"Schürzenjäger"

Ein Piepston als mediales Feigenblatt

Stefan Brändle, 16. Mai 2011, 18:13

Der sozialistische Politiker stand in Paris seit langem im Ruf eines gnadenlosen Schürzenjägers

Paris - Dominique Strauss-Kahn war gewarnt: In New York, und ganz besonders bei den internationalen Gremien wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank, gelten strenge Sitten, strengere jedenfalls als in Paris, der Stadt der (freien) Liebe."

So zu lesen im Standard im Oktober 2008. Der Anlass? Eine Liaison mit Piroska Nagy, einer ranghohen Ökonomin des IWF. Die Affäre im New Yorker Sofitel ist also nicht die erste, die dem IWF-Chef zu schaffen macht. Die interne Ermittlung nannte sein Verhalten damals "bedauerlich" - entlastete ihn aber. Die Pariser Presse feierte den "Freispruch" als Sieg des libertären Frankreich über das puritanische Amerika.

In den einflussreichen Pariser Zirkeln ist bekannt, dass DSK einen sehr freizügigen Lebenswandel pflegt. Was in Deutschland oder England umgehend dicke Schlagzeilen bewirkt hätte, wurde in Paris unter den Tisch gekehrt. So erzählte die Parlamentsabgeordnete Aurélie Filippetti vergeblich, wie sie auf "sehr lästige, sehr betonte" Weise von ihrem Parteifreund DSK angemacht worden sei; seither achte sie darauf, sich nicht mehr mit ihm allein in einem Raum vorzufinden.

Zuvor hatte die 31-jährige Schriftstellerin Tristane Banon im französischen Fernsehen ausführlich geschildert, wie Strauss-Kahn einen Interview-Termin mit ihr missbraucht habe. In seiner Garçonnière habe er sich nach einem fünfminütigen Interview an sie heran- und über sie hergemacht. "Es war sehr, sehr gewaltsam", meinte Banon in der Talkshow; sie habe sich mit Fußtritten gegen den Politiker gewehrt und befreit, nachdem sie ihn erfolglos der "Vergewaltigung" bezichtigt habe.

Diese Episode wurde immerhin im TV ausgestrahlt. Allerdings erst, als Strauss-Kahn in der Vor-ausscheidung für die Präsidentschaftswahl ausgeschieden war. Und: Sein Name wurde in Banons Schilderung von einem Piepston überblendet. Das französische TV-Publikum durfte sich also an der knackigen Geschichte ergötzen - aber nicht wissen, wer der Täter war. Noch im selben Jahr wurde DSK Generaldirektor des Währungsfonds. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.5.2011)

Silvio Lackner
02
17.5.2011, 16:16
Dass ein Zimmermädchen aus den Bronx das einfach macht (ihn vor den Kadi zu zerren), das macht mir Amerika doch wieder sympathisch.

In Europa kuscht man viel zu sehr vor dem Geldadel. Das ist Dekadenz. Dass Zuwanderer in New York es als selbstverständlich erachten, sich Recht zu verschaffen, ist einfach Freiheit. Und dafür steht Amerika ja, laut Verfassung.

Verleihnix
 
01
17.5.2011, 15:41
Das soll "freie Liebe sein"?

Die Anklage lautet auf Vergewaltigung und dürfte den Sachverhalt eher treffen. Die Pariser Zustände würde ich als "Mauer des Schweigens" bzw. "omertà der Pariser Medien" bezeichnen.

Kein_Postingname
00
17.5.2011, 12:33
Es sollte zu denken geben …

… dass Menschen wie ESK derart mächtig werden können. Psychische Störungen wie seine sind ja nicht wirklich unmerklich für Mitmenschen, aber das reicht offensichtlich nicht dazu, so jemanden nicht in Führungspositionen haben zu wollen.

Heinz Anderle
 
20
16.5.2011, 21:01
Mediales Feigenblatt:

Jetzt steht er nackter da als je zuvor.

Und ja, mir erscheint die puritanisch-jakobinische Einstellung und Auffassung eines Amtes und seiner Ausführung als die einzig angemessene. Für und vor allem gegen Laster und Korruption gab es einst ein für seinen Mark und Bein durchdringend scharfen Klang gerühmtes französisches Originalinstrument.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Manon
13
16.5.2011, 20:21

....gelten strenge Sitten, strengere jedenfalls als in Paris, der Stadt der (freien) Liebe."

Die Pariser Presse feierte den "Freispruch" als Sieg des libertären Frankreich über das puritanische Amerika.

Es ist traurig, dass der Komentator diese zynische und frauenfeindliche Worte einfach so in den Raum stellt, ohne darauf einzugehen wie hier die Opfer verhöhnt werden.

Wie kann eine libertäre Einstellung (für mich etwas Positives) Vergewaltigung und Übergriffe rechtfertigen. Und was ist puritanisch daran, wenn die Täter bestraft werden? Oder sind wir wieder in den miefigen 50iger/frühen 60iger Jahren, wo Frauen wegen aufreizenden Verhaltens/Kleidung/ "leichten" Lebenswandel eine Mitschuld an Übergriffen zugesprochen wurde? Zum kot

emanze c
01
16.5.2011, 19:26

""Es war sehr, sehr gewaltsam", meinte Banon in der Talkshow; sie habe sich mit Fußtritten gegen den Politiker gewehrt und befreit, nachdem sie ihn erfolglos der "Vergewaltigung" bezichtigt habe. "

Falsch übersetzt, ebenso wie seit 2 Tagen US amerikanische Detectives (= Polizisten) hier "Detektive" genannt werden. Im franz Originaltext sagt sie, dass sie ihn, während er versucht hat, ihr gewaltsam die Jeans auszuziehen, ihn durch das ins Gesicht sagen von "Vergewaltigung" einzuschüchtern/aufzuschrecken, was zu keiner Reaktion geführt habe.

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