Obama und Osama: Brüder im Geiste der Gewalt

13. Mai 2011, 18:51
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Die Debatten um die Tötung Bin Ladens reißen nicht ab: Sind Terror und "Antiterrorkrieg" nur zwei Seiten derselben Münze?

Ähnlich wie etwa Noam Chomsky (der Kommentar des US-Linguisten ist im Internet-Magazin "Guernica" nachzulesen) und andere Kritiker des US-Imperiums sieht auch ein "Guru" der Friedensbewegung die Eliminierung Bin Ladens als "illegitimen Hinrichtungsakt." Hier seine Begründung.

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Es gibt keine Beweise dafür, dass Osama bin Laden die Attentate vom 11. September 2001 geplant hat, so wie es keine Beweise gegeben hat für das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen im Irak, die Begründung für den US Angriff gegen das Land im Jahr 2003. Es stimmt, dass Osama den 9/11 Angriff begrüßt hat, das aber ist eine Angelegenheit der Meinungsfreiheit.

Wenn er nun unbewaffnet im Schlafzimmer gewesen ist (wie es in der bisher letzten Version geheißen hat) und das Feuer nicht eröffnet hat, dann kommt seine Tötung einer außergerichtlichen Hinrichtung gleich. Diejenigen, die so etwas feiern, legitimieren eine Vorgangsweise, der sie selbst einmal zum Opfer fallen könnten.

Die Verurteilung der westlichen Reaktion als mittelalterlich tut eigentlich dem Mittelalter unrecht. Es ist nämlich die westliche Zivilisation, die im Untergang begriffen ist und nun ihre wichtigsten Errungenschaften ablegt - wie z. B. keine Bestrafung ohne Gerichtsverfahren - kein Verfahren ohne Gesetz und Anhörung der Beschuldigten.

Osamas Terrorismus ist selbstverständlich völlig unakzeptabel und verletzt auch die Lehren des Korans über Gerechtigkeit. Ihn aber zu töten, schafft seine Motive nicht aus der Welt. Im Gegenteil, auf dieser Weise wird nur noch mehr Terrorismus als Rache provoziert. Außerdem wird Obamas massive Verletzung von Pakistans Hoheitsgebiet nicht ohne Folgen bleiben..

Obama hat inzwischen seinen Vorgänger Georg W. Busch - der im Krieg mit zwei muslimischen Ländern, Afghanistan und Irak stand - überholt und vier weitere hinzugefügt: Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen. Kommt Syrien als Nächstes?

Das Gesagte ist keine Verteidigung von Al-Kaidas noch bin Ladens Gewalttätigkeiten, auch keine Rechtfertigung des 9/11 Attentats. Al-Kaida dient in den Worten von Osama, dem Kampf für den Islam; im letzteren Fall geht es um den Kampf gegen wirtschaftliche und militärische Vorgänge des US-Imperiums. Die Gedankenwelt hinter der Planung von 9/11 ist von FBI und CIA aufgezeigt worden - es handelt sich ohne Zweifel um Hass und zwar gegen das Verhalten der Vereinigten Staaten. Übrigens, Osamas Denken ist öffentlich zugänglich in "Messages to the World - The Statements of Osama Bin Laden" herausgegeben von Bruce Lawrence (Verso, 2005): "Was Amerika heute zu schmecken bekommt, ist nur ein Bruchteil von dem, was wir über Jahrzehnte schlucken mussten. Über 80 Jahre musste unsere muslimische Gemeinschaft (Umma) diese Erniedrigung und Missachtung ertragen." (...)

Meines Wissens hat sich bisher kein westlicher Analytiker darum gekümmert, herauszufinden, was da zuvor "über 80 Jahre ..." geschehen war: Das Sykes-Picot Abkommen von 1916 hatte den arabischen Ländern im Osmanischen Imperium Freiheit versprochen, wenn sie den Befreiungskampf gegen das Reich aufnehmen - was sie auch getan haben ... um daraufhin kolonisiert zu werden; Die Balfour Erklärung von 1917 wiederum hat den jüdischen Siedlern Palästina versprochen; und gegeben. Dann kam 1918 die Besetzung von Istanbul durch die Alliierten.

Aber auch Obamas Rhetorik ist überzeugend, die Vorgehensweise allerdings weniger - wir müssen also beides im Auge behalten.

Dass die CIA 10 Jahre gebraucht hat, um Osama aufzuspüren, ist keine Überraschung. Sie war auch unfähig, die sowjetische thermonukleare Bombe vorherzusehen, den Sputnik, die Berliner Mauer, die Raketen mit Nuklearwaffen auf Kuba, die sowjetische Invasion der CSSR und das Ende des Kalten Krieges. Zentral, ja; Agentur, ja; Intelligenz, nein.

Die Al-Kaida-Geschichte, obwohl schlecht und gewalttätig, hat wenigstens einen Zusammenhang. Die von Washington hat es nicht. Sie verändert sich täglich, sogar stündlich und beschuldigt den Nebel des Krieges dafür und nicht den nebelverhangenen Geist in den Komitees, die solche Geschichten komponieren.

Zwei Wege zum Frieden

Gibt es da einen Ausweg? Schön wäre es gewesen, wenn Osama Hunderte von schwarz gekleideten muslimischen Frauen ausgeschickt hätte, um alle US-Botschaften zu umringen und gewaltlos einen Dialog zu fordern. Schön wäre es, wenn das US-Imperium offen für Dialoge und Konfliktlösungen wäre. Aber Obama ist so weit davon entfernt wie Osama von der Gewaltlosigkeit. Milosevic, Khatami, Saddam Hussein, alle wollten den Dialog. Gaddafi fordert eine Feuereinstellung mit Dialog. Washington will aber nur eines: "Regimewechsel", um die Person los zu werden, die man derart dämonisiert hat, dass man selber daran glaubt, dass mit dessen Verschwinden auch der Konflikt gelöst wäre. Sie verfüttern diese Kost den untertänigen Medien und einer US-Öffentlichkeit, die da betet "Gib uns unsere tägliche Lügen".

Es gibt noch zwei Wege zum Frieden. Einer führt durch die Verweigerung der Gefolgschaft, ihrer Isolierung, sich nicht mit ihnen zu alliieren. Der andere Weg führt durch die Heilung der Wunden der Vergangenheit, die ungefähr 27 westliche Attacken gegen den Islam seit 1830 (siehe mein Buch "50 Years: 1000 Peace & Conflict Perspectives", Kapitel 88). Ein Prozess der Aussöhnung erscheint unbedingt notwendig. Der wird aber kaum von den Bastionen der westlichen Arroganz kommen - aber vielleicht kommt er woanders her.

Beide, Obama und Osama, sind extrem gewalttätig, sie töten massiv Zivilisten. Beide sind rhetorisch begnadet und intelligent. Aber einer ist auf der Seite der Geschichte, kämpft allerdings unrechtmäßig für die unrechtmäßig Unterdrückten und der andere kämpft für die unrechtmäßigen Unterdrücker, für ein sterbendes Imperium, gegen die Geschichte. (Johan Galtung, STANDARD-Printausgabe, 14./15.5.2011)

Eine Antwort auf die Kommentare zu "Obama und Osama: Brüder im Geiste der Gewalt":
Wider den Kampf der Kulturen: Plädoyer für methodologische Empathie

Johan Galtung, geb. 1930 in Oslo, Soziologe, Mathematiker und Publizist, gilt als einer der Gründungsväter der Konflikt- und Friedensforschung und wurde 1987 mit dem alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

© IPS, aus dem Englischen von Federico Nier-Fischer und Michele Roncerai.

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    Ist der amtierende US-Präsident "in Wahrheit" nur ein Zwillingsbruder des Terrors ohne Turban und Bart?

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    Johan Galtung: "Es gibt keine Beweise dafür, dass Bin Laden die 9/11-Attentate geplant hat.

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