"Und täglich grüßt das Murmeltier"

13. Mai 2011, 18:09
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Italien hat wegen Silvio Berlusconi 20 Jahre seiner Geschichte vergeudet, meint der Publizist Beppe Severgnini. Im Gespräch mit Gianluca Wallisch erklärt er, warum sich der Premier so lange an der Macht halten konnte.

Standard: Wie fühlt es sich an, wenn man als Italiener im Ausland stets nach einem gewissen Herrn Berlusconi gefragt wird?

Severgnini: Man ist verlegen, darf aber nicht ein Land mit seinen Politikern verwechseln. Die USA sind nicht George Bush oder Barack Obama. Sie wissen ja selbst, wie es damals mit Jörg Haider war. Was mich betrifft: Ich habe nicht Angst vor Berlusconi. Ich habe Angst vor Berlusconi in mir!

Standard: Wieso hält sich Berlusconi nach all den Jahren und Skandalen noch so solide an der Macht?

Severgnini: Nicht solide, sondern eher mühsam und nur mit fremder Hilfe. Er belohnt Politiker mit Spitzenjobs, weil sie in sein Lager wechseln. Der wahre Machtfaktor ist aber die Lega Nord von Umberto Bossi. Ihn darf er nicht als Verbündeten verlieren.

Standard: Kann die Opposition den Premier unter Druck setzen?

Severgnini: Nein, Berlusconi kann von der Opposition sogar profitieren, weil sie so zersplittert und zerstritten ist. Da gibt es bloß zehn sehr konträre Gruppen. Und diese glauben einzeln für sich, Berlusconi schlagen zu können. Das ist einfach nicht wahr.

Standard: Berlusconi galt gerade in seiner politischen Anfangszeit als sehr innovativ ...

Severgnini: Ja, denn damals, in den 1990ern, verstand er etwas sehr Wichtiges: Behandle Wähler wie Konsumenten! Und das macht er: aus dem Bauch heraus und mit der Suggestivkraft des Fernsehens. Das war eine wichtige Lektion für alle westlichen Demokratien, auch für Österreich.

Standard: Wo steht Italien heute?

Severgnini: Wir haben 20 Jahre unserer Geschichte einfach vergeudet. Wir wachen seit Jahren auf, und es ist jedes Mal der gleiche Tag. So wie in Bill Murrays Film Und täglich grüßt das Murmeltier. So ist Italien immer gleich: Kommunisten, Faschisten, nichts bewegt sich, nichts entwickelt sich.

Standard: Und Herrn Berlusconi ist dafür der Vorwurf zu machen?

Severgnini: Wenn er jetzt, hier in der Herrengasse, auf einen Kaffee vorbeischauen würde, würde ich ihm vorwerfen, die Schwächen der Italiener gut verstanden zu haben und sie schamlos auszunutzen, allein um Wähler für sich zu gewinnen. Herr Berlusconi, Sie haben die Italiener von all ihren Sünden freigesprochen, bevor sie sie überhaupt begangen haben! Aber ein Premier muss sein Land führen, nicht plündern.

Standard: Hat der Cavaliere selbst auch Schwächen?

Severgnini: Natürlich. Er will geliebt werden, so wie jeder andere auch. Das ist sein allergrößtes Bedürfnis. In all seinen Mädchen- und Frauengeschichten gibt es neben der sexuellen auch eine emotionale Dimension, die kaum einer merkt: Berlusconi muss sich Zuneigung erkaufen! Das ist wirklich traurig. Bunga Bunga, das sind gar nicht die Sex-Orgien. Bunga Bunga ist das Geräusch, das Millionen von Italienern verursachen, wenn sie ihre Köpfe aus Fassungslosigkeit gegen die Wände knallen lassen.

Standard: Wie lange wird das so weitergehen können?

Severgnini: Ich habe erkannt: Unsere Sorgen sind überflüssig. Man muss bloß mit den jungen Menschen sprechen. Wir Älteren regen uns noch fürchterlich auf, aber für die Jungen ist Berlusconi altmodisch wie ein Walkman: Man hat einen irgendwo in einer Schublade herumliegen, aber man verwendet ihn nicht mehr.

Standard: Wann werden die Italiener auf den iPod umsteigen?

Severgnini: Ich glaube, wir sind am Ende einer Ära. Nicht morgen, aber bald. Plötzlich steht ein Junger da und Berlusconi gehört zum alten Eisen. Davor hat Berlusconi, schon 74 Jahre alt, eine Heidenangst. (Gianluca Wallisch, STANDARD-Printausgabe, 14./15.5.2011)

Beppe Severgnini (54) ist ein italienischer Publizist. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Buch "Überleben mit Berlusconi", Blessing Verlag 2011.

  • Rom im  Oktober 2010: Ein als Schwein  verkleideter Demonstrant  will 
Premier Silvio  Berlusconi am liebsten hinter Gittern sehen.
    foto: epa/massimo percossi

    Rom im Oktober 2010: Ein als Schwein verkleideter Demonstrant will Premier Silvio Berlusconi am liebsten hinter Gittern sehen.

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    Beppe Severgnini

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