Wildschweine und Rehe sind nach wie vor belastet - Gesundheitsministerium: "Belastete Regionen untersucht"
Wien - 25 Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl sind Isotope, die bei jenem GAU freigesetzt wurden, noch immer in den österreichischen Wäldern zu finden - und im Fleisch des Wildbrets, das dort erlegt wird. Insbesondere Wildschweine sind davon betroffen, da sie im Boden wühlen und mit Radiocäsium kontaminierte Erde schlucken. Die Ergebnisse einer vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Ages-Studie zur Belastung von Wildbret zeigen, dass etwa zehn Prozent der untersuchten Wildschweine und etwa vier Prozent der untersuchten Rehe Cäsium-137-Werte über dem Grenzwert von 600 Bequerel pro Kilo aufweisen.
Diese Fakten machte nun Gesundheitsminister Alois Stöger auf Anfrage des grünen Landwirtschaftssprechers Wolfgang Pirklhuber publik. Nach dem Reaktorunfall galten besonders Pilze als verstrahlt - noch jetzt heißt es: "Aufgrund der deutlich höheren Bioverfügbarkeit von Radiocäsium in Waldböden im Unterschied zu Ackerböden sind Waldprodukte wie Wildpilze und Beeren noch immer vergleichsweise stark mit Radiocäsium belastet." Allerdings brauche man sich bei Eierschwammerln und Steinpilzen keine Sorgen zu machen, auch in Beeren werden keine bedenklichen Werte mehr erreicht.
Auch in Milch kann Radioaktivität noch gemessen werden
Der Grüne sorgt sich dennoch, weil er ein grundsätzliches Problem sieht: "Dass auch noch Jahrzehnte nach einer Reaktorkatastrophe Rückstände von Radionukliden in Lebensmitteln nachgewiesen werden können, offenbart den dringenden Änderungsbedarf an der aktuellen EU-Energie-Strategie, die am Ausbau der Atomenergie nach wie vor festhält."
In Produkten wie Milch, die häufig mehr Konsumenten erreichen als die Waldprodukte Wildfleisch (hier liegt der Durchschnittsverbrauch bei einem halben Kilo pro Kopf und Jahr), Beeren und Pilze, ist die dem Tschernobyl-Unfall zuzurechnende Radioaktivität zwar kaum bedenklich - gemessen werden kann sie aber immer noch.
Belastete Regionen im Test
Das Gesundheitsministerium verweist darauf, dass sich die Untersuchungen auf besonders belastete Regionen beziehen, in denen die radioaktiv belastete Wolke im Mai 1986 besonders viele Spaltprodukte abgelagert hat. Dort kommt es mitunter zu heftigen Grenzwertüberschreitungen im Wildfleisch: Der höchste gemessene Wert liegt bei etwa 6000 Bequerel je Kilo Fleisch, also zehnfach über dem Grenzwert.
Weil kaum jemand größere Mengen Wildbret genießt, sei aber auch das nicht so schlimm - und die Katastrophe von Fukushima ist bisher nur in vereinzelten Messungen in der Luft nachzuweisen. (Conrad Seidl, DER STANDARD-Printausgabe, 16.5.2011)