Auftakt Wiener Festwochen

Das Treibeis ist ihr täglich Brot

13. Mai 2011, 17:22
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    foto: kleffel/apa

    Der grönländische Tanztee versickert im Nichts: Jürg Kienberger (li.) und die multikulturelle Marthaler-Schauspielertruppe.

Christoph Marthalers szenische Meditation "+-0" ermüdet zum Auftakt der Wiener Festwochen

Wien - Das Fernweh - ein nicht zu unterschätzender Themenschwerpunkt der Wiener Festwochen 2011 - hat Regisseur Christoph Marthaler fast ans Ende der Welt verschlagen: nach Nuuk, in die Hauptstadt Grönlands. Dort sind es naturgemäß die Fröste, die eine längere Verweildauer im Freien trotz globaler klimatischer Erwärmungstendenzen nicht geraten erscheinen lassen.

+-0, der neue Marthaler-Abend, mit dem die Festwochen im Museumsquartier (Halle E) starteten, lässt an eine geschlossene Gesellschaft im Zustande der Gemütsverfrostung denken. "Ein subpolares Basislager" hat Bühnenbildnerin Anna Viebrock errichtet: Im Turnsaal-Container grenzt eine Indoor-Sportstätte mit Matten-Puffer an ein Volksschulklassenzimmer. In der Mitte lädt eine Küchensitzecke zum Verweilen ein. Fernweh hat, so Marthaler, ein bedrückendes Nahesein unausweichlich zur Folge.

Die Teilnehmer seiner Grönland-Expedition rekrutieren sich einerseits aus seiner langjährigen Sitz- und Musiziergemeinschaft (Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Bettina Stucky). Zum anderen vermeldet der Schweizer einige Neuzugänge, darunter zwei Grönländerinnen und eine glockenhell singende Sopranistin (Rosemary Hardy aus England), die obendrein das Akkordeon bedient.

Leider markiert der Ausflug in den höchsten Norden zugleich auch den tiefsten Stand der Marthaler'schen Ausdrucksmittel: Die mehr angetippte denn ausgeführte Idee einer Notgemeinschaft, die auf das Wegschmelzen der arktischen Gletscher wartet und sich die darob anfallende Zeit mit der Erprobung ihrer Sangeskünste vertreibt, bleibt eigentümlich blass.

Das grönländische Volk genießt zwar Sitz und Stimme im Kreis der im Treibeis Verschollenen. Durchaus unklar bleibt jedoch der Status der Expeditionsteilnehmer: Als rätselhafter Sprecher fungiert ein Megafon, aus dessen blechernem Mund Zitate u. a. von Juan Goytisolo oder Anna Kim gekrächzt werden. Den Marthaler-Artisten wie dem famosen Jäggi liegt an der trocken-pädagogischen Einübung geistlicher Gesänge ("Tränen sind mein täglich Brot!"). Doch fruchten solche Kolonisierungsbestrebungen herzlich wenig: Eine Einheimische (Gazzaalung Qavigaaq) wirft zum erbaulichen Lied ohne falsche Pietät die Glieder.

Eine Zwischenmahlzeit

Die fehlende Trennschärfe zwischen innen und außen, zwischen bloßem Aufenthalt und enervierender Dauer, lässt +-0 wie eine kaum sättigende Zwischenmahlzeit erscheinen.

Die Abfolge von Stimmungen und Szenen besitzt keine gravitierende Mitte. Das Häuflein Anwesender entledigt sich zu Beginn zwar wahrer Unmengen von Gewand: Seehundfellen, Wattejacken, Boots und Brillen. Wer aber hat das tapfere Fähnlein überhaupt nach Nuuk verfrachtet? Welches Institut forscht nach den Gründen jener Klimaerwärmung, die von einer ebenso gestrengen wie lasziven Lehrerin (Sasha Rau) mit lässigem Kreidestrich an die Tafel gemalt wird: "WORLD CLIMATE SUMMIT, March 15th 2150"?

Antworten enthält ausgerechnet die auch schon etwas abgeschmolzene Science-Fiction-Literatur der 1920er-Jahre: Alfred Döb-lins Roman Berge Meere und Giganten muss herhalten. Hanns Hörbigers berüchtigte Glacial-Kosmogonie kommt ebenso zu Ehren wie eine gesetzliche Verordnung der dänischen Zentralmacht, zum Zwecke der Eskimo-Unterdrückung ausgegeben 1782.

Unterm Strich bleiben die Grotesk-Szenen einer kleinbürgerlichen Weltgesellschaft im Gedächtnis haften: Tanztee-Gruppen, die wie beim Eisstockschießen ihre Handys durch den Turnsaal kicken. Ein etwas müdes Blinzeln hinaus in die Polarnacht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.5.2011)

Kommentar posten
11 Postings
michel maik
11
16.5.2011, 12:45
Grandioses Musiktheater!

An manchen Stellen mag der Abend vielleicht tatsächlich ein wenig durchhängen, aber Vieles war ganz einfach grandios.
Allein die schauspielerische Vielseitigkeit und die Musikalität dieser Singschauspieler sind bewundernswert.
Und diese Chöre! Zum Niederknien. Einen schöneren, bewegenderen Brahms habe ich noch nicht gehört.
Ich würde mir wünschen, dass Marthaler aus dem ganzen Deutschen Requiem einen Musiktheaterabend macht, mit diesem Ensemble, allenfalls noch einen Sopran und Bariton für die Solopartien hinzu engagieren ...

IchbinIch5
11
16.5.2011, 15:49

Das unterstütze ich! "Die schöne Müllerin" wurde unter Marthalers Hand ja schon zu einem der tollsten Musiktheaterabende - warum nicht auch das Deutsche Requiem? (Wenn Marthaler es sogar schafft, aus "My Fair Lady" eine tolldreiste "Meine Faire Dame" zu machen!)

IchbinIch5
22
14.5.2011, 09:59

Es gibt übrigens auch Kritiken, die wirklich etwas zum Abend zu sagen haben und neue Denkräume aufmachen:

http://www.welt.de/print/die... Seele.html

oder

http://www.fr-online.de/kultur/th... 8445542/-/

krikri
10
14.5.2011, 00:17

es war sicher nicht marthalers stärkster abend, aber das merkwürdige ist, dass einem die bilder nicht aus dem kopf gehen und man am nächsten tag schon überlegt, ob man es sich nochmals ansehen soll.
wer bitte papperlapapp aus avignion voriges jahr von arte aufgenommen hat, bitte melden. danke.

IchbinIch5
11
14.5.2011, 09:41

Ging mir seltsamerweise komplett anders - ich fand, dass der Abend durch die völlige Reduktion, die Konzentration auf die Stimmung dieser paar Menschen in dieser abgelegenen Halle - eine Dichte erreicht hat, die etwa das letztjährige "Riesenbutzbach" nicht hatte (obwohl ich auch diese Inszenierung durchaus geschätzt habe). Ich mag Marthalers Theater - und "+- 0" ist, finde ich, die Essenz dessen, was sein Theater ausmacht. Insofern polarisiert der Abend wahrscheinlich sehr: Wer Marthaler schaut, weil der eben so berühmt ist, findet keinen Zugang - und wer Marthaler schätzt findet hier alles, was ihn ausmacht. Papperlapapp habe ich leider auch nicht ...

serife
21
15.5.2011, 03:13
@IchbinIch5

Des Königs neue Kleider! Wir leben in einer Zeit, wo der Begriff Kunst offenbar nur von "kreieren" abgeleitet wird und nicht von "können". Es ist egal, ob es sich dabei um Theater, Literatur, Musik oder Malerei und Skulptur handelt.
Künstler sind heute meist selbsternannt.
Dabei hilft es ungemein, dass man nur die Interpretationen und das "Versteher-Geschwafel" publiziert, die Originale sind samt und sonders entbehrlich.
Leider weiß ich den Urheber des Zitats nicht - aber es ist so treffend: "Es mehren sich die Dinge, derer ich nicht bedarf!"

Theorie-Praxis
22
13.5.2011, 20:24

Ich hab's auch gesehen und fand es lähmend. Marthaler fuhr nach Grönlandund hat dann 2 1/2 Stunden gerülpst.

IchbinIch5
21
14.5.2011, 09:42

Und ihr Beitrag ist mehr als ein Rülpser?

IchbinIch5
43
13.5.2011, 17:58

Was soll man von einer Kritik halten, die Rosemary Hardy als Neuzugang im Marthaler-Ensemble vorstellt, obwohl diese seit langer Zeit zu den engsten "Verbündeten" des Regisseurs gehört? Man könnte sagen: Eben ein kleiner Fehler, mehr nicht. Aber wenn ein Kritiker nicht mal die wichtigsten Schauspielerinnen eines Regisseurs wie Marthaler kennt dann fragt man sich: Wie viele Abende hat der Kritiker gesehen? Und wie genau zugesehen? Ist eine durchaus ernst gemeinte Frage ...

serife
01
15.5.2011, 03:20
IchbinIch5

Empfehle das Chanson von Dieter Hildebrandt "Lieber Gott, mach mich zum Experten" (1981) zur eigenen Standortbestimmung.
Hier der Link (falls Sie den Text wirklich lesen wollen)
www.dvddemystifiziert.de/sonstiges... erten.html

IchbinIch5
12
15.5.2011, 10:44

Ihre Postings sind ganz wunderbar - Sie zeigen, wohin das Kunstverständnis führt: Zu anspruchslosen Abenden, über die niemand nachdenken muss. Der Kritiker einer der größten österreichischen Tageszeitungen schreibt nachweislich Unsinn? Egal - wir nehmens nicht so genau! Die Karl-Heinz Grasserisierung des Journalismus eben. Ein Abend stellt ein paar Ansprüche an die Zuschauer - Wo kommen wir da hin? Da könnte ja "serife" überfordert sein. Also: "Wenns ich nicht versteh, ist es sicher Unsinn und des Kaisers neue Kleider, weil: Was ich nicht versteh, kann ja nix sein". Viel Spaß weiterhin bei - ja was eigentlich? Hartmanns "Was ihr wollt"-Unsinn?

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