Schloss Elmau ist mehr als ein Wellness-Tempel der Luxusliga. Es ist ein Ort mit Geschichte für die körperliche und geistige Ertüchtigung
"Ist das Ihr erstes Elmau?", eröffnet eine eloquente Mittfünfzigerin auf Schloss Elmau in den bayerischen Bergen das Gespräch beim Abendessen und blickt selbstbewusst in die Runde. Es ist der Beginn eines Yogawochenendes mit zwei renommierten Lehrern - Patricia Thielemann aus Berlin und Patrick Broome aus München, dem Yogalehrer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Es gibt für die Gruppe extra bereitetes ayurvedisches Essen. Alle, die da sind, wollen es sich vier Tage lang richtig gutgehen lassen.
Nein, es sei wirklich nicht ihr erstes Elmau, sagt die Sitznachbarin links, nur sei sie sonst immer wegen der Kammerkonzerte gekommen oder wegen Schriftstellern, die hier im privaten Kreis lesen. Yoga sei neu in Elmau, und sie sei gespannt.
Eine reservierte Dunkelhaarige um die 40 erzählt, dass sie vor ein paar Jahren einmal sogar mit dem Sänger Thomas Quasthoff ganz ähnlich wie eben hier und jetzt beim Abendessen gemeinsam zum Sitzen gekommen sei. "Unvergesslich", schwärmt sie. Das Gespräch mäandert anekdotisch weiter, und schnell weiß man, dass diejenige, die zu erzählen begonnen hat, hier schon als junges Mädchen Quadrille tanzte.
Diese Bälle seien in gewissen Kreisen der deutschen Gesellschaft legendär gewesen. Das weiß auch eine andere am Tisch: Deren Mann sei als Soldat nämlich immer zu diesen Bällen in Elmau abkommandiert worden.
Spätestens jetzt ist Elmau-Neulingen klar: Dieser Ort ist mehr als ein Wellness-Tempel der Luxusliga, mehr als das "cultural hideaway", als das er sich vermarktet. Im Thomas Mann'schen Zauberberg-Ambiente werden ganz köstliche Geschichten verbreitet, und wer will, kann zuhören.
Etwa die des Gründers Johannes Müller-Elmau, eines Philosophen und Theologen, der dieses Schloss mit der finanziellen Unterstützung von Elsa Gräfin Waldersee als ein "weltentrücktes Refugium kulturprotestantischer Innerlichkeit und gemeinschaftlichen Lebens" gebaut hat. Schlichtes Abendessen an großen Tafeln, körperliche und geistige Ertüchtigung, Quadrille-Tanzen im großen Ballsaal, das waren Besonderheiten, die Gäste nur in Elmau fanden.
Wozu Orgasmus?
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss Fronterholungsheim, danach eine Tuberkulose-Heilanstalt. Erst 1951 kam es wieder in die Familie des Gründers, die die alten Traditionen fortsetzte. Junge Mädchen aus gutem Hause wurden nach Elmau geschickt, um einen Bräutigam zu finden, wird gemunkelt. Tau treten frühmorgens auf Almmatten nach einer durchtanzten Nacht oder mit weißen, wallenden Gewändern am Bergbach liegen, "das war sehr hippiesk", sagt eine, die es erlebt hat. Auch der Vortrag "Wozu Orgasmus?" in den 70er-Jahren soll legendär gewesen sein.
Katastrophisch dann der Brand 2005, der zwei Drittel der alten Bausubstanz zerstörte - ausgebrochen, weil der umstrittene Verwalter seine Heizdecke auszuschalten vergessen hatte.
Dietmar Müller-Elmau, Sohn des Gründers, hat das Schloss aber gerettet und ins 21. Jahrhundert überführt. Der Ballsaal ist dieses Wochenende eine Milonga, in der Paare in sich versunken Tango tanzen. Das Hotel ist vor allem aber auch ein Familienhotel: Gut betuchte Väter spazieren mit ihren Kindern und beobachten ein weißes Hermelin, das in den Almwiesen nach Futter sucht- im Family Spa bringen sie ihren Sprösslingen frühabends dann geduldig das Schwimmen bei. Im neuen Badehaus hingegen sind Kinder erst ab 16 Jahren zugelassen. Dort schlafen ausgepowerte Manager mit Blick auf den imposanten Wetterstein, wenn sie kurz aufwachen, plantschen sie müde im Dachpool vor derselben Kulisse und zwischen den Yoginis, die sich dann abends bei Tisch erzählen, was sie so alles erlebt haben: die Bibliothek, die Proberäume der Musiker, das Hamam oder den herrlichen Spaziergang 40 Minuten zu einem nahen Bergsee. Eine wohnt in Zimmer 219 und hat erfahren, dass Loriot hier den Sketch von Herrn Müller-Lüdenscheid und Doktor Klöbner geschrieben habe, den beiden, die gemeinsam in der Badewanne eines Hotelzimmers zu sitzen kommen und ausprobieren, wer länger die Luft anhalten kann.
Diese Art Atemübungen gibt es im Yoga auch. Am Sonntagabend ist für viele klar: Es war vielleicht das erste Elmau, wird aber sicher nicht das letzte gewesen sein. (Karin Pollack/DER STANDARD/Printausgabe/14.05.2011)