Google I/O: "Ice Cream Sandwich" blieb im Kühlschrank

13. Mai 2011, 07:59
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Google macht ebenso große wie vage Versprechungen und vertröstet

Einen Mangel an Neuigkeiten betreffs Android kann man Google im Zusammenhang mit der am Mittwoch zu Ende gegangenen Google I/O eigentlich kaum vorwerfen: In einer einstündigen Keynote widmete man sich gleich zu Beginn der Konferenz einzig und alleine neuen Funktionen und Möglichkeiten für das mobile Betriebssystem. Von einem neuen Music-Store, dem Online-Filmverleih bis zur ambitionierten Initiativen wie Android@Home hatte man so einiges zu bieten. Mit Android 3.1 wurde sogar eine ganz neue Version der Software vorgestellt - und doch: Irgendwie kann man sich zum Schluss nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass man einen entscheidenden Bereich in seinem Ausblick beinahe zur Gänze ausgespart hat: Android für Smartphones.

Kein Eis

Denn während Android 3.1 quasi als zweiter Versuch für "Honeycomb" den Tablet-Markt erobern soll, wird es diese Version für Smartphones nie geben. Die nächste Android-Generation, die auch für Mobiltelefone erhältlich sein soll, nennt sich "Ice Cream Sandwich" und soll erst im vierten Quartal fertiggestellt werden. Zu lange hin, um jetzt schon auf der I/O eine Vorschau zu geben, hat man sich bei Google offenbar gedacht.

Wenig konkretes

So wurden denn praktisch keine neuen Features gezeigt, von Screenshots ganz zu schweigen. Lediglich das durchaus beeindruckende - aber auch etwas spezielle - Head-Tracking, mit der Android die Kopfposition der NutzerInnen erfassen und die Ausgabe entsprechend anpassen kann, wurde in der Keynote demonstriert. Am Showfloor war dann noch von Verbesserungen für den mit "Gingerbread" eingeführten Austausch von Informationen per Near-Field-Communication zu hören - das war es dann aber auch schon wieder an wirklich Konkretem.

Hoffnungen

Offensichtlich ist allerdings, dass man Google-intern große Erwartungen für "Ice Cream Sandwich" hegt, nimmt man sich hier doch gleich mehrere große Brocken vor. Für die NutzerInnen wohl am wichtigsten: Das User Interface von Android wird grundlegend hinterfragt und neu gestaltet. In welche Richtung das gehen wird, kann man jetzt schon anhand der Tablet-Version von Android erahnen.

Holografisch

Unter der Leitung des von Palm abgeworbenen Designer Matias Duarte, der dort die viel gelobte WebOS-Oberfläche gestaltet hat, soll also künftig auch bei Smartphones das "holografische UI" samt seinem neuen Launcher, den flexibleren Widgets und dem überarbeiteten Task-Switcher Einzug halten - natürlich alles auf den Formfaktor angepasst. Hinter vorgehaltener Hand wird dabei auch gemauschelt, das Google künftig striktere Vorgaben zur UI-Entwicklung machen will - bzw. mit neuen Entwicklungstools und Templates die Konsistenz der Apps verbessern möchte.

(Wieder-)Vereinigung

Die "bisher ambitionierteste Android"-Release" (O-Ton Google) soll zudem die Plattform wieder zusammenführen, die jetzt getrennten Tablet- und Smartphone-Ausgaben also vereinen. Das ebenfalls Android-basierte GoogleTV soll sogar schon vorher den Schritt in diese Richtung machen, die kommende Generation der Fernseher-Software, die für Sommer geplant ist, soll bereits auf Android 3.1 aufsetzen. "Ein Betriebssystem, das überall läuft", nennt man das bei Google - zumindest in der Android-Abteilung, bei den ChromeOS-EntwicklerInnen sieht man dies wohl etwas anders.

Druck

Dass es dermaßen lange dauert, bis Google Smartphone- und Tablet-Ausgaben auf den selben Stand bringt, verdeutlicht vor allem eines: Bei der Auslieferung von "Honeycomb" ist man offenbar unter gehörigem Druck gestanden. Google wollte mit Android 3.0 nicht nur so schnell wie möglich Apples iPad etwas entgegensetzen, sondern vor allem auch die aufkeimenden Alleingänge der diversen Hardwarehesteller bremsen, die schon mit eigenen Tablet-Ausgaben von Android auf den Markt drängten.

Abkürzungen

Dass diese frühe Veröffentlichung nicht unbedingt optimal war, gesteht man mittlerweile auch bei Google selbst ohne große Umschweife ein. Man habe hier einige "Abkürzungen" genommen, die man bis zu Ice Cream Sandwich wieder begradigen will. Eine Erkenntnis, aus der heraus man auch lieber auf die Veröffentlichung des Honeycomb-Source-Codes verzichtet, um eine weitere Zersplitterung der Plattform zu verhindern. So fürchtet man vor allem, dass Dritthersteller halbgare Honeycomb-Portierungen auf Smartphones durchführen, sollten sie einmal den Source Code in Händen haben.

Source Code

Da man sonst ja so gerne mit der Offenheit von Android wirbt, ist dies natürlich eine - sehr freundlich formuliert - "umstrittene" Entscheidung. Das weiß auch Google selbst und so werden die RepräsentantInnen des Unternehmens nicht müde, zu versichern, dass der Quellcode mit "Ice Cream Sandwich" wieder öffentlich gemacht wird.

Exkurs

Eine kleine Anmerkung am Rande, da diesbezügliche Fragen immer wieder auftauchen: Google begeht hier keineswegs einen Verstoß gegen die genutzten Open-Source-Lizenzen. Dort wo es diese vorschreiben - also vor allem bei übernommenen Komponenten wie dem Linux-Kernel - hat man nämlich sogar schon den betreffenden Android-3.1-Code freigegeben. Den eigenen, unter der Apache-Lizenz stehenden Code kann Google hingegen rein rechtlich so lange einbehalten wie man will.

Updates

Zu hoffen bleibt darüber hinaus, dass die im Rahmen der I/O verkündeten Ambitionen zur Schaffung einer "Update-Verpflichtung" in seinem vollen Umfang bis zu "Ice Cream Sandwich" Realität werden. Über diese sollen sich die diversen Hersteller fix an einen Zeitrahmen, in dem sie neue Betriebssystemversionen als Updates ausliefern, binden. Während dieser Punkt derzeit noch Zukunftsmusik ist, haben sich Samsung, Sony Ericsson, LG, HTC und Motorola zumindest schon mal verpflichtet, dass künftig für alle ihre neuen Modelle 18 Monate lang Updates auf die aktuellen Android-Versionen ausgeliefert werden. Wenn das alles dann auch tatsächlich so kommt, wäre dies wohl ein echter Gewinn für die in dieser Hinsicht derzeit leidgeprüften KonsumentInnen.

Änderungen

Damit die schnellere Auslieferung von neuen Android-Versionen tatsächlich Realität wird, muss sich natürlich auch im Zusammenspiel zwischen Google, den Smartphone-Herstellern und den Netzbetreibern grundlegend etwas ändern. Gerade in den teilweise recht langsamen Prozessen der Letzteren verzögert sich so manches Update schon mal über Wochen und Monate. Aber auch Google selbst könnte hier wohl noch einiges beitragen. Wie eine Vertreterin von Samsung gegenüber dem WebStandard betonte, hat man selbst den Source Code für Android 3.1 gerade erst mal einen Tag vor dessen offizieller Vorstellung erhalten. Da kann es eigentlich nicht verwundern, dass man das am Dienstag in der Keynote von Google versprochene Update auf Android 3.1 für das an alle Anwesenden verteilte Samsung Galaxy Tab 10.1, noch recht vage für "in den kommenden Wochen" verspricht.

Partnerschaften

Und das übrigens bei einem Unternehmen, welches derzeit zum Liebling des Android-Herstellers avanciert zu sein scheint. Nicht nur dass das Google-eigene Nexus S von Samsung produziert wird, liefert der Konzern gleich alle auf der Google I/O massenweise verschenkten Gerätschaften. Neben dem Galaxy Tab wird nämlich auch der zugehörige, mobile LTE/4G-Hotspot von Samsung hergestellt. Und das ebenfalls noch allen Anwesenden versprochene "Chromebook" soll dann in den nächsten Wochen ebenfalls von dem südkoreanischen Unternehmen nachgeliefert werden.

An der Spitze...

Apropos Nexus: Android-Chefentwickler Andy Rubin betonte auf der Google I/O, dass man weiterhin vorhabe, solche "Lead Devices" zu produzieren, um ausgewählte Technologien - und so den Android-Markt als Ganzes - voranzutreiben. So darf es also keine große Überraschung sein, wenn Google dann passend zu "Ice Cream Sandwich" auch gleich ein "Nexus 3" (oder so ähnlich) aus dem Hut zieht. Bis dahin heißt es aber mal: Geduldig auf das nächste Dessert warten. (Andreas Proschofsky aus San Francisco, derStandard.at, 13.05.11)

  • Wenn es auch sonst wenig Konkretes gab - immerhin ein Logo für "Ice Cream Sandwich" hatte man schon parat.
    grafik: google

    Wenn es auch sonst wenig Konkretes gab - immerhin ein Logo für "Ice Cream Sandwich" hatte man schon parat.

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