Kirchenregeln für Umgang mit Missbrauch und ein Skandal

16. Mai 2011, 18:25
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In Italien gehen die Wogen wegen einer angeblichen Sex- und Drogenaffäre eines Priesters mit Jugendlichen hoch

"Komm, der Schnee ist da". Das SMS, das Riccardo Seppia an seinen jugendlichen Freund schickte, war keine Aufforderung zu einem Skiausflug. Den Schnee besorgte sich der 51-jährige Priester bei seinen zahlreichen Abstechern in den Mailänder "Gym Club", in dessen Sauna er häufiger Gast war. Das Kokain diente als Lohn für sexuelle Gefügigkeit.

Die am Samstag erfolgte Verhaftung des in Genua tätigen Pfarrers von Sestri Ponente hat in Italien großes Aufsehen erregt. In die Affäre sind nicht nur der Geistliche und Jugendliche verwickelt, sondern auch ein ehemaliger Seminarist, dem Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger vorgeworfen wird, sowie zwei Geschäftsleute. Die Polizei bezeichnet den Pfarrer als "Pendler in Sachen Sex und Drogen". Mit dem Seminaristen unterhielt sich Don Riccardo in "nicht wiederholbarem Jargon" über seine sexuellen Abenteuer. Die Jugendlichen, darunter einen 16-jährigen Ministranten, lud er meist per SMS in seine Pfarrwohnung. Am Montag wurde Seppia verhört.

"Scham und Empörung"

Die Verhaftung kam für viele "wie ein Blitz aus heiterem Himmel". Einige Gemeindemitglieder dagegen hatten bereits Verdacht geschöpft und ihre Kinder in andere Pfarreien geschickt. Er habe die Kurie bereits vor 30 Jahren gewarnt, versicherte Don Piercarlo Cassasa, in dessen Pfarre Seppia seine Priesterlaufbahn begonnen hatte. Auch dass der Verdächtige sich von Kollegen immer häufiger Geld lieh, hatte Argwohn erregt.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, der am Sonntag in Seppias Heiliggeist-Kirche einen Gottesdienst zelebrierte, sagte, der Fall erfülle die Kirche mit "Scham und Empörung". Dass Bagnasco unmittelbar nach Verhaftung des Priesters dessen Pfarre besuchte, wurde als klares Signal dafür gewertet, dass die italienische Kirche mit der bisher oft gezeigten Zögerlichkeit bei Verfolgung pädophiler Priester endgültig Schluss machen will. Allein in diesem Frühjahr sind in Italien bereits drei Priester wegen Kindesmissbrauchs zu Haftstrafen bis zu 15 Jahren verurteilt worden.

Rundschreiben des Vatikans

Zwei Tage nach der Verhaftung veröffentlichte der Vatikan am Montag neue Instruktionen über den Umgang mit Missbrauchsfällen. In einem Rundschreiben an alle Bischöfe stellt die Glaubenskongregation erneut klar, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern nicht nur eine Straftat nach dem Kirchenrecht darstellt, "sondern auch ein Verbrechen, das der staatlichen Justiz angezeigt werden muss".

Die Kirche müsse "Bereitschaft zeigen, die Opfer und ihre Angehörigen anzuhören und für deren psychologischen Beistand zu sorgen". Die Priesterseminare müssten ihren Zöglingen "unbedingte Wertschätzung für Zölibat und Keuschheit nahelegen". Besonderes Augenmerk sei "auf Priesteramtskandidaten zu legen, die das Seminar wechseln". Der Vatikan ruft in dem Rundschreiben alle Bischöfe dazu auf, bei Verdacht auf Kindermissbrauch "jeden erdenklichen Einsatz zu zeigen." (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD-Printausgabe, 17.5.2011)

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    Die Kirche will nun auch besonderes Augenmerk "auf Priesteramtskandidaten legen, die das Seminar wechseln".

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