Gedanken mit Einflugschneisen

15. Mai 2011, 19:48
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Katie Mitchells Londoner Royal-Court-Inszenierung von Simon Stephens "Wastwater" kombiniert abgründige Dialoge

Ein Festwochen-Abend, der die Kehle zuschnürt.

Wien - Ein im Schatten der Berge liegender See ist Sinnbild und Titel von Simon Stephens Drei-Szenen-Stück Wastwater. Dieser See nahe Lancaster, "der tiefste des Landes", birgt am stillen Grund angeblich Leichen. Jeweils zwei Menschen führen in Wastwater unheilschwangere Dialoge: Eine Pflegemutter verabschiedet ihren jüngsten Schützling auf der Veranda; ein Rendezvous zweier jeweils anderweitig verehelichter Menschen führt in einem Hotelzimmer an Abgründe heran; und schließlich drittens: Ein Mann und potenzieller Vater wird in einem offensichtlich kriminellen Adoptionsverfahren von einer Frau schikaniert und terrorisiert.

In wenigen Hinweisen sind diese drei Dialogszenen miteinander verknüpft. Sie alle finden zur selben Zeit statt, um neun Uhr an einem regnerischen Abend, und sind durch beständigen Flugzeuglärm auch räumlich in nicht allzu großer Distanz voneinander zu verorten. Die Figuren des einen Gesprächs sind - ähnlich wie in Robert Altmans Short Cuts - jeweils Teil der anderen. Man lernt so Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven kennen.

Ein Kunstgriff, der in Wastwater für einigermaßen Spannung sorgt, zumal das Personal in Simon Stephens' Stücken immer abgründige Geheimnissen mit sich herumschleppt. So hat der Pflegesohn den Unfalltod eines Freundes verschuldet oder der Adoptivvater auf illegalen Webseiten nach Kindern gesucht. Dahinter stecken keine Schuldzuweisungen, sondern gemeint sind Fehler, die Menschen einfach machen.

Die wenigen, die Welt der insgesamt sechs Protagonisten verbindenden Sätze sind die dramaturgische Feinmotorik dieses düsteren Stücks. Wie in einem Krimi geht man auf Fährte und sucht in den Andeutungen nach Gründen, warum jemand das geworden ist, was er ist oder das tut, was er eben getan hat oder tun wird. Regisseurin Mitchell platziert diese sich rätselhaft entwickelnden Dialoge, traditionell angelsächsisch in ganz realistischen Bühnensettings. Alle drei Schauplätze erzeugen, in der Halle G im Museumsquartier von jeweils einem großen schwarzen Passepartout umrandet, Unbehagen (Bühne und Kostüme: Lizzie Clachan).

Zunächst die bedrohlich schwüle, vom Verfall gezeichnete Veranda der Pflegemutter in Flugplatznähe, dann das mintgrün-klinische Hotelzimmer des abstrusen Dates. Oder die mit Wasserlachen übersäte Betonhalle des illegalen Adoptionsgesprächs - über allen kreisen die Flugzeuge.

Mitchell inszeniert die unheilvolle Stimmung mit erstickender Vehemenz, so viel Bedrohlichkeit ist man am zeitgenössischen Theter nur mehr selten angehalten "nachzufühlen". Und es bleibt die Frage, ob nicht weniger Beklemmung zugleich mehr Distanz und damit Verständnis für die Figuren ermöglichen würde.   (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2011)

  • Die Pflegemutter Frieda (Linda Bassett) verabschiedet ihren jüngsten 
Schützling Harry (Tom Sturridge): "Wastwater" von Simon Stephens.
    foto: s. cummiskey

    Die Pflegemutter Frieda (Linda Bassett) verabschiedet ihren jüngsten Schützling Harry (Tom Sturridge): "Wastwater" von Simon Stephens.

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