Katie Mitchells Londoner Royal-Court-Inszenierung von Simon Stephens "Wastwater" kombiniert abgründige Dialoge
Ein Festwochen-Abend, der die Kehle zuschnürt.
Wien - Ein im Schatten der Berge liegender See ist Sinnbild und Titel von
Simon Stephens Drei-Szenen-Stück Wastwater. Dieser See nahe Lancaster,
"der tiefste des Landes", birgt am stillen Grund angeblich Leichen. Jeweils zwei
Menschen führen in Wastwater unheilschwangere Dialoge: Eine Pflegemutter
verabschiedet ihren jüngsten Schützling auf der Veranda; ein Rendezvous zweier
jeweils anderweitig verehelichter Menschen führt in einem Hotelzimmer an
Abgründe heran; und schließlich drittens: Ein Mann und potenzieller Vater wird
in einem offensichtlich kriminellen Adoptionsverfahren von einer Frau
schikaniert und terrorisiert.
In wenigen Hinweisen sind diese drei Dialogszenen miteinander verknüpft. Sie
alle finden zur selben Zeit statt, um neun Uhr an einem regnerischen Abend, und
sind durch beständigen Flugzeuglärm auch räumlich in nicht allzu großer Distanz
voneinander zu verorten. Die Figuren des einen Gesprächs sind - ähnlich wie in
Robert Altmans Short Cuts - jeweils Teil der anderen. Man lernt so
Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven kennen.
Ein Kunstgriff, der in Wastwater für einigermaßen Spannung sorgt,
zumal das Personal in Simon Stephens' Stücken immer abgründige Geheimnissen mit
sich herumschleppt. So hat der Pflegesohn den Unfalltod eines Freundes
verschuldet oder der Adoptivvater auf illegalen Webseiten nach Kindern gesucht.
Dahinter stecken keine Schuldzuweisungen, sondern gemeint sind Fehler, die
Menschen einfach machen.
Die wenigen, die Welt der insgesamt sechs Protagonisten verbindenden Sätze
sind die dramaturgische Feinmotorik dieses düsteren Stücks. Wie in einem Krimi
geht man auf Fährte und sucht in den Andeutungen nach Gründen, warum jemand das
geworden ist, was er ist oder das tut, was er eben getan hat oder tun wird.
Regisseurin Mitchell platziert diese sich rätselhaft entwickelnden Dialoge,
traditionell angelsächsisch in ganz realistischen Bühnensettings. Alle drei
Schauplätze erzeugen, in der Halle G im Museumsquartier von jeweils einem großen
schwarzen Passepartout umrandet, Unbehagen (Bühne und Kostüme: Lizzie Clachan).
Zunächst die bedrohlich schwüle, vom Verfall gezeichnete Veranda der
Pflegemutter in Flugplatznähe, dann das mintgrün-klinische Hotelzimmer des
abstrusen Dates. Oder die mit Wasserlachen übersäte Betonhalle des illegalen
Adoptionsgesprächs - über allen kreisen die Flugzeuge.
Mitchell inszeniert die unheilvolle Stimmung mit erstickender Vehemenz, so
viel Bedrohlichkeit ist man am zeitgenössischen Theter nur mehr selten
angehalten "nachzufühlen". Und es bleibt die Frage, ob nicht weniger Beklemmung
zugleich mehr Distanz und damit Verständnis für die Figuren ermöglichen würde. (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2011)