Gut gefüllte Finanzpolster machen Konzerne gieriger

13. Mai 2011, 19:01
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Unternehmen sind bei Fusionen und Übernahmen so aktiv wie seit der Lehman-Pleite nicht mehr

Wien - Unternehmen sind weltweit gerade im Übernahmefieber, und das quer über alle Sektoren. Japans größter Pharmakonzern Takeda Pharmaceutical führt Gespräche, den Schweizer Konkurrenten Nycomed um zwölf Milliarden Dollar (8,43 Mrd. Euro) zu übernehmen. Auf dem Rohstoffsektor sind zahlreiche Minenübernahmen im Gange. Der Luxusgüterkonzern Bulgari wurde um 3,7 Milliarden Euro von LVMH gekauft. Und um die Börse Nyse-Euronext streiten sich die beiden Konkurrenten Deutsche Börse und Nasdaq/ISE.

Laut Daten von der britischen Bank HSBC ist die Übernahmeaktivität (Mergers und Acquisitions, M&A) im ersten Quartal auf den höchsten Stand seit der Pleite der US-Investmentbank Lehmen Brothers angestiegen. Insgesamt ist das Volumen der M&A-Deals im ersten Quartal um sieben Prozent auf 535 Milliarden angeschwollen. Und Robert Parkes, Aktienstratege bei HSBC, erwartet eine weitere Steigerung, da "die Unternehmensbilanzen sehr gesund sind, sich die Verfügbarkeit von externer Finanzierung verbessert und das Unternehmensvertrauen hoch ist" . Besonders die hohen Bargeldbestände und die niedrigen Schulden bei den Unternehmen lassen Parkes auf eine hohe M&A-Aktivität hoffen. "Die aktuellen Nettoschulden in Prozent des Eigenkapitals liegen bei nur 43 Prozent, ein Rekordtief seit mehr als 20 Jahren." Tatsächlich sind die Nettoschulden in den vergangenen drei Jahren in den Unternehmen des Weltaktienindex MSCI World (ohne Finanztitel) um fast 20 Prozentpunkte gefallen (siehe Grafik).

Industrieländer erstarken

"Unternehmen profitieren, dass sie, für den aktuellen Stand des Konjunkturzyklus, auf einem hohen Berg an Cash sitzen", betont Ann Steele, Fondsmanagerin des "Threadneedle Pan European Fund" . Sie erwarte weiterhin eine Konsolidierung in einigen Sektoren. "Die Starken werden stärker", was den Aktienmärkten insgesamt helfen sollten. Dabei würden auch die entwickelten Märkte wieder stärker in den Fokus rücken. Denn derzeit findet ein Gros der Aktivität nicht in Europa oder den USA statt, sondern in den Schwellenländern. HSBC-Stratege Parkes sagt, dass der Aufschwung bei M&A in den vergangenen zwei Jahren von den aufstrebenden Nationen getragen wurde. Erst im ersten Quartal 2011 hat sich dieser Trend kurz umgekehrt, insbesondere wegen der starken Entwicklung im US-Markt.

"Im Gegensatz zu den Schwellenländern liegt die M&A-Aktivität in den Industrienationen aber noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau", schränkt Parkes ein. 52 Prozent in den USA und 73 Prozent in Europa sei man noch von den Höchstständen im zweiten Quartal 2007 entfernt. Im Vergleich liegt der absolute Rekordwert in den Schwellenländern Asiens noch nicht lange zurück: Es war das vierte Quartal 2010. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2011)

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