Die berechtigt schlechte Nachrede einer Ehefrau

Margarete Affenzeller , 16. Mai 2011, 17:35

Peter Sellars' "Desdemona" hatte als gefühlvoll intoniertes Erzähltheater im Theater Akzent seine Uraufführung

Wien - Seinem letztjährigen Othello, den man in erster Linie Philip Seymour Hoffmans wegen in Erinnerung behalten hat (er spielte den Intriganten Jago), schickt Regisseur Peter Sellars nun noch eine Desdemona hinterher: Die vom schwarzen Heerführer aus Eifersucht erdrosselte Gattin meldet sich mit weiblicher Verstärkung aus dem Jenseits zurück.

Im Beisein eines geschmeidigen Frauenchors gibt sie uns, den Nachgeborenen und mit Shakespeares verheerendem Tragödienschluss Alleingelassenen noch ein paar Ezzes in Sachen Rassismus, Liebe, Glück und Unglück im Umgang mit herrschsüchtigen Männern mit auf den Weg. Keine Geringere als Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat zusammen mit Peter Sellars und der Sängerin Rokia Traoré diese Desdemona-Rede geschrieben, als gefühlvoll intoniertes Erzähltheater hatte es am Sonntag im Theater Akzent seine Uraufführung.

Und als hätte es kein Erzähltheater vor ihm je gegeben, platziert Sellars die New Yorker Schauspielerin Elizabeth Marvel in einer Mikrofoninstallation an der Rampe und lässt sie, von den geschmeidigen Gesängen und Bewegungen dreier Background-Girls unterstützt, ihre scheinbar feministischen Anliegen vorbringen. Dabei bleiben die Rollenbilder der Geschlechter in den gefestigten Mustern stecken (Stichwort: Sinnlichkeit der Frauen), und es ergießen sich mit der lieblichen Musik von Rokia Traorés Band antirassistische Plattitüden über die Zuschauerschaft, dass man nicht recht weiß, wie ernst man das denn nun nehmen soll.

Aus der unerfreulich zu Ende gegangenen Ehe ziehen Desdemona und Othello nunmehr die Erkenntnis, dass sie schon viel früher so offen und ehrlich miteinander hätten sprechen sollen, wie sie es in den von Marvel stimmstark vorgetragenen Dialogen post mortem nun getan haben. Nachher ist man eben immer klüger. Auch das einstige Kindermädchen Desdemonas, eine liebevolle, schwarze Sklavin namens Sa'ran, hat über die schöne Stimme Traorés noch einige Korrekturen in Bezug auf ihre Person durchzugeben, detto Emilia und Cassio, zwei an der Intrige unterschiedlich schwerwiegend Beteiligte. Das ist außerdramatische Hintergrundinfo, die man eher als Proseminarthema denn als Theateraufführung erwartet.

Der inhaltlichen Schwäche dieser Produktion steht ein nicht minder unbedarftes, auf Wohlfühlstimmung abzielendes Bühnengeschehen entgegen, in dem der groß projizierte Text (deutsche Übersetzung) integraler Bestandteil ist, getaucht in das Licht- und Schattenspiel des Sellars-erprobten James F. Ingalls. Dem kontemplativen Abend wurde schlussendlich aber heftig applaudiert. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 17. Mai 2011)

Pspe
00
19.5.2011, 00:19
peinlich

Ich habe die Aufführung heute gesehen, bin über die Kritik verärgert und möchte nur anmerken, dass Toni Morrisons Text selbstverständlich sehr viel mehr zu bieten hat als "ein paar Ezzes" und als "außerdramatische Hintergrundinfo". Wie arrogant und vor allem wie, pardon, unbedarft dürfen Rezensenten hierzulande eigentlich sein?

person
00
17.5.2011, 21:32
Meinung von einer, die Toni Morrison gelesen hat und Sonntag Abend da war

Ich bin Sonntag Abend irgendwie ratlos und enttäuscht hinausgegangen. Mir ging es mit dem Stück wie M. Affenzeller, ich kann ihrer Kritik 100% folgen.
Ich habe ziemlich alle Bücher von Toni Morrison gelesen. Was ich auf der Bühne des Theater Akzent wieder erkannt habe, waren wohl Muster (tote Frauen, starke Frauen, die sich ihre Freiheit in einem von anderen bestimmten Rahmen nehmen) aus ihrem Werk, aber die Texte waren flach und kraftlos (vom Eingangssatz Desdemonas, der noch nach Toni Morrison klang) und mit der Inszenierung ist das dann überhaupt zu so einer Art christliche Frauensingrunde/quilting bee mit großer Versöhnung (auch mit d. Männergewalt an Frauen) verkommen.
Schade.

Mr. Mag.
11
16.5.2011, 22:38
Die unberechtigt schlechte Nachrede von Frau Affenzeller

Wenn es nicht unpassend wäre müßte man die rote Karte zücken.
Aber die droht ja "unbedarften" und sprachlich nicht gerade "geschmeidigen" Rezensentinnen leider nicht in unseren Landen.
Allein der denkwürdige Satz:
"es ergießen sich mit der lieblichen Musik von Rokia Traorés Band antirassistische Plattitüden über die Zuschauerschaft, dass man nicht recht weiß, wie ernst man das denn nun nehmen soll. "
läßt mich fragen ob man Frau Affenzeller ernst nehmen kann.
Nein,nur leid tut sie mir die Arme.

Mr. Mag.
10
16.5.2011, 21:13
"Man kanns auch so sehen" Zitate dpa

Wien (dpa) - Es beginnt wie eine Mischung aus feministischer Theorievorlesung, Schnellkurs in political correctness und Ethno-Konzert. Doch Peter Sellars «Desdemona Project» verdichtet sich schnell zu einem sehr wortlastigen, doch hoch poetischen und auch humorvollen Gedankenexperiment.

Drohendes Pathos und der manchmal zuckende moralische Zeigefinger verflüchtigen sich in Traorés eindringlicher Musik. Berührende Momente entstehen, und am Ende singt die untote Amme voller Zärtlichkeit: «Wir werden danach beurteilt, wie wir lieben». Ein Resümee, das das Publikum mit langem, kräftigen Applaus für Inszenierung und Darsteller bestätigte.

IchbinIch5
21
16.5.2011, 22:06

Nicht ärgern - Frau Affenzeller konnte nicht einmal Googeln, wann "Othello" wirklich herauskam. Ich sag nur so viel - letztes Jahr wars nicht, auch wenn sie das schreibt :-)
Das Traurige ist ja, dass man solche Fehler und Schludrigkeiten schon akzeptiert - und halt weiß, dass in Österreich keine bessere Kritik zu haben ist.
Aber: Wenn man darauf hinweist, ist man der nervige Idiot - weil: Das bissl recherchieren kann man Theaterkritikern ja nicht auch noch zumuten.

IchbinIch5
01
17.5.2011, 07:59

Ich würde wirklich gerne wissen, warum das "rote Stricherl" - in den Artikeln (nicht nur diesem) sind wirklich furchtbare Recherchefehler. Zählt das bei Kulturjournalismus nicht? Stellen Sie sich vor, ein Politikjournalist weiss nicht, wann Obama Präsident wurde - wäre das nicht peinlich? Oder gelten für Theaterkritiken keine Qualitätskriterien, weil es eh nur um Daumen rauf oder runter geht?

Mr. Mag.
10
16.5.2011, 22:55
Da muß ich mich ärgern

Ich würde Frau Affenzeller ein Proseminar bei Herrn Stadelmaier empfehlen und dann noch eins und so weiter......
Dieses verquere Selbstbewußtsein gepaart mit völliger Inkompetenz verblüfft und ärgert mich immer wieder.
Man muß sich sehr anstrengen um diese Niveau zu unterbieten.

IchbinIch5
10
17.5.2011, 07:56

Sie haben ja Recht. Da zeigt sich auch der Unterschied: Ich bin fast nie einer Meinung mit Herrn Stadelmaier, aber selbst dann sind seine Texte toll zu lesen. Es geht also weniger um das Urteil, die einstellung zu einem Abend, sondern um handwerkliche kriterien, um Stil. Aber man muss ja nur sehen: Für die Jahreswertung befragt Theater heute Kritikerinnen und Kritiker fast aller Medien - aber aus Österreich sind nur Kralicek und Cerny dabei. Kein Standard und schon gar keine Presse, die noch schlimmer ist ...

Mr. Mag.
10
16.5.2011, 21:09
Hartmut Krug Deutschlandfunk

Ohne Zickenalarm liest es sich so:
Barfuß, in bodenlangen, schulterfreien Kleidern, in wechselnden Farben wunderbar ausgeleuchtet, so stehen Sängerin und Chor auf der Bühne. Und die Sprecherin der Desdemona wandert von Mikrofon zu Mikrofon, mehr äußere Aktion gibt es nicht. Dieser überzeugende Abend ist eine einzige edle Kunstanstrengung. Peter Sellars musikalisches Schauspiel oder, wie er es nennt, Hörspiel der Träume, kennt in seinem melancholisch getragenem Rhythmus, obwohl er von Mord und Vergewaltigung berichtet, keine Härte oder Extreme, keine Grobheiten und kein ausgestelltes Leiden, sondern nur den poetisch hohen Ton von Toni Morrison und die zart-kräftige Sinnlichkeit von Rokia Traorés Gesang.

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