"Früher war die Sozialdemokratie fast wie eine Religion"

18. Mai 2011, 12:56
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Elisabeth Pittermann über den schwierigen Realitätsbezug in der Spitzenpolitik

"Wenn die Bildungspolitiker gesagt haben, schickt eure Kinder in die Schule, dann haben das die Leute früher eher getan", sagt Elisabeth Pittermann, Stadträtin und Abgeordnete zum Nationalrat im Ruhestand. Im derStandard.at-Interview spricht sie über die schwindende Mobilisierungskraft der Sozialdemokraten, die Gründe für die mangelnde Repräsentanz von "Arbeiterkindern" in den Spitzengremien der SPÖ und warum man in poltischen Funktionen Gefahr läuft, die Bodenhaftung zu verlieren. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Was sind derzeit die wichtigsten Themen für die österreichische Sozialdemokratie?

Pittermann: Die wichtigsten Themen sind, das Sozialsystem zu festigen und die EU sozialer zu gestalten. Für mich ist die EU das größte friedenssichernde Projekt, als solche akzeptiere ich sie. Aber es ist eine EU der Konservativen und der Wirtschaft. Es ist keine soziale EU. Das bestürzt die Leute.

derStandard.at: Bewegt sich Werner Faymann zu wenig auf dem europäischen Parkett?

Pittermann: Nein, das denke ich nicht. Wir leben in einer international sehr unruhigen Zeit. Schön langsam muss man sich aber die Frage stellen, ob die Eurozone so wichtig ist, dass man keinen aus der Eurozone austreten lassen kann. Und wir müssen uns die Frage stellen, inwieweit ein Land die Schulden eines anderen tragen muss. Wir haben mehrere Tausend Leute, die an und unter der Armutsgrenze leben.

derStandard.at: Der soziale Frieden ist aber ein zentraler Faktor, wenn es um die Sicherung des Friedens im Allgemeinen geht.

Pittermann: Der soziale Unfrieden ist in Griechenland jetzt schon relativ groß. Man müsste sich anschauen, ob es für Griechenland gescheiter wäre, wieder zu ihrer alten Währung zurückkehren. Aber ich bin keine Fachfrau in Wirtschaftsfragen.

derStandard.at: Sie sind in einer sozialdemokratischen Akademiker-Familie groß geworden. Ihr Vater Bruno Pittermann stammt wiederrum aus einer Arbeiterfamilie. Wie hat er den Aufstieg geschafft?

Pittermann: Meine Großmutter war Köchin und Dienstmädchen, mein Großvater war Arbeiter und gewerkschaftlich engagiert. Dieser hat es dann zu seinem größten sozialen Aufstieg als Krankenkassa-Kontrollor geschafft. Seine Eltern haben meinem Vater die Matura und ein Studium ermöglicht. Zur Matura hatte er nicht einmal einen Anzug, aber sie haben ihm das Wichtigste mitgegeben. Die Bildung.

derStandard.at: Nach wie vor ist die Arbeiterkinderquote an den Universitäten sehr niedrig.

Pittermann: Das ist schrecklich.

derStandard.at: Warum ist das so? Haben nicht auch die Sozialdemokraten in ihrer Bildungspolitik versagt?

Pittermann: Die Welt ist total anders geworden. Als mein Vater jung war, waren die Leute viel stärker in der Arbeiterbewegung verankert. Sie haben sich in ihrer Freizeit in den Sektionen engagiert, bei den Kinderfreunden oder den Naturfreunden. Heute hat man viel mehr Alternativen was die Freizeitgestaltung betrifft. Früher war die Sozialdemokratie fast wie eine Religion. Wenn die Bildungspolitiker gesagt haben, schickt eure Kinder in die Schule, dann haben sie das eher getan. Damals haben sich die LehrerInnen häufig noch um die SchülerInnen aus Arbeiterfamilien bemüht. Studiert haben auch damals nicht allzu viele. Das waren die Höchstbegabten von ihnen, während bei den Akademikerkindern unabhängig vom Talent der Weg vorgezeichnet war. Werkstudent zu sein, ist jedoch relativ bitter.

derStandard.at: Die derzeitige Regierung unter Faymann hat die Bedingungen für Arbeiterkinder jedoch zusätzlich verschärft. Die Familienbeihilfe wird nur mehr bis 23 ausbezahlt.

Pittermann: Mich hat das alles sehr unfroh gemacht. Kaum einer schafft es gerade jetzt, bis 23 fertig zu werden. Die Privilegierten können unter diesen Bedingungen eher studieren als die Nicht- Privilegierten.

derStandard.at: Reden wir über das politische Personal der SPÖ. Oft wird kritisiert, es dominiere der sozialdemokratische Adel, dem etwa Laura Rudas oder Niko Pelinka angehören.

Pittermann: Dem habe ich auch angehört. Ich bin aber erst in die Politik gegangen, als ich mich in meinem Beruf als Medizinerin etabliert hatte. Ich finde es schwierig, wenn man zu früh mit der Politik als Beruf anfängt und noch wenig Lebenserfahrung hat. Das heißt ohne vorher einen "nicht-politischen" Beruf ausgeübt zu haben. Man wird leichter abhängig. Und man sieht das Leben natürlich anders, wenn man ein "normales" Berufsleben führt. Meine Patienten und Patientinnen haben mich immer auf den Boden der Realität geholt. Sonst besteht die Gefahr, die Realität verzerrt zu sehen. Aber ich sehe keinen Grund, dass Kinder aus politischen Familien nicht in die Politik gehen sollen.

derStandard.at: Das steht außer Zweifel. Aber würde der SPÖ nicht eine bessere Durchmischung gut tun? Wie wäre es mit mehr Kindern aus Arbeiterfamilien?

Pittermann: Zu meiner Jugendzeit gab es noch den Verband Sozialistischer Mittelschüler und die Sozialistische Jugend. Diese Trennung fand jedoch nicht aus einem Snobismus heraus statt. Sondern man wollte auch jenen, die sich weniger gut ausdrücken können, eine Entwicklungsmöglichkeit geben, und der Dominanz der Mittelschüler vorbeugen. Aus der Sozialistischen Jugend sind hervorragende Leute gekommen, insofern war diese Trennung klug. Wer sich zum Facharbeiter ausbilden lässt, kann sich in den heutigen sozialdemokratischen Jugendorganisationen vielleicht weniger gut durchsetzen. Diese finden ihren Weg eher über die Gewerkschaftsjugend.

derStandard.at: Aber sollte eine Partei, die die breite Bevölkerung erreichen möchte nicht auch diese in ihren Spitzengremien repräsentieren? Besteht sonst nicht die Gefahr, dass man abhebt?

Pittermann: Es vergisst vielleicht jede "Schicht", woher sie kommt. Wenn man in einer gewissen Funktion ist, sind plötzlich viele sehr liebevoll bis devot zu einem. Einen Realitätsbezug in der Politik zu haben, ist nicht immer ganz einfach. Wenn ich noch dazu in einer privilegierteren Situation gelebt habe, weil ich aus einer Akademikerfamilie komme, weil es mir besser gegangen ist und meine Eltern keine finanziellen Probleme gehabt hat, erkennt man bestimmte Nöte vielleicht weniger. Meine Eltern haben mich erzogen die Welt der weniger Privilegierten zu erkennen und alles zu tun deren Situation zu verbessern und sich für jeden gleichermaßen aber für die weniger privilegierten noch mehr einzusetzen. Aber man darf niemanden einen Vorwurf machen, weil er aus einer besser gestellten Familie kommt, das wäre eine Diskriminierung, wie sie zum Teil im Ostblock stattfand. Eine stärkere Durchmischung ist immer wünschenswert, auch in der SPÖ. Es gibt in allen Parteien Rekrutierungsprobleme. Und so werden manche jugendliche Revolutionäre zum alten Langgedienten.

derStandard.at: Ihr Vater war fast zehn Jahre lang Vizekanzler in einer Großen Koalition. Hat sich die Kultur in der Große Koalition aus Ihrer Sicht seither verändert?

Pittermann: Früher gab es mehr Handschlagqualität. Man war nicht so oft per du wie heute, aber die schrecklichen Jahre der Diktatur führten dazu, dass man einander mehr achtete und weniger beleidigte, obwohl es damals schon dirty campaigning gab, welches sehr gegen meinen Vater gerichtet war. Man hat auch früher um vieles hart gerungen. Aber: Wenn etwas ausgemacht war, wurde das eher eingehalten.

derStandard.at: Der Regierung wirft man vor, dass sie inhaltlich nichts weiterbringt und Strache stärkt.

Pittermann: Auch früher wurde gestritten, jedoch weniger öffentlich.

derStandard.at: Ihr Vater war dafür bekannt, dass er ein blendender Rhetoriker war. Wie beurteilen Sie die Redekultur heute?

Pittermann: Wenn man nur vier Minuten Redezeit hat, ist man unter Druck. Früher war die Redezeit nicht so beschränkt. Damals waren Abgeordnete gezwungen, sich mehr eigenständig zu erarbeiten. Heute wird viel Vorarbeit von den Klubsekretären, die exzellente Aufbereitungen liefern, geleistet. Heute muss eine ungeheure Masse an Gesetzen bewältigt werden. Die Abgeordneten bekommen die fertig ausgearbeiteten Gesetze vorgelegt – sie haben wenig eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Wie ich aus Erzählungen von Leopold Gratz, der damals junger Klubsekretär war, weiß, hat mein Vater als geschäftsführender Klubobmann, gemeinsam mit dem Präsidenten des Hauptverbandes Dr. Melas und noch einem Dritten, das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz im Sommer 1955 geschrieben. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 18. Mai 2011)

ELISABETH PITTERMANN, geboren 1946 in Wien, studiere Medizin und war zuletzt Primaria im Hanuschkrankenhaus. Von 1994 bis 2000 war sie Abgeordnete zum Nationalrat. Von 2000 bis 2004 war Pittermann Wiener Stadträtin für Gesundheits- und Spitalswesen. In ihre Amtszeit fiel der Skandal um das Krankenhaus Lainz. Pittermanns Vater, Bruno Pittermann, war zehn Jahre lang Vorsitzender der SPÖ, von 1957 bis 1966 Vizekanzler, Klubobmann und Präsident der Sozialistischen Internationale.

  • Elisabeth Pittermann: "Man sieht das Leben natürlich anders, wenn man ein "normales" 
Berufsleben führt."
    foto: derstandard.at/burg

    Elisabeth Pittermann: "Man sieht das Leben natürlich anders, wenn man ein "normales" Berufsleben führt."

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