Matura auf österreichisch

16. Mai 2011, 00:39
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Eine Klasse mit 25 türkischen SchülerInnen wird von österreichischen LehrerInnen auf Deutsch unterrichtet. Nein, Schauplatz ist nicht Wien Ottakring, sondern am St. Georgs-Kolleg in Istanbul

"Und wovon träumst du?", fragt Deutschprofessor Kurt Herlt. "Ich träume von der Hausübung" antwortet ein Schüler. "Nein, das ist ein Albtraum" erwidert er. Die Klasse lacht, der Schmäh ist angekommen.

Es ist Donnerstagmorgen. Erste Stunde: Deutschunterricht. Eine von insgesamt 20 Deutschstunden pro Woche, die die SchülerInnen am St. Georgs-Kolleg der "Avusturya Lisesi" (Österreich Oberstufen-Gymnasium) in ihrem ersten Jahr absolvieren müssen. Es ist eine Vorbereitungsklasse (Hazırlık), die den Sinn hat, soweit Sprachkenntnisse zu vermitteln, um in den kommenden vier Jahren dem Unterricht auf Deutsch folgen zu können.

"Keines dieser Kinder konnte am Anfang des Jahres Deutsch", sagt Herlt. Jetzt scheinen sie ihn schon zu verstehen. Der Professor spricht langsam, deutlich. Er verwendet seine Arme und Hände, wenn es sein muss den ganzen Körper, um seinen Schützlingen das Begreifen leichter zu machen. Neue Wörter werden durch schon bekannte Umschrieben. Mit seinem bescheidenen Türkisch kann er sich jedenfalls nicht helfen.

Am Plan stehen heute Präpositionen. Die Klasse ist unruhig, in der nächsten Stunde ist Schularbeit. Eine, von insgesamt über 70 im Jahr. Die SchülerInnen tratschen auf Türkisch. Wenn Kurt Herlt um Ruhe bittet und sagt, sie sollen das Arbeitsbuch auf Seite 133 aufschlagen, wissen aber alle was zu tun ist und gehorchen brav.

"Türkische Kinder hier kann man mit türkischen Kindern in Wien nicht vergleichen"

Es sei schon eine Herausforderung und oft mühsam, sagt er in der Pause auf dem Weg zur nächsten Klasse. Wenn man Türkisch sprechenden Kindern Deutsch beibringen will, muss man aber eigentlich nicht nach Istanbul kommen. Das geht in Wien auch. Herlt weiß das. Er ist seit über 30 Jahren Lehrer, zuletzt im 18. Bezirk. Wozu dann das alles? Meine ironisch überspitzte Frage beantwortet er zunächst mit einem Lächeln. "Das kann man nicht vergleichen", sagt er schließlich.

Und er hat Recht. Denn außer der Muttersprache haben die Kinder hier wohl nicht viel gemeinsam, mit jenen türkisch sprechenden Migrantenkindern Wiens, die kein Deutsch können. Das St. Georgs-Kolleg ist eine Privatschule. 7.500 Euro beträgt das Schulgeld pro Jahr, Schulbücher exklusive. In den Klassen sitzen manchmal nur knapp über zehn, nie jedoch mehr als 25 SchülerInnen. Der Unterricht läuft fünf Jahre lang (ein Jahr Vorbereitung, vier Jahre regulärer Unterricht). Abschließen kann man sowohl mit der österreichischen Matura, als auch mit dem türkischen Diplom.

Von einer Eliten-Schule für reiche Kinder will der Direktor Alexander Zabini allerdings nichts wissen. Immerhin 20 Prozent der rund 550 SchülerInnen bekommen Stipendien. Und dennoch: Die Kinder, die auf den Straßen Taschentücher verkaufen oder für ein paar Münzen Plastikflöte spielen, sitzen hier nicht in den Klassen. Formal hat jedes Kind die Möglichkeit in diese Schule zu gehen. Am Ende der Unterstufe wird landesweit eine Prüfung abgehalten. Je nachdem, wie gut man abschneidet, kann man sich bessere oder schlechtere Oberstufen aussuchen. In der Praxis versteckt sich hier ein Mechanismus zur sozialen Selektion (das "wieso", würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wird aber noch in diesem Blog behandelt werden).

Sozioökonomischer Status und das Schulsystem

Vierte Stunde. Kurt Herlt ist in einer "Lise 3" (7. Gymnasium), einer Klasse, die er zur Matura führen wird. Hier spricht er schon schneller, natürlicher. Ege hat Referat. Er präsentiert einen Teil seiner Facharbeit zu Dantes "Die göttliche Komödie". Ege ist ein talentierter Redner. Er spricht frei und fließend Deutsch. Manchmal schleichen sich Fehler ein, manchmal fällt ihm ein Wort nicht ein, dann behilft er sich auf Englisch. Bevor er in die Abschlussklasse darf, muss er Deutsch auf C1 (Matura) Niveau können. Seine Karten stehen gut. Einen Vorarlberger-Stammtisch traue ich ihm zwar nicht zu, aber das wäre wohl wirklich zu viel verlangt.

Nach dem Besuch in der "Avusturya Lisesi" bleibt für mich die Frage: Wieso schafft es eine türkische Privatschule türkischen SchülerInnen Deutsch innerhalb kurzer Zeit beizubringen, und das österreichische Bildungssystem scheitert oftmals daran?

"Der Unterschied liegt im sozioökonomischen Status der Eltern", sagt Herlt. Wer für die Ausbildung seines Kindes ein Vermögen ausgibt, der hat auch das entsprechende Verständnis für Bildung und hat meistens selber einen gewisses Maß an formaler Bildung. Außerdem beherrschen die Kinder hier ihre Muttersprache perfekt, wenn sie in die Oberstufe kommen. Das sei ein zentraler Punkt, wenn es darum geht eine Zweitsprache zu lernen, so Herlt.

Ein anderer möglicher Grund liegt im Schulsystem. Wie erwähnt gibt es im ersten Jahr 20 Stunden Deutschunterricht pro Woche. In den folgenden Jahren sind es noch vier bis acht Wochenstunden. Zusätzlich werden auch die meisten Fächer auf Deutsch unterrichtet, vom ersten Tag weg. Nur Türkisch, Geschichte, Geografie, Staatsbürgerkunde, Soziologie und der Religions- und Ethikunterricht finden auf Türkisch statt. In Summe finden zwei Drittel der 38 Wochenstunden auf Deutsch statt, ein Drittel auf Türkisch. Die deutschsprachigen Stunden werden nahezu ausschließlich von Österreichischen LehrerInnen unterrichtet.

Religion muss draußen bleiben

Die Schule gehört seit der Gründung 1882 der katholischen Ordensgemeinschaft der Lazaristen. Der Direktor Zabini gehört nicht zu ihnen. Er erklärt, dass in der Schule Religion keinen Einfluss auf den regulären Unterricht nehmen darf. Daher sind auch alle religiösen Symbole- Kreuze wie Kopftücher- verboten. Die SchülerInnen sind zu 99% MusimInnen wobei die Religionszugehörigkeit bei der Aufnahme kein Kriterium ist. Auch bei den LehrerInnen nicht.

"Wenn die Kinder neu an der Schule sind, ist es mühsam. Sie können dann gar kein Deutsch und wir haben nie gelernt, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten", sagt Herlt. Es störe besonders, dass er nicht verstehe, was die SchülerInnen vor der Nase ihres Lehrers nuscheln und worüber sie kichern. Untereinander reden die Kinder freilich Türkisch, auch in den höheren Klassen. Ich kann Professor Herlt allerdings beruhigen: Die heranwachsenden sprechen über dieselben Dinge, wie in österreichischen Klassen auch. Jugendliche eben. (Yilmaz Gülüm, 16. Mai 2011, daStandard.at)

  • In den Klassen sitzen verhältnismäßig nur wenige SchülerInnen.
    foto: yilmaz gülüm

    In den Klassen sitzen verhältnismäßig nur wenige SchülerInnen.

  • Ege hält ein Referat zu Dantes "Die göttliche Komödie".
    foto: yilmaz gülüm

    Ege hält ein Referat zu Dantes "Die göttliche Komödie".

  • Kurt Herlt ist seit über 30 Jahren Deutsch und Englisch Lehrer. Seit diesem Schuljahr arbeitet er in Istanbul.
    foto: yilmaz gülüm

    Kurt Herlt ist seit über 30 Jahren Deutsch und Englisch Lehrer. Seit diesem Schuljahr arbeitet er in Istanbul.

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