Der sozialistische Politiker stand in Paris seit langem im Ruf eines gnadenlosen Schürzenjägers
Paris - Dominique Strauss-Kahn war gewarnt: In New York, und ganz besonders bei den internationalen Gremien wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank, gelten strenge Sitten, strengere jedenfalls als in Paris, der Stadt der (freien) Liebe."
So zu lesen im Standard im Oktober 2008. Der Anlass? Eine Liaison mit Piroska Nagy, einer ranghohen Ökonomin des IWF. Die Affäre im New Yorker Sofitel ist also nicht die erste, die dem IWF-Chef zu schaffen macht. Die interne Ermittlung nannte sein Verhalten damals "bedauerlich" - entlastete ihn aber. Die Pariser Presse feierte den "Freispruch" als Sieg des libertären Frankreich über das puritanische Amerika.
In den einflussreichen Pariser Zirkeln ist bekannt, dass DSK einen sehr freizügigen Lebenswandel pflegt. Was in Deutschland oder England umgehend dicke Schlagzeilen bewirkt hätte, wurde in Paris unter den Tisch gekehrt. So erzählte die Parlamentsabgeordnete Aurélie Filippetti vergeblich, wie sie auf "sehr lästige, sehr betonte" Weise von ihrem Parteifreund DSK angemacht worden sei; seither achte sie darauf, sich nicht mehr mit ihm allein in einem Raum vorzufinden.
Zuvor hatte die 31-jährige Schriftstellerin Tristane Banon im französischen Fernsehen ausführlich geschildert, wie Strauss-Kahn einen Interview-Termin mit ihr missbraucht habe. In seiner Garçonnière habe er sich nach einem fünfminütigen Interview an sie heran- und über sie hergemacht. "Es war sehr, sehr gewaltsam", meinte Banon in der Talkshow; sie habe sich mit Fußtritten gegen den Politiker gewehrt und befreit, nachdem sie ihn erfolglos der "Vergewaltigung" bezichtigt habe.
Diese Episode wurde immerhin im TV ausgestrahlt. Allerdings erst, als Strauss-Kahn in der Vor-ausscheidung für die Präsidentschaftswahl ausgeschieden war. Und: Sein Name wurde in Banons Schilderung von einem Piepston überblendet. Das französische TV-Publikum durfte sich also an der knackigen Geschichte ergötzen - aber nicht wissen, wer der Täter war. Noch im selben Jahr wurde DSK Generaldirektor des Währungsfonds. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.5.2011)