Des Kaisers Kleider sind neutral

16. Mai 2011, 17:17
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Richard Maxwells "Neutral Hero"

Wien - Das Aufsagetheater von Richard Maxwell und seinen New York City Players gehört auf jeden anständigen Festivalprogrammzettel: Es passt ganz wunderbar in ein Bühnengeschehen, das sich mangels bedeutender Eigenleistungen vor allem in der "Vernetzung" übt. In Performances wie der Mythencollage Neutral Hero, die im Rahmen der Festwochen im Wiener Schauspielhaus zu sehen ist, erfährt das Märchen von Des Kaisers neuen Kleidern eine bedeutsame Umwertung. Personen in Alltagskleidern werden mit der Rezitation inkohärenter Texte an den Rand ihrer szenischen Leistungsfähigkeit geführt.

Zwölf Sessel, ebenso viele Darsteller; eine zentral sitzende Dame kratzt wundermild die Geige, ein wollbärtiger Mann entlockt dem Becken eines fragmentierten Schlagzeugs zarte Schwingungen. Das postdramatische Theater der New York City Players gibt sich nicht mit so randständigem Unsinn wie regelrechten Stücken ab. Es erinnert in Textabsonderungen eher an das pädagogisch wertvolle Schul- und Laientheater.

Die Schauspieler türmen die Partikel langweiliger Landschaftsbeschreibungen übereinander: Der Himmel über der US-amerikanischen Prärie ist blau. Die anonyme Kleinstadt versammelt Coffeeshops und Andenkenläden, und irgendwo liegt auch "Tuff's Hundefutterfabrik", wobei nicht auszuschließen ist, dass Maxwells erzählerische Übergenauigkeit bereits dem Willen zur "Dekonstruktion" entspringt. Immerhin plagen sich ganze Generationen theaterwissenschaftlich Versehrter mit dem inflationären Gebrauch dieses verschmockten Begriffes herum. In seinem Gefolge geht es meist nicht mehr theatralisch, sondern bereits "theatral" zu: Die Nachplapperer von Jacques Derridas Analysebegriff erkennt man zuverlässig am Weglassen der letzten Adjektivsilbe.

Man befindet sich mitten im finsteren Herzen Amerikas: Ein böser Papa hat sich jahrelang vor seinen Erziehungspflichten gedrückt. Immerzu ist vom Aufbruch die Rede; entweder lockt das Fernweh oder die Natur, oder der liebe Gott sendet schlechte Träume. In erschütternden Gruppenliedern, die jeder Adventistenvereinigung Unehre einlegen würden, wird das mangelhaft Aufbereitete und kummervoll schlecht Gespielte in kleine Andachtshappen zerlegt: Kommt, sagt es allen Leuten - Amerika wimmelt vor lauter meist anonym bleibenden Helden.

Ihrer Märsche hinaus in die Freiheit gedenken The New York City Players. Ihr Versuch, das Außerordentliche, somit "Heldische" als mittlere Größe wiedereinzuführen - das Theater also durch dessen Verzwergung zu retten, ist diesfalls gescheitert. So neutral muss man schon bleiben. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 17. Mai 2011)

  • Die New Yorker City Players singen erschütternde Lieder.
    foto: almudena crespo

    Die New Yorker City Players singen erschütternde Lieder.

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