Der beste Panzer der Welt, jenseits der Zivilisation

16. Mai 2011, 18:44
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Russlands riesige Armee wird verkleinert und soll zugleich modernisiert werden: Ein Besuch in einer Panzergarnison nördlich des Polarkreises zeigt den Stand der Reformen und den Alltag einer Offiziersfamilie

Panzerzugkommandeur Oberleutnant Wladimir Wedanow (Name von der Redaktion geändert) ist Berufssoldat wie sein Vater. "Mein Vater hat mein Schicksal prädestiniert", erzählt Wladimir. "Als ich anfing, mir Gedanken über die Zukunft zu machen, meinte er, wenn ich kein professioneller Militärmann wie er werde, sei ich nicht mehr sein Sohn. Daher ging ich nach dem Schulabschluss nach Moskau, wo ich die Militärakademie absolvierte. Ich habe gehofft, in Moskau zu bleiben, aber wurde in ein winziges Kaff hinter dem Polarkreis abkommandiert."

Diese Entscheidung war zwar traurig für ihn, aber Befehl ist Befehl. "Keiner aus meinem Bekanntenkreis wusste, wo meine zukünftige Garnison sich befindet, und alles, was ich herausfinden konnte, war, dass sie irgendwo an dem schneebedeckten Ende der Welt liegt, jenseits der Zivilisation. Damals noch in einem Sperrgebiet."

Vor dem "Exil" fuhr Wladimir nach Tschuwaschien, um seine Familie zu besuchen. In der Hauptstadt Tscheboksary lernte er Nadjeschda (Name geändert) kennen. Sie heirateten und fuhren gemeinsam ins Unbekannte.

Das Unbekannte entpuppte sich als eine kleine Militärsiedlung, die man in fünf Minuten zu Fuß durchqueren kann. Eine Panzergarnison mit einer Wartungstruppe, dicht dabei im Halbkreis sieben schäbige Häuser, ein Kindergarten mit einem verblichenen Wandgemälde, ein altes Heizwerk. In den Häusern leben Offiziere mit ihren Familien, in alten, unkomfortablen Kasernenbaracken innerhalb der Garnison etwa tausend einfache Soldaten.

In die Wohnbauten sind vier winzige Läden integriert, drei mit fast derselben begrenzten Lebensmittelauswahl und einer mit Haushaltsartikeln und Kleidung, die teuer und minderwertig ist. In einem Haus gab es ein Offizierskasino, das geschlossen wurde. Für Nadjeschda, die als Au-pair-Mädchen einige Jahre in München und Berlin verbracht hatte und danach lange in Moskau lebte, war es ein Schock. Die Familie bekam eine Zweizimmer-Wohnung in einem alten zweistöckigen Haus mit verfallenem Treppenhaus. Heizkörper gab es nur in einem Zimmer. Wladimir schaffte es, die Wohnung zum Teil zu renovieren, als sie ein Kind bekamen.

"Man dreht hier durch. Jeder kennt jeden, es gibt nichts mehr, worüber man sich unterhalten könnte."

Der Familienvater macht einen ernsten Eindruck, er schaut einen konzentriert an, redet nur über das Nötigste, seine Soldatensprache ist einfach und sparsam. Er zitiert oft die Armeecharta, die er anscheinend auswendig kennt. Wladimir ist eher klein und schlank wie viele Panzerfahrer, damit sie in den kleinen Raum im Panzerinneren passen. Er ist auch während des normalen Dienstes selten zu Hause und zwischendurch wochenlang weg.

Vorsichtig und knapp beantwortet er die Fragen über die Wehrdienstbedingungen. Und plötzlich erzählt er, wie ein Bub, mit Begeisterung vom Panzer T-80 und dem neuesten Modell T-90, dem einzigen Panzer, der sein Ziel fixieren und darauf schießen kann, wenn er sich im Sprung, also quasi in der Luft, befindet. Auch solche Panzer fährt er. Der modifizierte T-90 gilt als bester Panzer der Welt. Wladimir lächelt, seine Augen blitzen und er zeigt Videos von den Panzern auf Youtube, danach seine eigenen Aufnahmen.

Dann klingelt es, er antwortet, zieht sich blitzschnell an, sagt "Bis morgen", küsst sein Kind, die Frau und verschwindet. Nadjeschda lächelt traurig, schminkt sich, zieht das Kind warm an, und sie gehen spazieren. Sie ist schlank, hat große schwarze Augen, asiatische Gesichtszüge. Sie trägt lange Stiefel mit hohen Absätzen, eine nicht besonders warme Jacke und eine elegante Mütze.

Sie sieht aus, als ob sie sich hierher verirrt hat. Schmutzige Schneeklumpen und Glatteis auf den Resten der Gehfläche, stehende und auf dem Dach liegende Autowracks, magere Straßenhunde, schwarzer Qualm aus dem Heizwerk, eisiger Wind. "Man dreht hier durch", schüttelt sie den Kopf, "jeder kennt jeden, und es gibt nichts mehr, worüber man sich unterhalten könnte. Man kann nirgendwohin gehen. Die Verkäuferinnen sind ungezogen und grob. Leute in Uniform, unheimlich ratternde Panzer, die in alle Früh zu den Manöverplätzen fahren, armselige Lebensbedingungen, gelegentlich sogar Mäuse ... Das Polarwetter ist auch schlecht für die Gesundheit, vor allem meines Kindes."

"Die Wetterbedingungen sind hier hart genug. Einen richtig anzuschreien reicht völlig."

Neben einem Haus liegt ein bemaltes Geschoss, daneben steht ein stilisierter Metallhahn, das Ganze stellt einen Spielplatz dar. Mütter, die mit Mühe ihre Kinderwagen durchschieben. Einige Berufssoldaten, laut und auffällig. In einigen größeren Ortschaften trauen sich die Bewohner inzwischen abends nicht mehr auf die Straße. Für den Sold kann man dort nichts kaufen, so kommt nur Alkohol infrage. Schlägereien und Kriminalität sind die Folge.

Nadjeschda dreht eine Stunde lang etliche Runden um die Häuser, grüßt die Nachbarn und träumt von der Bibliothek. "Eine hat sich ein Fernglas zugelegt, sie sitzt den ganzen Tag am Fenster, beobachtet alle, und schließlich verbreitet sie die Gerüchte, die hier wie eine Plage sind", fährt Nadjeschda fort. "Man kann nur fernsehen und gelegentlich surfen, wenn es mal Funkinternet-Zugang gibt. Hier verwildert man."

Am nächsten Tag wird Wladimir zugänglicher. "Bei uns gibt es fast keine Djedowschtschina (Gewalthierarchie, siehe Wissen unten). Klar muss man den Rekruten den Blödsinn austreiben, aber das geht hier ohne Gewalt. Die Wetterbedingungen sind hart genug. Einen richtig anzuschreien reicht völlig." Er streitet aber nicht ab, dass einiges absurd ist und vieles schlecht funktioniert: "Demnächst haben wir eine Feier, wobei wir mehrere Kilometer Ski laufen werden. Alle sind schon jetzt traurig, weil es ,Soldatenskier' sind. Sie gleiten nicht im Schnee, und man braucht enorme Kraft, um sich zu bewegen", seufzt er.

"Oder unsere Uniform, die von dem Moskauer Glamourmodedesigner Judaschkin entworfen wurde – sie ist nicht nur absurd, sondern auch unpraktisch. Ich kann in meiner überdimensionalen Schirmmütze nicht einmal in die Straßenbahn steigen. Aber das Traurigste ist, dass ich nicht mehr weiß, wie lange ich noch dabei sein werde, man kann mich jederzeit feuern, und ich frage mich: Wofür war das Ganze?" Er schaut sich um. "Was dann? Wie ernähre ich meine Familie? Wo werden wir wohnen?" (Alexandre Sladkevich, CROSSOVER/STANDARD-Printausgabe, 17.5.2011)

Wissen: Die gefürchtete Herrschaft der Großväter

Der Militärdienst gehört nach wie vor zu den wunden Punkten des russischen Staates. Viele versuchen ihn mit allen Mitteln zu umgehen. Die Wohlhabenderen kaufen ihre Kinder frei oder schicken sie ins Ausland, viele studieren vor allem deshalb, denn Studenten sind nicht wehrpflichtig.

Die Angst gründet sich hauptsächlich in der Djedowschtschina, der Herrschaft der Großväter: gewalttätiger Hierarchie in den Kasernen. Vor allem wegen dieser brutalen Drangsalierungen begehen viele Rekruten Selbstmord – nach den letzten bekannten Zahlen waren es im Jahr 2007 341 junge Männer, fast ein ganzes Bataillon.

Um den Militärdienst attraktiver zu machen, wurden Reformen eingeleitet. Die Dienstdauer wurde von 24 auf zwölf Monate reduziert, die Wehrpflichtigen können sich auch als Berufssoldaten bewerben. Das Angebot finden vor allem ärmere Familien attraktiv. Von der Djedowschtschina mehr oder weniger verschont, können die jungen Männer Geld verdienen.

Die Zahl der Offiziere soll bis 2012 von derzeit rund 300.000 auf 200.000, die Gesamtstärke der russischen Armee bis 2013 auf eine Million verringert werden.

  • Übungsvorbereitung in der Garnison irgendwo nördlich des Polarkreises: Stolz auf ihre Panzer, die zu den besten der Welt gezählt werden, gehört zum Wenigen, das Offiziere und Rekruten motiviert.
    foto: alexandre sladkevich

    Übungsvorbereitung in der Garnison irgendwo nördlich des Polarkreises: Stolz auf ihre Panzer, die zu den besten der Welt gezählt werden, gehört zum Wenigen, das Offiziere und Rekruten motiviert.

  • Auch für die Offiziere und deren Familien sind die Lebensbedingungen trist. Das Gelände um die Wohnhäuser gleicht einem Schrottplatz, ...
    foto: alexandre sladkevich

    Auch für die Offiziere und deren Familien sind die Lebensbedingungen trist. Das Gelände um die Wohnhäuser gleicht einem Schrottplatz, ...

  • ... eine bemalte Panzergranate dient als Kinderspielzeug.
    foto: alexandre sladkevich

    ... eine bemalte Panzergranate dient als Kinderspielzeug.

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