"The Tree of Life"

Existenzielle Lektionen

Dominik Kamalzadeh aus Cannes, 16. Mai 2011, 17:05
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    foto: filmladen

    Großwerden in den USA der 1950er-Jahre zwischen fragiler Geborgenheit und väterlicher Strenge: Brad Pitt gibt in "The Tree of Life" das Familienoberhaupt.

Terrence Malick schenkt dem Wettbewerb von Cannes mit seinem beeindruckend spirituellen Film "The Tree of Life" einen ersten Höhepunkt

Die Ausnahmestellung des US-Filmemachers Terrence Malick mag eine Anekdote veranschaulichen, welche die Schauspielerin Jessica Chastain in Cannes bei der Pressekonferenz zu The Tree of Life erzählt hat: Beim Dreh einer Begräbnisszene mit Brad Pitt blieb die Kamera nicht etwa auf dem US-Star ruhen, sondern schwenkte an ihm vorbei auf einen Vogel, der sich überraschend am Himmel zeigte. Pitt fühlte sich keineswegs in seiner Eitelkeit gekränkt, sondern schwärmte über den enigmatischen Regisseur: "Malick versucht eben einzufangen, was sich im Augenblick vollzieht."

Seit über einem Jahr wartete man nun schon auf dessen erst fünften Film in ebenso vielen Jahrzehnten. Nun bescherte The Tree of Life dem bisher ein wenig träge dahinlaufenden Festival von Cannes einen künstlerischen Höhepunkt. Malick war schon immer ein romantischer Regisseur, der in Filmen wie Badlands oder The Thin Red Line die menschliche Suche nach Transzendenz mit hoher Sensibilität verhandelt hat. Doch mit keiner Arbeit hat er sich spirituell so weit herausgelehnt wie in dieser (wofür er erwartbar auch einige Buhrufe erntete).

Die fragile Geborgenheit einer Kindheit in den 1950er-Jahren steht hier in einem kosmischen Zusammenhang. Am Anfang steht die Erfahrung eines unerträglichen Verlusts: Ein Sohn einer Familie in Waco (Texas) kommt ums Leben, Trauer und Zorn über diesen Schicksalsschlag löst der Film jedoch nicht in einem dramatischen Sinne auf, sondern als assoziativen Bilderreigen, der in einer ersten, waghalsigen Sequenz sogar bis an die Anfänge des Universums führt - zu Galaxien im Weltall, einem brodelnden Planeten, den ersten Arten, Dinosauriern.

Malick geht es um eine Art Überwindung der indifferenten Natur (als evolutionäres Werden) mit den poetischen Möglichkeiten des Kinos: Jack (Sean Penn), der älteste Sohn der Familie, blickt als etwas zu plakativ gezeichneter Geschäftsmann aus der Gegenwart gequält zurück. Erinnerung wird zu einer Evokation von Sinneseindrücken, die sich zu elementaren Intensitäten eines weltlichen Daseins zusammenfügen. Wie schon in anderen Filmen Malicks ist Sprache in The Tree Of Life weitgehend auf Voice-over-Flüsterstimmen beschränkt. Emmanuel Lubezkis großartige, fließende Kameraarbeit lässt einen an Wahrnehmungen, an den Figuren in äußerst haptischem Sinn teilhaben.

So sieht man der Entwicklung eines Kindes zu, den ersten Schritten, dem Spiel mit den Brüdern, den erzieherischen Einschränkungen, die vom strengen Regiment des Vaters (Brad Pitt) kommen, dem Schutz, den eine Mutter (Jessica Chastain) gewährt; und so erfasst man existenzielle Lektionen, die aus dem gesellschaftlichen Miteinander hervorgehen - die Erfahrung von Schuld, die Notwendigkeit der Rebellion, den Trost der Liebe.

Die Schönheit von Malicks Kino ist eine, die sich der Wiederherstellung der Wirkkraft von Bildern verdankt: Alles liegt ausgebreitet vor einem da. Das mag nicht in jedem Moment dieses beeindruckenden Films funktionieren, da manche Bilder schon zu sehr von anderen Kontexten überlagert sind, aber es ist ein Wagnis, das jeden Respekt verdient. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 17. Mai 2011)

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21 Postings
danielle durands schatten
00
19.5.2011, 15:08
...assoziativen Bilderreigen... zu Galaxien im Weltall, einem brodelnden Planeten, den ersten Arten, Dinosauriern.

puh, wenns der regisseur dann noch schafft, dass das ganze KEIN sentimentaler ami-kitsch wird, verdient er respekt.

für meinen teil halte ich malick aber für *etwas* überschätzt. "the new world" triefte vor kitsch, und "thin red line" war ein mehr oder weniger gut gemachter kriegsfilm, mehr aber auch nicht. "badlands" ist schon genial, danach gings Mmn stetig bergab.

madeingermany
00
17.5.2011, 11:23
Die Artikel im

Spiegel, in der FAZ und der Süddeutschen sollte man auch noch lesen!

girls in the cage
00
17.5.2011, 07:28

"wofür er erwartbar auch einige Buhrufe erntete"

De facto, laut französischen TV, wurde er regelrecht ausgebuht -also auf die schlimme art und weise!

hoff mal der Film ist wirklich kein (wunderschön anzusehender) Verhau wie bereits von einigen Seiten zu hören war.

Lord Jim
02
17.5.2011, 11:04

sollte mehr bewaffnete anwälte geben die lautstark nervende kinobesucher erschießen wie in russland während einer vorführung von black swan.diese buhrufe zeugen nur von der barbarei des festivalpublikums, und malick ist wie alle großen dazu verdammt perle vor die säue zu werfen. daß ihm ernsthaft vorgeworfen wird sich dem interviewzirkus zu entziehen zeugt bereits von idiotie.

Alter Störenfried
00
17.5.2011, 09:25
counter-applause

The many supporters of the movie pushed back with counter-applause, but it was a shocking way for the movie to debut.

http://insidemovies.ew.com/2011/05/1... of-life-2/

Sehr positiv diese Rezension: http://www.spiegel.de/kultur/ki... 24,00.html

Alter Störenfried
00
17.5.2011, 09:49

http://blogs.suntimes.com/scharres/... itsch.html

"I have mixed reactions to Malick's body of work, so I try to take each film as it comes without being predisposed to love it or hate it."The Tree of Life" is gorgeous to look at, lyrical, mystical, conspicuously spiritual in its message, and appears to have autobiographical elements. It's also, in part, profoundly kitsch."

Buttock
02
17.5.2011, 02:05
Ich warte...

.... Jetzt schon 2 Jahre auf diesen Film und bin schon so gespannt! Hoffentlich hält er alles was er verspricht!
Übrigens: schöner artikel!

an kog
02
16.5.2011, 23:02

Der Film wird sicher wie immer ein Wahnsinn.

Man muss sich nur eine Vorstellung suchen in der keine Leute mit falschen Erwartungen sitzen...

Timagoras
 
00
17.5.2011, 00:14
und weißt Du was?

ich mag auch Brad Pitt.
auch wenn (oder gerade weil?) er nicht mehr so sexy-knackig-schön ist, wie in den 90ern.
(und auch wenn das total entgegen dem common sense ist) ;o)

Alter Störenfried
00
17.5.2011, 21:33
Bereits davor umwerfend...

"12 Monkeys"
"Fight Club" (auch wenn da Edward Norton kaum zu übertrumpfen war)
"Snatch"
"Babel" (der Film war naja aber er war großartig)
"The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford"

...alles vor seinem herrlichen Auftritt in "Burn After Reading".

Alter Störenfried
00
17.5.2011, 21:44
Hoppala.

Die Antwort hätte bei an kog erscheinen sollen...

an kog
01
17.5.2011, 07:47

Den Pitt muss man eh mögen. Spätestens nach "Burn After Reading".
Ich habe eh nie verstanden was alle gegen den Pitt haben...

Timagoras
 
00
17.5.2011, 14:19
"Spätestens nach "Burn After Reading""

.
esatto! :o)

Arjun
01
16.5.2011, 20:57

Kinostart: 16. Juni

Früher war alles schlechter!
31
16.5.2011, 18:57

Das wahre Filmplakat, von der Marketingabteilung zensuriert:
http://www.theshiznit.co.uk/media/May... f-life.jpg

Quelle:
http://www.theshiznit.co.uk/feature/i... -truth.php

an kog
04
16.5.2011, 23:01

Gerade mit Malick wird man nicht gerade mit Oscars überschüttet.

Siehe "The thin red Line", sieben Nominierungen und mehr oder weniger alle gingen an "Soldat James Ryan".

Jon Steinberg
04
17.5.2011, 01:56
Und James Ryan ist ein wirlich sehr, sehr schlechter Film

Während Thin Red Line wohl das Genere Kriesfilm/Antikriegsfilm neu definiert hat.

Sir Panda
 
01
17.5.2011, 02:16

kann man so nicht sagen. Der Soldat James Ryan ist ein ganz gelungener Film, aber bei weitem kein Meisterwerk. Für mich ist der schmale Grat einer der besten Filme überhaupt. Viele andere verstehen ihn aber leider nicht.

anthropophagus
02
17.5.2011, 15:02
ja stimmt,

saving private ryan hat nur einen visuell und vor allem tontechnisch starken anfang. war für die damalige zeit genreprägend. das drehbuch hingegen ist kompletter schrott -um nichts besser als die italo-kriegsfilme aus den 70er jahren.
thin red line ist visuell und gestalterisch außergewöhnlich - wenn auch mehr ein fragment als ein wirklich fertiger film.

Sir Panda
 
00
17.5.2011, 16:17

Fragment, stimmt allerdings!
Aber ich hab schon die Hoffnung auf einen Directors Cut aufgegeben...

Alter Störenfried
00
16.5.2011, 18:35
Boo?

"It’s daunting to describe Terrence Malick’s The Tree of Life, but scattered audience members at its first screening in Cannes needed only one syllable: boo."

http://insidemovies.ew.com/2011/05/1... of-life-2/

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