Neurologie

Warum Experten-Gehirne jenen von Laien überlegen sind

14. Mai 2011, 20:31
  • Artikelbild
    foto: nationales bernstein netzwerk computational neuroscience

    Die Grafik zeigt jene Region im Präfrontalkortex, die bei der Schärfung der Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielt.

Untersuchungen konnten zeigen: Es kommt auf die Fähigkeit an, Feinheiten und Details immer besser zu unterscheiden

Weinkenner erkennen bereits am ersten Schluck den Jahrgang, Maler bemerken winzige Farbabweichungen und Blinde unterscheiden feinste Oberflächenstrukturen. Warum sind sie Laien auf ihrem Gebiet so überlegen? Deutsche Wissenschafter haben nun entdeckt, welche Bereiche des Gehirns besonders aktiv sind, wenn man seine Wahrnehmung schult. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Neuron schreiben sie: Nicht durch das visuelle Verarbeiten von immer mehr Details wird man zum Experten, sondern durch die Fähigkeit, Feinheiten immer besser zu unterscheiden.

Die Forscher aus der Arbeitsgruppe von John-Dylan Haynes, Leiter des Berlin Center for Advanced Neuroimaging an der Charité, haben gemeinsam mit Magdeburger Kollegen am Beispiel visueller Reize untersucht, wie sich die Hirnaktivität im Laufe des Lernprozesses verändert. Dafür maßen sie Änderungen der Nervenzellaktivität im Gehirn mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT). Ihre Überlegung lautete: Beruht der Lerneffekt vor allem auf einer detaillierteren Darstellung der Reize, so sollte in erster Linie das Sehzentrum aktiv sein. Ist hingegen die Interpretation der Reize im Gehirn der Grund für die Fortschritte der Lernenden, so sollte sich das in den Bereichen zeigen, die für Entscheidungen eine Rolle spielen.

Die fMRT misst Änderungen in der Sauerstoffversorgung des Blutes. Die Tatsache, dass hoch aktive Nervenzellen mehr Sauerstoff verbrauchen als schwach aktive, wird als Maßstab für die Zellaktivität genutzt. Mit neuen Analysemethoden ist es der Arbeitsgruppe von Haynes in den letzten Jahren gelungen, damit nicht nur punktuelle Aktivierungen, sondern auch komplexe Muster der Hirnaktivität zu untersuchen.

Mehr und mehr Details

"Die fMRT-Messungen zeigten deutlich, dass die Aktivität im Sehzentrum während des gesamten Lernvorgangs gleich blieb", erklärte Haynes. Eine Region im Präfrontalen Kortex aber, die bei der Interpretation von Reizen eine wichtige Rolle spielt, wurde stetig aktiver. Daraus schlossen die Forscher, dass der Lernvorgang auf der Ebene der Entscheidungsfindung stattfindet. "Wenn sich unsere Wahrnehmung beim Lernen schärft, dann liegt dies nicht so sehr daran, dass mehr Information das Gehirn erreicht", folgerte Haynes. "Stattdessen lernen wir, mit der gegebenen Information immer mehr anzufangen. Wir sehen nach und nach in Bildern Details, die uns zu Beginn nicht bewusst sind."

Die Forscher untersuchten die Lernvorgänge am Beispiel einfacher geometrischer Skizzen. Im Experiment sahen die zwanzig Testpersonen für kurze Zeit ein kleines Streifenmuster auf einem Bildschirm. Sie sollten entscheiden, in welche Richtung die Streifen zeigten. Im Laufe der Zeit konnten sie dies immer besser erkennen. "Ob ähnliche Effekte auch zum Beispiel für Weinkenner oder Spitzenköche gelten, könnte man auf der Basis unserer Experimente jetzt genauer untersuchen" sagte Haynes.

Thorsten Kahnt, Doktorand am Bernstein Center for Computational Neuroscience, entwickelte für diese Studie ein mathematisches Modell, das die Lernvorgänge im Gehirn sehr präzise vorhersagt. "Solche Modelle sind sehr wichtig, um die Daten systematisch erfassen zu können", sagte der junge Forscher "Die Zusammenarbeit von Modellierung und Datenerhebung funktioniert hier im Bernstein Zentrum besonders gut, weil hier Psychologen, Mediziner, Physiker und Mathematiker zusammenarbeiten." (red)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2
Herzerzog Johann
02
15.5.2011, 17:18

Laien wissen von allem wenig.
Experten wissen von wenig viel.
Superexperten wissen von nichts alles.

*esofan*
00
15.5.2011, 16:24

von den feinen unterschieden sprach auch ein gewisser pierre bourdieu. kennt ihr den?

pago1
00
15.5.2011, 19:05
der hat aber von was anderem gesprochen

pox vobiscum
00
15.5.2011, 21:34

Diesen Eindruck hatte ich nach dem Googeln auch.

pox vobiscum
00
15.5.2011, 16:42

Nein, aber wozu gibt es Google...

sovereignty
04
15.5.2011, 15:27
Neurowissenschaften statt Neurologie

Lieber Standard,

es wäre korrekter solche Themen unter dem interdisziplinären Begriff "Neurowissenschaften" einzuordnen und nicht "Neurologie", da letzteres nämlich eine medizinische Lehre der Erkrankungen des Nervensystems ist und damit in ihrer praktischen Ausführung gar keine Wissenschaft ist und wissenschaftlich eine medizinische Wissenschaft.

Strudelteig
02
18.5.2011, 08:29

Das, was Sie beschreiben, wäre die Neuropathologie, also die Lehre von den Krankheiten des Nervensystems. Weshalb Neurologie keine Wissenschaft sein soll, bleibt unverständlich, zumal des Wortes Bedeutung in der deutschen Übersetzung auf die Wissenschaft von den Nerven [Nerv (neuron) und Wissenschaft( logia) hinweist.] Neurologie umfasst die Gebiete der Neuroanatomie, Neuropathologie, Neurochirurgie, der Psychiatrie und der Neurophysiologie, wobei letztere am ehesten den Neurowissenschaften entgegenkommt.

Medizin in der heutigen Ausprägung ist per se ein interdisziplinäres Fach, und ist ohne Pharmazeuthen, Chemiker, Biologen, Physiologen, Genetiker undenkbar.

scribo
40
15.5.2011, 14:37
"Wir sehen nach und nach in Bildern Details, die uns zu Beginn nicht bewusst sind."

Mit solchen Studien werden Experten finanziert.
Wir wissen jetzt, dass das, was wir schon lange wissen, auch die Experten (dieser Studie) wissen.

Diese Studie ist methodisch sicherlich zu 100 % sauber und beweist DInge, was man seit schätzungsweise 500 Jahren weiß (nur halt ohne die neuronale Verknüpfung).
Big Science.

Spiritron
00
16.5.2011, 11:51

Denkst du noch oder trollst du schon? :3

scribo
00
16.5.2011, 22:09

Gegen ein solches Argument bin ich machtlos.
Jede Meinung, die einem nicht passt, einem Troll zuzuschreiben zeugt von großer rhetorischer Potenz, ich ziehe meinen Hut.

Nihil ein anderer Baxter
00
15.5.2011, 18:51

genau.

wozu ein solides fundament in unserem wissen, wenn wir den bauernkallender haben?

scribo
00
16.5.2011, 22:16

gegen solide wissensfundamente ist nichts einzuwenden, aber die formulierung der ergebnisse deutet darauf hin, dass schon gewusstes bestätigt wird. diese studien gerieren sich aber so, als hätten sie etwas neues entdeckt. ist aber nicht neu, und steht auch nicht im "bauernkallender", sondern in ausdifferenzierten ästhetischen theorien - das lässt sich nicht mehr so leicht ergoogeln, aber erlesen.
das meinte ich nur mit meinem kommentar.

Got Your Noes!
00
28.5.2011, 10:37

wir können natürlich sagen "wir atmen seit millionen von jahren, warum sollten wir erforschen wie es funktioniert? jeder weiß wie er atmen soll."

scribo
00
29.5.2011, 22:38

Ich habe den Eindruch, sie haben mein Posting nicht gelesen, was sie aber nicht von einer Antwort abgehalten hat.
Das erschwert die Kommunikation m.E. ein bisschen.

Got Your Noes!
00
30.5.2011, 09:11

mir erschien es als meinten sie, funktionierende, alltägliche dinge, wie "wer mehr über das thema gelernt hat, kann besser die details darin erkennen", sollte nicht erforscht werden, da sie keine neuen erkenntnisse erzeugen. was falsch ist, denn die frage lautete bei dieser studie nicht "was?" sondern "warum?".

Nihil ein anderer Baxter
00
17.5.2011, 11:13

verstehe.

es war auch eher der satz "mit solchen studien werden experten finanziert" der bei mir den beissreflex ausloeste.

nebenbei - 500 jahre altes wissen methodisch sauber zu belegen finde ich eine gute sache. denn vor 500 jahren wurde das bestimmt weder nach heutigen wissenschaftlichen standards bestaetigt, noch in den heutigen wissenskontext eingebettet (stichwort neurowissenschaften). daher begruesse ich die studie, und reagiere gereizt auf buh-rufe...
letzteres ist wohl verbesserungsfaehig, ich weiss..

scribo
00
17.5.2011, 22:40

ich denke, das die kürze von postings manchmal zu missverständnissen führt.
so wie sie sehe ich den wert solcher studien, ich vermisse nur machmal die kontextuelle einbettung. dem galt mein "buh-ruf", nicht der sache selbst. in diesem sinne ...

hallo hallo101
11
15.5.2011, 14:24

diese studie wurde von experten erstellt

Sarang He
01
15.5.2011, 13:27
Sind jetzt die "Experten" gemeint, die

von Politikern & Co als solche tituliert werden, nachdem diese ein Sachbuch zum Thema gelesen haben - oder Fachleute?

Sonata
00
15.5.2011, 12:50
Unsere Experten, immer zum Scherzen aufgelegt...

die naive
00
15.5.2011, 14:19

Ja, um unser Geld.

presumption of innocence
01
15.5.2011, 10:49
hoch aktive Nervenzellen mehr Sauerstoff verbrauchen

Tief atmen = höher denken

Flach atmen = mehr Stress und weniger Denken.

SaintBob
00
15.5.2011, 13:42

Ob sich jetzt "Flachatmer" als neue Beleidigung durchsetzt ???

Neuer Nick neues Glück
03
15.5.2011, 11:07

Au... In doppelter Hinsicht...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.