Neue Details: Brennstäbe in Reaktor 1 bereits am Morgen des 12. März zum großen Teil geschmolzen - 136 Meter langes Schiff soll verseuchtes Wasser aufnehmen
Tokio - Neue Angaben am Wochenende machten das Ausmaß der Schäden in der Atomruine Fukushima immer deutlicher. Die zum großen Teil geschmolzenen Brennstäbe sollen Löcher in den Boden eines der Reaktorkessel gefressen haben. Dies erschwert die Versuche, die Atomanlage unter Kontrolle zu bringen, hieß es.
Laut dem Betreiber Tepco dürften durch das nach dem Erdbeben und dem Tsunami entstandene heiße Gemisch aus Metall und Brennstoff im Boden des Reaktorbehälters Löcher entstanden sein. Deshalb dürfte der Reaktorbehälter nach Einschätzung eines mit der Krise befassten Regierungsberaters nicht wie geplant zur Kühlung mit Wasser geflutet werden.
Reaktor hätte gestoppt werden sollen
Nach der vorläufigen Einschätzung von Tepco seien die Brennstäbe im Reaktor 1 bereits um 6.50 am Morgen des 12. März zum großen Teil geschmolzen und auf den Boden des Behälters gelangt. Der Reaktor hätte am Vortag bereits kurz nach dem Mega-Beben automatisch gestoppt werden sollen - aber dann kam der Tsunami. Der Kühlwasserstand sei bis zum oberen Teil der Brennstäbe gesunken, hieß es weiter. Am selben Abend gegen 18.00 Uhr habe die Temperatur zu steigen begonnen. Gegen 19.30 Uhr habe dann die Beschädigung der Brennstäbe eingesetzt, von denen der größte Teil bis 6.50 des folgenden Morgens geschmolzen sei, wurde Tepco zitiert. Inzwischen wurde der Atomunfall auf die höchste Stufe sieben der internationalen INES-Skala eingestuft - ebenso wie Tschernobyl.
Der Betreiber will die Lage in der Atomanlage in sechs bis neun Monaten unter Kontrolle bringen. Goshi Hosono, ein mit der Atomkrise beauftragter Berater von Ministerpräsident Naoto Kan, hält es jedoch für unausweichlich, dass der ursprüngliche Plan von Tepco zur Flutung des beschädigten Reaktorbehälters mit den geschmolzenen Brennstäben geändert wird. Tepco hatte zuvor im Untergeschoß des Gebäudes von Reaktor 1 schätzungsweise rund 3.000 Tonnen wahrscheinlich hochgradig radioaktiv verseuchtes Wassers entdeckt, das vier Meter hoch gestanden sei.
Wasser soll dekontaminiert werden
Dies deute daraufhin, dass in den Reaktorkern gepumptes Wasser durch jene Löcher gelangte, welche die geschmolzenen Brennstäbe in den Boden gefressen haben sollen. Bei einer Flutung bestehe die Gefahr, dass verseuchtes Wasser ins Meer gelange, sagte Hosono am Sonntag nach Medienberichten. Die Regierung erwäge stattdessen Möglichkeiten, das zur Kühlung der Brennstäbe in den Reaktor gepumpte Wasser zu dekontaminieren, so dass es erneut benutzt werden kann, wurde Hosono von der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo weiter zitiert.
Als Auffangbecken für leicht verstrahltes Wasser soll ein gigantisches Schiff dienen. Der 136 Meter lange Lastkahn, der bisher im Hafen der Stadt Shimizu in der Provinz Shizuoka als schwimmende Insel
für Angler eingesetzt wurde, solle voraussichtlich in ein bis zwei Wochen in Fukushima eintreffen.
Noch Zehntausende Tonnen verseuchtes Wasser
Es wird geschätzt, dass sich im Turbinengebäude des Meilers Nummer 3 rund 22.000 Tonnen verseuchte Flüssigkeit angesammelt haben. Bisher seien in Meiler 2 von anfangs rund 25.000 Tonnen etwa 5.550 abtransportiert worden, hieß es unter Berufung auf den Betreiber Tepco weiter. Insgesamt sollen 10.000 Tonnen in die Entsorgungsanlage gepumpt werden.
Daneben bauen Arbeiter zusätzlich Behelfstanks für schwach verstrahltes Wasser. Bis Ende des Monats sollen dadurch zusätzliche Kapazitäten von 28.000 Tonnen entstehen
Ein Erdbeben der Stärke 9.0 und ein folgender Tsunami hatten die schwerste Atomkatastrophe seit dem Unglück von Tschernobyl im Jahr 1986 ausgelöst. Die Lage ist immer noch nicht unter Kontrolle. Schwach radioaktives Wasser musste bereits in Meer abgelassen werden. (APA)