Lehrer müssen mangels Ausbildung auf Intuition setzen

16. Mai 2011, 16:16
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Stand der Lehrerbildung mangels Teilnahme an Studien unbekannt - Pädagoge Neuweg: "Nicht jeder darf Lehrer werden"

Wien - Wie bei einem Experiment in Physik oder Chemie gelten auch in der Pädagogik gewisse Gesetzmäßigkeiten. Während Lehrern die Regeln in fachlichen Fragen bei der Ausbildung beigebracht werden, müssen sie in pädagogischen Fragen hingegen "derzeit eher intuitiv" handeln, wie die Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien kritisiert. Bei einem heute gestarteten, zweitägigen Workshop der Arge Bildung und Ausbildung der Forschungsgemeinschaft (ÖFG) sollen nun Modelle für forschungsbasierte Lehrerbildung diskutiert und danach als Positionspapier veröffentlicht werden.

"Orientierungsloser Flug"

Von welchem Punkt dabei in Österreich gestartet wird, ist allerdings ungewiss, wie Konrad Krainer vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Uni Klagenfurt bei der heutigen Pressekonferenz zum Workshop-Start beklagt. In Deutschland wisse man wenigstens aus der Teacher Education and Development Study (TEDS) der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA), dass die Lehrerausbildung nur Mittelmaß ist. "Bei uns ist es schlimmer als in Deutschland: Wir wissen es nicht. Es ist ein orientierungsloser Flug durch eine sehr herausfordernde Umgebung", kritisiert er.

Taiwan und Russland herausragend

Darin, dass eine Reform nötig ist, zeigten sich die Workshopteilnehmer um Spiel dennoch einig. TEDS hat gezeigt, dass die Strukturen zentral für eine qualitätsvolle Lehrerausbildung sind, wie die Erziehungswissenschafterin Sigrid Blömeke von der Humboldt Universität Berlin ausführte. Herausragende Länder wie Taiwan oder Russland zeichnen sich demnach durch eine hohe fachliche Spezialisierung, Forschungsstärke der Ausbildungseinrichtungen, hohe Selektion vor der Ausbildung und strenge Vorgaben beim Studienplan aus. Es werde "aggressiv" um die besten jedes Jahrgangs geworben, im Gegenzug bekommen Lehrer hohe gesellschaftliche Anerkennung und Karrieremöglichkeiten.

Wenig gesellschaftliches Ansehen

Schwach abgeschnitten haben hingegen Länder wie Norwegen oder die USA: Dort kann jeder Lehrer werden, bis zum Ende der Sekundarstufe I (entspricht AHS-Unterstufe, Hauptschule) gibt es keine Fach- sondern Klassenlehrer, die Lehrerausbildungseinrichtungen haben hohe Autonomie und weder Curricula noch die Ergebnisse der Ausbildung werden evaluiert. Die Folge: relativ geringes Einkommen und gesellschaftliches Ansehen.

Dass eine rasche Verbesserung des Systems der Lehrerausbildung möglich ist, haben laut Blömeke etwa Norwegen oder Russland gezeigt: Norwegen habe nach dem "TEDS-Schock" innerhalb von eineinhalb Jahren sein System völlig umgestellt und damit Bildung in dem lange auf Öl und Fischerei fixierten Land höheren Stellenwert gegeben. Russland habe es mit seiner schon vor TEDS erfolgten Umstellung der Lehrerausbildung auf Universitätsniveau ebenfalls an die Spitze geschafft.

Finnland: 35 Jahre für Umstellung

In Finnland dauerte die Umstellung des Systems laut Hennele Niemi von der Uni Helsinki 35 Jahre, inklusiver vieler Konflikte zwischen den rein fachorientierten Unis und den ähnlich den Pädagogischen Akademien praktisch orientierten "Seminaren". Mit dem Ergebnis seien dann aber beide Seiten zufrieden gewesen.

Für Österreich hoffen die Wissenschafter auf einen rascheren Systemwechsel, doch der hängt laut Spiel von Faktoren wie Bildungspolitik und Gewerkschaft ab. "Bei günstigen Bedingungen geht es schnell", zeigte sich Krainer dennoch optimistisch. Wichtige Voraussetzung sei jedenfalls, Lehrer als "Hochleistungsberuf" zu positionieren, forderte der Pädagoge Georg Hans Neuweg von der Uni Linz. "Man muss deutlich die Botschaft absetzen: Nicht jeder darf Lehrer werden." (APA)

  • Das Problem in Österreich: Wenig Lohn und Anerkennung für Lehrer.
    foto: standard/cremer

    Das Problem in Österreich: Wenig Lohn und Anerkennung für Lehrer.

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