Ding-Dong, Hu-Ha, Schubi-Du - Song Contest

13. Mai 2011, 18:22
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Glücklose Teilnehmer hatten bisher zumindest eine Gewissheit: Wo es nichts zu holen gibt, dort muss man auch nicht singen

Mit Ausnahme einiger weniger Glücklicher haben alle Teilnehmer immer mit einer Gewissheit nach Hause zurückkehren können: Wo es nichts zu holen gibt, dort muss man auch nicht singen.

Der Eurovision Song Contest als Fernseh-Relikt aus einer Zeit, in der man sich über Wirtschaft höchstens positiv wunderte (Gründungsjahr 1956), wird zwar als Wettkampf inszeniert, Karrieremäßig bedeutet er für das Gros der Teilnehmer aber eines: Während man vor Abermillionen Zusehern völlig aus der Zeit gefallene Kinderlieder singt, die auf eine gewisse Bildungsferne der Komponisten schließen lassen, gilt es während all der Ding-Dongs, Hu-Has und Schubidus in grotesken Kostümierungen Selbstbescheidung zu beweisen. Ganz unten in den Abstimmungstabellen angekommen, wohnen oft Erweckungserlebnisse.

Speziell Letztgereihte fahren gern mit begossener Pudelfrisur und null Punkten nach Hause. Scham macht Kummer. Das ist die Kehrseite der Medaille. Kummer droht immer, wenn es einen zur Bühne drängt. Im letzten Platz liegt der eigentliche Sinn eines Heldenepos begründet. Der Held zieht aus und muss Versuchungen widerstehen. Eitelkeit und Sturm und Drang zur Kamera und Lalelu. Das geht schief. Der Held begeht den Sündenfall. John Lennon, warum hast du mich verlassen?! Der Held schmort im Fegefeuer. Als gar nichts mehr geht, geht dem Helden ein Licht auf: Hallo, vielleicht ist Musik nicht das Wichtigste für mich? Eventuell sollte ich mein Leben gründlich überdenken. John Lennon, hör einmal zu - wenn ich hier unbeschadet rauskomme, verspreche ich dir eines: Nie wieder will ich versuchen, aus reiner Selbstüberschätzung Celine Dion oder Abba zu werden. Wenn du mich hier rausholst, werde ich versuchen, den Menschen auf bescheidenere Art als in Glitzerkostümen zu dienen. Und ich werde auch nie wieder Synchrontanzen! Ich schwöre. John, kannst du mich hören?

Die Scheinwerfer erlöschen nun. John Lennon ist ein gütiger Gott. Der Beifall, dieses Höllengetöse unserer Zeit, verebbt ebenso, wie die Hoffart ermattet. Der Held zieht sich sein Clownkostüm aus und fährt nach Inzing bei Innsbruck heim. Er ergreift einen unauffälligen Beruf. Vielleicht wird er irgendwann einmal der Jugend zur Mahnung seine Memoiren niederschreiben. Arbeitstitel: Ich war eine Tanzmaus. Er ist geläutert.

Genau darum schauen wir uns den Eurovision Song Contest so gern an. Wir lieben es, wenn sich Helden zum Affen machen. Das ist die Wahrheit. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.5.2011)

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    Die Eurovision-Song Contest: Das Rundherum ist wichtiger. 

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