Soundtrack zum rauschenden Widerstand

13. Mai 2011, 17:50
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Musiker besingen jetzt "La Mur" - als Beitrag im Kampf gegen die geplanten Staustufen mitten in der Stadt

Graz - Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Lange Zeit rauschte der tief liegende Fluss unter den Brücken der Grazer Bevölkerung hinweg, ohne besonders wahrgenommen zu werden. Wer ein Achtel aus seinen Fluten trinke, dem sei der nahe Tod gewiss, lernten Grazer Volksschüler noch Anfang der 1980er-Jahre.

Doch das ist lange her. Seit rund zehn Jahren ist die saubere Mur - mittlerweile mit Trinkwasserqualität - nicht nur ein Biotop für vom Aussterben bedrohte Fische, allen voran den bis zu eineinhalb Meter langen Huchen, einen Lachsfisch, mit ihren Auen bildet sie einen Biokorridor mitten durchs Stadtgebiet, dass viele Tiere sonst nicht durchkreuzen könnten.

Auch Menschen tummeln sich mitten im Stadtgebiet im Fluss. Das begann mit dem Ausbau der Murpromenade, die den Grazern plötzlich Zugang zu ihrem Fluss verschaffte. Seit damals wird etwa unter der Erzherzog-Johann-Brücke nahe dem Kunsthaus oder weiter südlich unter der Radetzky-Brücke auf den Wellen des frei fließenden Flusses gesurft.

Spätestens seit damals wird die Mur auch La Mur genannt. Mit der Mur hat Graz als eine von ganz wenigen europäischen Städten einen frei fließenden Fluss im Stadtgebiet. Doch, wie berichtet, will die Energie Steiermark rund um Graz zum Teil im Verbund mit der Verbund AG fünf Kraftwerke errichten, um die Staukette Leoben und Spielfeld zu schließen. Ein Plan für den Bürgermeister Siegfried Nagl (VP) bereits eine Volksbefragung ankündigte. Nach der atomaren Katastrophe in Fukushima bekamen die Befürworter der Wasserkraft auch Wind in ihre Segeln. Doch die überparteiliche Plattform "Rettet die Mur" hat aktuell bereits rund 31.500 Unterschriften gegen neue Kraftwerke in der Mur gesammelt, weil sie die Schlägerung von rund 8000 Bäumen und eine Zerstörung des Ökosystems der Auen verhindern wollen. Auch vor einer Besetzung à la Hainburg will die Bürgerplattform, die im Landtag von Grünen und KPÖ unterstützt wird, in der Stadt immerhin von der Grünen-Vizebürgermeisterin Lisa Rücker, nicht Halt machen.

Mit Murtreiben (Regie: Bernhard Lukas), einer Doku, die dieser Tage in den Kinos anläuft, und der CD La Mur - Auf- und Abgesänge auf einen Fluss wurden nun auch in der Kunstszene deutliche Impulse gegen die Staustufen gesetzt. Die Musiker rund um den bekannten Akkordeonisten Lothar Lässer, wollen sich nicht mit der Atomkeule mundtot machen lassen und drängen im Booklet der CD auf den Ausbau von "Erdwärme, Sonnen- und Windenergie, Biogas und -masse".

Auf der Doppel-CD versammeln sich nicht weniger als 34 Tracks, teils eigens komponierte Nummern, unter anderem auch einige von Erwin R. und Harsch vom Soundtrack des Films Murtreiben. Weitere Mur-Besinger bewegen sich von Indie-Pop über Balkansounds bis hin zum Jazz, etwa Son Of The Velvet Rat, Facelift, Berndt Luef, Sandy Lopicic, der für diesen Anlass mit The Base-Sänger Norbert Wally einen Song einspielte, das Sandala Orkestar, King Fou und Josef Fürpaß, der auch das Cover der CD, das - je nach Sichtweise - einen Baum mit Beinen, oder einen Menschen mit Wurzeln zeigt - gestaltete. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. März 2011)

  • Was die Mur bietet: Surfen mitten in Graz. Umweltschützer, Sportler und 
Künstler kämpfen um ihren Erhalt als frei fließender Fluss.
    foto: der standard/elmar gubisch

    Was die Mur bietet: Surfen mitten in Graz. Umweltschützer, Sportler und Künstler kämpfen um ihren Erhalt als frei fließender Fluss.

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