auressio. Ab hier besteht das Onsernone-Tal aus zwei scheinbar zusammenstoßenden Bergwänden. Nur die sonnige Seite ist bewohnt. Loco, Hauptort des Tals: Jahrhundertalte Häuser stolzer Familien säumen die einzige Straße und die winkligen Gassen. Gleich eingangs die Kirche von Sankt Remigio. Etwas abseits das Heimatmuseum. Ein paar Straßenkehren weiter liegt Berzona.

"Jeder hat seine eigene Beziehung zu den Einheimischen aufgebaut", sagt Annette Korolnik-Andersch, Malerin und Tochter des Schriftstellers: "Frisch war anders eingebettet als meine Eltern. Golo hatte eine besondere Stellung. Denn wer Thomas Mann war, das hat man bis nach Berzona hinauf gewusst."

Enttäuscht von der konservativen Ära Adenauer, war Andersch mit seiner Familie 1958 in die Schweiz übersiedelt: "Die landschaftliche Lage ist völlig einzigartig. Das Bergnest heißt Berzona." Ein Tal ohne Baedeker-Stern. Ein Tal, das die boomende Tourismuswelle noch nicht überspült hat. Einen Namen über ihre Berghänge hinaus machten sich die Einwohner durch ihre Strohhüte. Auch Marta Reggazonis Mutter hat die Bänder noch geflochten. Heute stellt Marta Körbe und Hüte allenfalls für die Touristen her. Doch längst ist das Gelb der reifenden Roggenfelder aus der Landschaft verschwunden.

Geblieben sind nur die für das Valle Onsernone so typischen Sonnenbalkone, auf denen einst das Stroh trocknete. Die meisten Einheimischen verdienen ihren Lebensunterhalt außerhalb des Tales. Industrie gibt es keine. Allein die Sägerei und der Granitsteinbruch im Seitental werfen Gewinn ab.

In den Siebzigerjahren folgten den Schriftstellern die Hippies und Aussteiger. Viele kamen aus Zürich. Manche waren auf der Flucht vor ihrer Drogensucht. Diese Capellonis, wie die Onsernoneser sie spöttisch nannten, richteten sich in verlassenen Gehöften und verfallenen Almhütten ein. Meist ohne Wasser und Strom. Aber in der Hoffnung, im Tal ihre gesellschaftsfernen Träume verwirklichen zu können: ein Leben in der Natur und ohne Zwänge. Nur wenige dieser Aussteiger haben es geschafft, ihre Ideale lebenspraktisch umzusetzen. Die meisten sind in die Städte zurückgekehrt. Einige fanden einen Kompromiss zwischen dem abgeschiedenen Leben im Valle und ihrem Platz in der dörflichen Gesellschaft.

300 Kurven auf 28 Kilometern. Die einzige Straße im Valle ist schmal, und das Geländer nur ein schwacher Halt für die Augen. Tief unten schimmert von Zeit zu Zeit der Fluss. Smaragdgrün. Unzugänglich und wild. Die Zukunft macht denjenigen, die das Tal lieben, die dorthin für immer aus den großen Städten gezogen sind oder die seit Generationen ihm die Treue halten, große Sorgen: "Es gibt ja leider nicht mehr allzu viele Einheimische mehr in solchen Orten", hatte bereits Golo Mann über seine Zeit im Valle geäußert: "Berzona ist ein Ferienort, der ein paar Monate im Jahr aufblüht, so daß man mit dem Wagen ein paar sehr ärgerliche Parkschwierigkeiten hat. Dann wimmelt es vor Leuten." (Michael Marek/DER STANDARD/Printausgabe/14.05.2011)

  • Foto: Ticino Turismo
    foto: ticino turismo

    Foto: Ticino Turismo

  • Foto: Robert Lebeck, Berlin
    foto: robert lebeck, berlin

    Foto: Robert Lebeck, Berlin

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Foto: Max Frisch-Archiv, Robert Lebeck

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Foto: Max Frisch-Archiv, Robert Lebeck

    Informationen: Schweiz Tourismus

    Ausstellung zum 100. Geburtstag im Museum Strauhof

Share if you care.