Konstruiertes Leben als Chance und Risiko gleichermaßen

14. Mai 2011, 20:35
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Synthetischen Biologie: Technologie nicht mit ja oder nein zu bewerten - Filme gegen immer weiter aufgehende Informationsschere

Wien - Mit der Synthetischen Biologie ist eine revolutionär anmutende Wissenschaft im Anrollen. Konstruierte Lebewesen, die etwa Biotreibstoff oder Medikamente herstellen, aber auch von Bioterroristen missbraucht werden könnten, sind keine Utopie mehr. "Synthetische Biologie ist ein sehr vielfältiges Angebot, eine Bewertung geht weit über den einfachen Dualismus 'ja oder nein' hinaus", erklärte der Experte für Technikfolgenabschätzung Markus Schmidt. Er organisiert das heute, Freitag, in Wien beginnende Science, Art & Film Festival "Bio:Fiction" und schätzt die Chancen der neuen Technologie als "gewaltig", das Risiko als "potenziell hoch" ein.

Viren kann man schon seit einigen Jahren im Labor künstlich zusammenbauen, gelungen ist das beispielsweise beim Erreger der Spanischen Grippe von 1918. Im Vorjahr haben US-Forscher um Craig Venter ein Bakterium mit künstlichen Erbgutbausteinen gebaut. "Künstliches Leben geschaffen", "Zweite Schöpfung im Labor" oder "Forscher spielen Gott" lauten dementsprechend Schlagzeilen zur Synthetischen Biologie.

Geringer Bekanntheitsgrad

Schmidt beschäftigt sich bereits seit 2006 in mehreren EU- und nationalen Projekten mit Sicherheits- und ethischen Fragen der Synthetischen Biologie. In der Öffentlichkeit sei das Thema allerdings "noch kaum bekannt". So hätten bei einer kürzlich durchgeführten Eurobarometer-Umfrage 17 Prozent der EU-Bürger angegeben, den Begriff "Synthetische Biologie" schon einmal gehört zu haben, wahrscheinlich könne nur die Hälfte davon wirklich etwas damit anfangen, so Schmidt.

2009 hat Schmidt mit seinem Kollegen Camillo Meinhart einen Dokumentarfilm über Synthetische Biologie produziert. "Es gibt genügend Texte, Fachbücher, etc., die aber niemand liest, weil das zu lange dauert. Mit Filmen kann man die Leute dagegen am besten abholen", ist Schmidt überzeugt. Aus diesem Grund hat er in einem Projekt Hollywood-Filme analysiert, wo Synthetische Biologie bzw. Biotechnologie eine Rolle spielt, wie etwa "Jurassic Park", "Spiderman", "Hulk" oder "Frankenstein".

Die Wissenschafter haben sich angesehen, welche Rolle diese Technologie in den Filmen hat, wie sie eingesetzt wird, wie das auf die Forscher zurückschlägt und wie sich das gesellschaftlich auswirkt. "Für viele außerhalb der Wissenschaft sind solche Filme der einzige Zugang zum Thema", so Schmidt. In der Folge hat Schmidt nun das Festival "Bio:Fiction" organisiert. Dabei werden nicht nur Wissenschafter zu dem Thema referieren, sondern auch 52 Kurzfilme und Arbeiten von zehn Künstlern gezeigt.

Verlust der Übersicht

Schmidt ortet eine "Informationsschere, die immer weiter aufgeht". Es werde immer mehr geforscht und entwickelt, es sei praktisch unmöglich, mit diesem Informationszuwachs mitzuhalten. Es sei auch niemanden zuzumuten, in allen Bereichen topinformiert zu sein, es gehe vielmehr darum, eine Übersicht zu bieten - was man mit dem Festival erreichen wolle.

Eine Generalaussage, ob denn nun die Vorteile oder die Risiken der Synthetischen Biologie überwiegen würden, kann man laut Schmidt nicht treffen. Beide seien vorhanden; wie man sie bewerte, hänge davon ab, mit welchen Werten man herangehe. "Risikobewertung ist etwas, wo Werte eine große Rolle spielen, da gibt es unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen unterschiedlicher Gruppen", so Schmidt. Die Chancen dieser Technologie seien "gewaltig, vieles davon ist aber erst im Stadium von Vorstellungen und Visionen". Auch die Risiken seien vorhanden, sie seien "potenziell hoch, wenn man etwa an Bioterrorismus denkt".

Das Wissenschaftsprogramm und das Filmfestival laufen bis Samstag, 14. Mai, im Naturhistorischen Museum Wien. Die Kunst-Ausstellung ist dort noch bis 26. Juni zu sehen. (APA)

  • Artikelbild
    foto: bio-fiction
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