Mit Krach die grüne Schlafstadt aufwecken

18. Mai 2011, 16:40
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Das Wiener Herz schlägt noch nicht in Donaustadt, sagt Siedlungssoziologe Jens Dangschat im Interview - Knackpunkt: Innovative Ideen

Die Stadt Wien verfolgt ein ehrgeiziges Projekt. 20.000 Menschen sollen in der gerade neu entstehenden Seestadt Aspern leben, weitere 20.000 sollen zum Arbeiten nach Donaustadt pendeln. Die ersten Bewohner sollen schon 2013 einziehen. derStandard.at fragte bei dem Siedlungssoziologen Jens Dangschat von der TU Wien nach, wie so ein Mega-Bauprojekt gestaltet werden muss, um die Wiener auf die andere Seite der Donau zu locken.

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derStandard.at:In den Mailboxen der Redaktionen landen regelmäßig E-Mails, die von den Bauarbeiten in der Seestadt Aspern berichten. Wie denken Sie, nehmen jedoch die Wiener allgemein die Seestadt Aspern bislang wahr?

Jens Dangschat: In der Seestadt passiert natürlich etwas und auch ich bekomme immer diese Mails. Aber wer in Wien merkt das? Die Seestadt findet irgendwo statt und niemand bekommt etwas davon mit. Natürlich ist der 22. Bezirk nicht jener, in dem das Herz Wiens schlägt. Die Leute fragen sich, warum sie auf die andere Seite der Donau sollten. Da muss noch viel mehr passieren.

derStandard.at: Wie kann man die Leute dorthin locken? Wie können die heute 14-Jährigen schon jetzt dafür begeistert werden, in zehn Jahren in die Seestadt Aspern zu ziehen?

Dangschat: Diese Stadt ist ja allem Neuen und Fremden gegenüber nicht gerade aufgeschlossen. Es gibt auch keinen Grund dorthin zu fahren, wenn wir den Raum nicht öffnen, Freizeitkultur schaffen und auch Dinge hinbringen, die "Krach machen". Wir müssen die Stadt des 21. Jahrhunderts viel konsequenter gestalten. Energetisch schaffen wir das noch überhaupt nicht. Wir müssen an die Standards von übermorgen denken und nicht an die Standards, von denen wir glauben, dass sie heute innovativ sind. Das sind in fünf Jahren die Standards von gestern.

Dazu gehört, dass Aspern eine 24-Stunden-Stadt wird. Das bedeutet Pionierarbeit, um über Ladenöffnungszeiten nachzudenken. Denn wenn wir längere Öffnungszeiten in europäischen Städten erleben, genießen wir das. Und es ist auch in Wien machbar. Ich will gar nicht mit höheren Umsätzen argumentieren, sondern vom Standpunkt der Belebung der Stadt her: Nur wenn die Lichter brennen und in den Erdgeschosszonen etwas los ist, entsteht Leben in dieser neuen Stadt. Nur Menschen ziehen Menschen an. Unbelebte Orte gelten als suspekt, vielleicht werden sie sogar - zu Unrecht - als gefährlich wahrgenommen.

derStandard.at: Die Bauträger-Wettbewerbe für die Seestadt Aspern laufen. Bringen unterschiedliche Ideen und Bauprojekte automatisch Diversität - oder gilt auch hier: "Viele Köche verderben den Brei?"

Dangschat: Wie sich bereits schon beim Hauptbahnhof gezeigt hat: Die Summe aller Wohnbauprojekte ergibt noch keine Stadt.

Und in Bauträgerwettbewerben wird immer noch zu sehr auf das eine Baugrundstück Bezug genommen. Eine Stadt ist aber eben nicht nur ein Grundstück, das ein Investor nach bestimmten Regeln, bebaut. Wenn Aspern nicht in der grauen Masse untergehen soll, muss es ein Profil erhalten, womit es sich von den anderen Stadtteilen absetzt.

derStandard.at: Welche weitere Faktoren müssen bei der Planung eines Stadterweiterungsprojekts dieser Dimension beachtet werden?

Dangschat: Wichtig ist es, die richtige Mischung zu finden. Einerseits muss das Projekt finanziell und rechtlich abgesichert werden, andererseits muss die Planung für Prozesse offen gehalten werden. Denn keiner von uns weiß, wie wir in zehn oder 20 Jahren in der Stadt leben werden. Die große Gefahr sehe ich in der Überregulierung, die aus der Angst entsteht, dass das Projekt misslingen könnte. Aber letztendlich ist keine Stadt perfekt.

derStandard.at: Sind Sie der Meinung, dass die Planung bislang in zu engen Linien verlaufen ist?

Dangschat: Es gibt einen Masterplan, der nicht gerade das Kreativste für die Zukunft darstellt, sondern sehr stark an Historischem orientiert ist. Ich finde, man hätte mehr Mut haben sollen. Das setzt zum Beispiel voraus, dass man viel prinzipieller über Mobilität nachdenkt.

derStandard.at: 40.000 Menschen sollen die Seestadt Aspern in einigen Jahren frequentieren. Es ist anzunehmen, dass nicht alle Menschen öffentlich reisen werden. Wie können deren Autos sinnvoll in die neue Stadt eingeplant werden?

Dangschat: Es wird ja heute schon als Erfolg gefeiert, wenn nicht unter jedem Gebäude eine Tiefgarage entsteht, sondern man drei Gebäude zusammenfasst und nur eine Tiefgarage baut - damit nicht so ein Maulwurfshügel wie der Wienerberg entsteht. Das ist aber meiner Meinung nach immer noch nicht besser: Autos gehören an den Rand der Siedlung, an strategische Punkte.

Für die Seestadt Aspern könnte ich mir Fahrzeuge vorstellen, die sich im "shared space" bewegen und gegenüber den Fußgängern/Radfahrern benachrangigt sind. Man kann mit ihnen jederzeit innerhalb der Seestadt fahren, aber man besitzt sie nicht, es sind öffentliche Verkehrsmittel. Sie sind flexibel wie Autos, es gibt aber keinen ruhenden Verkehr - ein Grundübel in der Stadt.

Der große Vorteil wäre, eine ganz andere Stadt anbieten zu können. Eine Stadt, in der Fußgänger, Fahrradfahrer und Kinder einen ganz anderen Spielraum haben. Ich habe eine Alternative zur dicht verbauten Innenstadt und kann mit dem siebten Bezirk konkurrieren. Wir müssen lernen, eine Stadt zu nutzen, ohne in das Auto zu steigen.

derStandard.at: Die Diskussion um eine autofreie Stadt läuft ja seit Jahrzehnten. Zuletzt ist wieder eine heftige Diskussion um die Umgestaltung der Mariahilfer Straße entfacht. Was können Sie den Gegnern der autofreien Einkaufsstraße entgegenhalten?

Dangschat: Das ist alles Wortgeklingel, das kennt man ja seit mehr als dreißig Jahren. Die Einzelhändler protestieren im Rahmen dieser Diskussionen immer heftig und anschließend stellen sie fest, dass die Umsätze höher sind. Bis jetzt sind die innenstadtnahen Fußgängerzonen nie verödet. Denn die Stadtbewohner bekommend dadurch einen Flanierraum.

derStandard.at: Stichwort Freiräume: Denken Sie, dass das nach Beurteilung der bisherigen Planung bei der Seestadt Aspern gelingt? Der große Park und der See standen zum Beispiel ganz am Anfang der Planung.

Dangschat: Das ist sicherlich ein Vorteil, dass das dänische Institut die Planung vom öffentlichen Raum aus begonnen hat. Das ist ein Gegengewicht zu dem, was üblicherweise stattfindet - nämlich, dass möglichst viel Kubatur, also Fläche, die vermietet werden kann, generiert werden soll.

derStandard.at: Um die erste Frage aufzugreifen: Was muss konkret unternommen werden, um die Wiener mehr für die Seestadt Aspern zu begeistern?

Dangschat: Meiner Meinung nach muss die Werbung komplett umgestellt werden, die lautet, dass man in 17 Minuten von der Seestadt zum Stephansdom fahren kann. Die Werbung muss lauten, dass es keinen Grund gibt, zum Stephansdom zu fahren - außer vielleicht den Stephansdom selbst. Ich muss nicht in die Innenstadt: Denn alles was ich brauche, finde ich vor Ort vor. Umgekehrtes Denken ist wichtig, sonst wird die Seestadt Aspern das Image der grünen Schlafstadt auf der Wiese nicht los. (Julia Schilly, derStandard.at, 17. Mai 2011)

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    In Aspern wird intensiv gebaut - siehe Ansichtssache von der Baustelle. "Die Stadt des 21. Jahrhunderts muss noch viel konsequenter gestaltet werden", sagt Siedlungssoziologe Jens Dangschat im Interview.

  • Die heute 14-Jährigen müssten dafür begeistert werden, in zehn Jahren in das neue Wohngebiet zu ziehen, sagt der Wissenschafter.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Die heute 14-Jährigen müssten dafür begeistert werden, in zehn Jahren in das neue Wohngebiet zu ziehen, sagt der Wissenschafter.

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