Die Europäer müssen im eigenen Interesse blitzartig einen neuen IWF-Chef küren
Frankreichs Sozialisten sind im Schockzustand: Nach der Verhaftung
von
Dominique Strauss-Kahn haben sie niemanden, der das Charisma ihres
früheren Finanzministers "DSK" aufbringt, um den Konservativen Nicolas
Sarkozy bei den Präsidentschaftswahlen 2012 zu schlagen.
Aber was die gallische PS schmerzt, ist im Rest von Europa kaum von
Belang. Dennoch hat der Absturz des Chefs des Internationalen
Währungsfonds auch für die EU - besonders die schwer überschuldeten
Länder im Süden - große Bedeutung. In gewisser Weise muss das sogar
Sarkozy beunruhigen, der seinen gefährlichsten Gegenspieler los ist.
Denn jeder französische Staatspräsident spielt in der Union neben der
deutschen Kanzlerin die zentrale Rolle bei der Bewältigung der
Euro-Krise (wobei Sarkozy derzeit auch noch den Vorsitz bei den
G-8-Staaten und den G-20 führt, den wichtigsten Wirtschaftsmächten der
Welt).
In der Weltfinanzkrise seit 2008 und bei der Schuldenkrise im
Euroraum
hat sich DSKs Währungsfonds mit der Europäischen Zentralbank eine bisher
nicht gekannte wirtschaftliche und politische Schlüsselposition
erarbeitet. Ohne ihn hätten die Europäer milliardenschwere
Rettungspakete kaum schultern können. Darin liegt das Verdienst des
Weltbürgers Strauss-Kahn.
Er meisterte es scheinbar mühelos, die Kulturunterschiede zwischen
den
Bankern anglo-amerikanischer Prägung im IWF, die traditionell auf
brutale Einschnitte setzen, und den weicheren europäischen
Finanzpolitikern auszugleichen. So gelang es, für Griechenland, dann für
Irland und nun für Portugal Restrukturierungen zu planen, die auch
soziale Abfederungen für die Schwächsten und arbeitsplatzstimulierende
Elemente für Junge enthalten. Hätten EU, EZB und IWF nicht so
friktionsfrei agiert, wie sie es taten, Europa könnte es weit schlechter
gehen als ohnehin.
Strauss-Kahn erwies sich als ideales Bindeglied bei höchst
unterschiedlichen Problemzugängen. Wenn er jetzt, da es um Griechenland
wieder kritisch wird, handlungsunfähig ist, trifft das Europa zur
allerschlechtesten Zeit. Hier muss man nun befürchten, dass die
Schwellenländer sich zusammentun, um erstmals einen Nichteuropäer an die
IWF-Spitze zu hieven. Das sollten die EU-Partner in ihrem eigenen
Interesse tunlichst verhindern, indem sie sich blitzartig auf einen
Nachfolger für Strauss-Kahn einigen.
Denn der - ein bekannter "dragueur", wie die Franzosen sagen, einer,
der
an schönen Frauen nicht regungslos vorbeikommt - ist nicht mehr zu
retten, auch wenn seine Fans noch so oft die Unschuldsvermutung bemühen.
Ein IWF-Chef, der von New Yorker Polizisten wegen eines
Vergewaltigungsverdachts in Handschellen vorgeführt wird, ist politisch
erledigt. Es hat sich offenbar bewahrheitet, was der Libération
-Journalist Jean Quatremer zu seiner Bestellung 2007 schrieb: DSKs
einziges Problem ist sein Verhältnis zu Frauen, er sei "zu aufdringlich,
kommt oft an die Grenze der Belästigung". In Frankreich ginge das durch,
aber nicht in einer angelsächsisch geprägten Institution in Washington.
Vorbei.
Nach dem flamboyanten Franzosen böte sich ein biederer Deutscher an:
Peer Steinbrück. Der könnte morgen anfangen. Als roter Ex-Finanzminister
der großen Koalition mit Merkels CDU bringt er alles mit, was man
fachlich braucht, um den IWF durch schwere Zeiten zu führen. Die USA
würden ihn wohl akzeptieren. Es wäre auch ein Signal an die um einen
harten Euro besorgten Deutschen. (Thomas Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.5.2011)