Alltag in Bahrain: Vom Spital ins Gefängnis

Aus Erfahrungsberichten von Ärzte ohne Grenzen - von Christopher Stokes

Unabhängige Mediziner werden von den Behörden des Regimes unter Druck gesetzt, Krankenhäuser zur Ausforschung von Aktivisten der Opposition missbraucht.

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Im Königreich Bahrain droht Menschen, die von Sicherheitskräften verwundet wurden, die Festnahme. Ebenso kann die Tatsache, jemanden medizinisch zu versorgen, zu einer Gefängnisstrafe führen. Während der laufenden zivilen Protestbewegung werden die bahrainischen Gesundheitseinrichtungen für militärische Razzien gegen Protestierende verwendet- unterstützt vom Kooperationsrat der Arabischen Staaten des Golfes. Auch wichtige Verbündete außerhalb der Region schweigen zu diesem Vorgehen, allen voran die USA, die durch einen riesigen Marinestützpunkt starke Verbindungen zum Königreich haben. Diese Haltung kann nur als stilles Einverständnis zum Schlag der Militärs gegen die unabhängige Gesundheitsversorgung verstanden werden.

Militarisierungsprozess

In den vergangenen Wochen haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in mehreren Städten immer wieder Patienten gesehen, die man im Gefängnis schwer geschlagen oder gefoltert hatte - auch Schulmädchen, die sowohl körperlich misshandelt als auch mit Vergewaltigung bedroht worden waren. Zugleich geht die Militarisierung des einzigen öffentlichen Krankenhauses, Salmaniya, weiter: Panzer und Sicherheits-Checkpoints bei den Eingängen sind nach wie vor mit maskierten Soldaten besetzt, die ankommende Autos und Personen durchsuchen, weshalb viele Patienten, die dringend eine Spitalsbehandlung bräuchten, diese wegen des hohen Risikos, im Gefängnis zu landen, verweigern. Dazu kommt, dass nach wie vor auch Ärzte und Pflegepersonal im Zuge von Razzien in Gesundheitseinrichtungen oder bei nächtlichen Hausdurchsuchungen festgenommen werden. Insgesamt sind bisher 47 medizinische Fachkräfte von strafrechtlicher Verfolgung durch die Behörden Bahreins betroffen.

Je mehr aber das Gesundheitswesen in den Sog der Repression gegen die Protestbewegung gezogen wird, desto mehr sinkt das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Versorgungseinrichtungen: 88 Personen, die Ärzte ohne Grenzen in ihren Häusern besuchen konnte, riskieren, verhaftet zu werden, wenn sie in Gesundheitseinrichtungen auftauchen, weil sie bei Protesten durch Regierungskräfte verwundet wurden. Manche von ihnen müssten dringend ins Krankenhaus, um chirurgisch versorgt zu werden oder sich einer Röntgenuntersuchung zu unterziehen - doch wir können sie aus Sorge um ihre Sicherheit nicht überweisen. Denn die Krankenhäuser in Bahrain haben die Anweisung erhalten, jeden Patienten sofort der Polizei zu melden, der mit Verletzungen im Spital auftaucht, die mit den derzeitigen Unruhen in Zusammenhang stehen könnten.

Es besteht zwar in vielen Ländern eine gesetzliche Meldungspflicht für Verletzungen, allerdings zum Schutz der Opfer von Gewalt. In Bahrain hingegen werden heute Krankenhäuser missbraucht, um Verletzte aufzugreifen und sie ins Gefängnis zu bringen. Unsere medizinischen Teams sind daher mit der inakzeptablen Situation konfrontiert, zu wissen, dass Patienten, nach einer Behandlung im Krankenhaus ins Gefängnis kommen können, wo sich ihr Gesundheitszustand noch massiv verschlechtern wird:

Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben die Folgen von Gewalt und Folter bei den Häftlingen gesehen - die Folgen von Schlägen mit Eisenstangen, Stiefeln, Schläuchen und anderen Gegendständen auf den Rücken, die Beine, das Gesäß, die Genitalien und die Fußsohlen, wie auch die schweren Folgen psychischem Missbrauchs

Die Gewährleistung einer sicheren und unparteiischen Behandlung von Verletzten ist im humanitären Völkerrecht verpflichtend. Sie ist in Artikel 3 der Genfer Konvention von 1949 verankert und eine zwingende Rechtsvorschrift, die zu jeder Zeit gültig ist. Als Vertragspartei dieser Konvention müssen die Behörden Bahrains ihre Verpflichtungen hinsichtlich des Schutzes und der medizinischen Versorgung von Kranken, Verletzten und Häftlingen einhalten.

Obwohl wir jedoch eine Genehmigung haben, mit der Schulung von nationalem Gesundheitspersonal im Umgang mit psychischen Traumata zu beginnen, werden andere wesentliche Hilfeleistungen unserer Organisation nach wie vor blockiert. Auf unseren Antrag, ein Überweisungssystem zu errichten, durch das Ärzte ohne Grenzen verletzte Patienten in Gesundheitseinrichtungen begleiten und so lebensrettende medizinische Hilfe gewährleisten kann, wird immer noch nicht mit ausreichenden Sicherheitsgarantien für die Patienten entsprochen.

Die nationale Sicherheitsstrategie der Behörden Bahrains darf nicht auf Kosten von Menschenleben und auf Kosten der Gesundheit von Verletzten - ob in Krankenhäusern oder in Gefängnissen - durchgesetzt werden.

Ärzte und Krankenschwestern müssen ohne Angst vor Repressalien unter Einhaltung der medizinischen Ethik Hilfe leisten können. Dies ist unmöglich, wenn Gesundheitseinrichtungen mit Unterstützung der engsten Verbündeten Bahrains als Köder eingesetzt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2011)

Christopher Stokes leitet die Einsatzzentrale Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in Brüssel.

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