Berg-und-Tal-Fahrten in den Blutbahnen

15. Mai 2011, 18:06

Neue Messmethoden sollen bei Bluthochdruck das Risiko für Folgeschäden besser voraussagen können als die klassischen Blutdruckwerte. Doch es gibt noch zu wenige Daten, um sie routinemäßig einzusetzen

In den industrialisierten Ländern haben etwa 25 Prozent der Erwachsenen einen zu hohen Blutdruck und damit ein großes Risiko, einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Schäden an Niere oder Auge zu bekommen. Dieses Risiko schätzen Ärzte von jeher anhand der Höhe des Blutdrucks (siehe Wissen-Kasten) und an anderen Messdaten, die zum Risiko beitragen, etwa Alter, Körpergewicht, Cholesterinwerte oder etwaige Begleitkrankheiten. "Große Studien zeigen, dass wir damit die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden ziemlich gut voraussagen können", sagt Michael Wolzt von der Hypertonie-Ambulanz am AKH Wien. "Je höher der Druck und je mehr Risikofaktoren, desto eher treten Folgekrankheiten auf."

Neue Messmethoden sollen dieses Risiko nun besser vorhersagbar machen können. "Die Methoden sind interessant", meint Wolzt, "aber es gibt noch viel zu wenige Daten, um sie als Routineuntersuchung zu rechtfertigen."

Ob die Organe im Laufe des Lebens Schaden nehmen, bestimmt die Elastizität der herznahen Arterien. Kennt man diese, so fanden Blutdruckforscher kürzlich heraus, könnte man besser und früher das Risiko für Herz-KreislaufKrankheiten vorhersagen. Gesunde, elastische Arterien dehnen sich bei jedem Herzschlag aus. So puffern sie den Druck der Blutwelle ab, und in die Organe fließt ein gleichmäßiger Blutstrom.

Mit zunehmendem Alter versteifen die Arterien, vor allem als Folge einer "Materialermüdung" der elastischen Fasern in der Gefäßwand. Je steifer die Arterien werden, desto schlechter dämpfen sie die Blutwelle. Die Organe werden nur stoßweise durchblutet, erhalten nicht genügend Sauerstoff und können dauerhaft geschädigt werden.

Elastizitätsfrage

Wie elastisch die Arterien sind, kann man anhand der Pulswellengeschwindigkeit (PWV) erkennen. Diese beschreibt, wie schnell sich der Herzschlag über die Arterien ausbreitet. Je steifer ein Gefäß, desto größer die PWV. Der Arzt kann sie in verschiedenen Arterien und mit unterschiedlichen Geräten messen, in der Regel mit Blutdruckmanschetten, Ultraschall oder Kernspintomografie.

Indirekte Hinweise für die Elastizität geben der zentrale Blutdruck in der Hauptschlagader (Aorta) und die Pulswellenanalyse. Beides kann zeitgleich mit der PWV bestimmt werden. Der zentrale Druck soll Folgeschäden an Herz und vor allem Gehirn besser vorhersagen können als der normalerweise am Oberarm gemessene. Denn aus der Hauptschlagader zweigen Herzkranzgefäße und Halsschlagadern ab, die Herzmuskel und Hirn mit Blut versorgen. Ist der Druck in der Aorta dauerhaft zu hoch, drohen Herzschwäche, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Mit der Pulswellenanalyse können Blutdruckexperten zum Beispiel messen, wie groß der Unterschied zwischen der ersten vom Herzen ausgeworfenen Blutwelle und der von der Gefäßwand reflektierten Welle ist. Dieser Augmentationsindex soll auf das biologische Alter der Gefäße weisen, also ob zum Beispiel ein 40-Jähriger schon Blutgefäße wie ein 50-Jähriger hat.

"Die neuen Methoden eignen sich sehr gut, um diese Zusammenhänge weiter zu erforschen", meint Franz Messerli, Kardiologe und Leiter des Hypertonie-Programms an der Columbia University in New York. "Für die Routine eignen sie sich aber noch nicht. Denn sie sind viel aufwändiger und teurer als die herkömmlichen." Das klassische Blutdruckmessgerät mit Manschette und Gummiball werde nicht so schnell verschwinden. "Das ist einfach und überall anzuwenden und liefert akkurate Ergebnisse." Den "Weißkitteleffekt", einen zu hoch gemessenen Blutdruck beim Arzt durch Aufregung, kann man durch Messungen zu Hause vermeiden. Unterscheiden sich die Messwerte stark, kommt eine kontinuierliche 24-Stunden-Messung infrage.

Schäden an Blutgefäßen

"Mit den neuen Methoden kann man Schäden an den Blutgefäßen besser einschätzen als mit dem Blutdruck allein", gibt Kardiologe Wolzt zu. "Aber welche Konsequenzen das für die Therapie hat, wissen wir jetzt noch nicht". Dass Blutdruckmedikamente die Pulswellengeschwindigkeit beeinflussen können, zeigt eine im Juni erscheinende Studie (Journal of Hypertension 2011, 29:1034-1042). Nach dem Zufallsprinzip wurden 294 Patienten mit kürzlich festgestelltem Bluthochdruck entweder mit Medikamenten behandelt oder bekamen ein Placebo. Das Ergebnis: Die Arzneimittel ließen die PWV nach einer Therapiedauer von Stunden bis maximal einem halben Jahr mehr sinken als Placebo.

Doch ob das spätere Organschäden vermeiden kann, kann man aus so einer kurzfristigen Studie jetzt noch nicht schließen. "Die neuen Techniken werden vermutlich eher als Ergänzung zur Therapieentscheidung dienen", vermutet Kardiologe Franz Messerli. "Zum Beispiel bei der Frage, ob Patienten mit einem grenzwertig hohen Blutdruck Medikamente bekommen sollen oder nicht. Aber wenn ich sorgfältig die Risikofaktoren von Patienten ermittle, kann ich die meisten Entscheidungen auch damit treffen." (Felicitas Witte, DER STANDARD, Printausgabe, 16.05.2011)

 


Wissen

Mit jedem Schlag pumpt das Herz rund 70 Milliliter Blut in die Arterien. Durch die Blutwelle steigt dort der Druck zunächst, dann fließt das Blut in die Organe, und der Druck sinkt. Diese Druckunterschiede misst man bei der klassischen Blutdruckmessung. Der höhere, erste Wert heißt systolischer Blutdruck, der zweite diastolischer. Die Differenz beider Werte ergibt die Blutdruck-Amplitude oder Pulsamplitude. Wie hoch sie ist, hängt unter anderem von der Elastizität der herznahen Blutgefäße ab und von der Blutmenge, die das Herz beim Herzschlag auswirft.

Mit zunehmendem Lebensalter steigt der systolische Blutdruck an. Der dia-stolische erreicht dagegen bei Männern um die 60 und bei Frauen um die 70 sein Maximum und fällt dann ab. Eine hohe Pulsamplitude weist auf ein hohes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall - vor allem bei älteren Menschen. Einige Studien geben Hinweise, dass die Puls-amplitude ein besserer Marker für Folgeschäden an Herz oder Gehirn sein könnte als der systolische oder diastolische Blutdruck allein.

Bislang konnten Studien nicht zeigen, dass man durch eine Verringerung der Blutdruck-Amplitude Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern kann. Das liegt unter anderem daran, dass es keine Medikamente gibt, die die Pulsamplitude spezifisch beeinflussen, das heißt: lediglich den systolischen Druck senken. (fewi)


Zum Thema

Blutdrucksenkende Medikamente: Körperinterne Wechselspiele


Aha, interessant: "Materialermüdung".

Zitat:
"Folge einer "Materialermüdung" der elastischen Fasern in der Gefäßwand"

Also gibts auch da die gefürchtete Materialermüdung!

Die erste Bestätigung meiner Forschungen als Couchpotato: allzuviel Sport ist ungesund...

Nein, gibt es natürlich nicht. In einem lebenden Organismus regenerieren sich die Zellen. Man braucht dafür nur genügend Schlaf.

Interessant

Warum muß ich bei dem Artikel gerade an die Pulsdiagnose nach TCM denken?
Vielleicht doch kein Hokuspokus und Voodoo?

die pulsdiagnose kannten übrigens schon die alten griechen.

trotzdem, die pulswellengeschwindigkeit werden sie so nicht messen können.

Das weiß

ich nicht, was die TCM'ler (oder die Griechen) messen können und was nicht, war nur die erste Assoziation zum Thema :-)
Meine Erfahrungen mit TCM zum Thema Hypertonie sind jedenfalls bessere als mit Internisten und Kardiologen (vom Hausarzt möcht' ich gar nicht reden sonst hab ich wieder eine Hochdruckkrise)

Was macht denn die TCM bei Hypertonie?
Wird die dort auch dämonisiert?

Bei mir

hat der TCM Doc akkupunktiert, ich war danach ziemlich entspannt, 2 unterschiedliche chinesische Medikamente (Phytopharmaca, oho!), Geschichten zum Leben erzählt, ein Buch als Empfehlung (Theo Fischer Wu Wei) und den Rat meine normalen Blutdruckmedis abzusetzen und Gewicht zu verlieren. Hat zwar alles gedauert, nona, eine Lebensumstellung ist net so ganz einfach aber jetzt gehts gut (bin überzeugter Taoist :-) ). Verteufelt oder verdammt wurde die Hypertonie überhaupt nicht, wurde kaum behandelt. Behandelt wurde ich, meine Psyche und mein Leben, aber was willst bei einer primären Hypertonie ohne konkrete Ursache sonst behandeln?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.