Zur Debatte um die angedrohten Kürzungen der Nachtdienste im AKH - Von Sigrid Pilz
Patienten, die nächtens in die Notfallaufnahme im AKH kommen, müssen künftig vielleicht noch viel länger warten - nämlich für den Fall, dass der Rektor der Medizinischen Universität (MUW), Prof. Schütz, seine Drohung wahr macht: die ärztlichen Nachtdiensträder sollen deutlich reduziert werden, es sei denn, die Stadt Wien, die Eigentümerin des AKH, schießt der MUW, die die Ärzteschaft beschäftigt, die fehlenden Mittel zu. Die Stadt wehrt sich zu Recht, denn es gibt gültige Verträge, die einzuhalten sind.
Handlungsbedarf ist allerdings gegeben, wenn das österreichische Flaggschiff in der medizinischen Akutversorgung nicht in raue Gewässer kommen soll. Ohne Strukturreformen, vor allem im medizinischen Bereich wird die Vernunftsehe AKH/MUW nicht aus den negativen Schlagzeilen kommen. Seit Jahren sind die Probleme bekannt, die zu ausufernden Kosten und Ineffizienz bei der Ressourcenverwendung führen: Die Mediziner/nnen des Zentralkrankenhauses stehen massiv unter Arbeitsdruck, sofern sie noch in Ausbildung oder am Beginn ihrer beruflichen Karriere sind. Um sich zu habilitieren, muss Zeit für die Wissenschaft gefunden werden, Gleichzeitig sind die Ambulanzen übervoll. Das Salär ist bescheiden, nur durch häufige Nachtdienste kann es aufgebessert werden.
Lediglich die wenigen, die es in der steilen Hierarchie zum Abteilungsvorstand geschafft haben, spielen in einer ganz anderen Liga: Das Gehalt ist gut, vor allem aber die lukrativen Außer-Haus-Engagements bringen das eigentliche Einkommen.
Kein Wunder, dass der Frust derer groß ist, die für wenig Geld sehr viel arbeiten. Um sie bei der Stange zu halten, wird von der MUW-Führung stillschweigend viel hingenommen: Nach 13 Uhr herrscht noble Stille in den Gängen, teure Geräte bleiben ungenutzt, denn die mittlere und obere Führungsriege der Kollegenschaft ist um diese Zeit häufig bereits auf der "goldenen Meile" der Privatkliniken, in der eigenen Ordination oder an einer Privatuniversität tätig.
Das Spitzenkrankenhaus Österreichs hätte es jedoch verdient, dass ihr medizinisches Personal in erster Linie dem eigenen Haus, der Forschung, der Lehre, insbesondere aber den Patienten, die keine extra Einkünfte versprechen lassen, verpflichtet ist. Angemessene Gehälter auf allen Hierarchieebenen sollten die Wertschätzung für die großartigen Leistungen, die im AKH erbracht werden, widerspiegeln.
Dies wäre allerdings zu verknüpfen mit der Pflicht, Sonderklassepatienten im AKH und nicht im Privatspital zu behandeln, damit auch der öffentliche Träger des Spitals, der schließlich die Infrastruktur stellt, dadurch Einnahmen erzielen kann. Es ist nicht akzeptabel, dass lukrative Behandlungen und Eingriffe zugunsten der privaten Geldbörse, chronisch Kranke und komplizierte Eingriffe, aber zu Lasten des öffentlichen Trägers dirigiert werden. Dazu braucht es neben einer strikten Regelung der Nebenbeschäftigungen auch eine Dienstzeitreform, die nicht knapp nach Mittag den Nachtdienst einläutet. Nachtdiensträder hinsichtlich ihrer Besetzung zu überprüfen, wie es Schütz nun offensichtlich tut, kann in Fächern Sinn machen, wo absehbar ist, dass nächtliche Komplikationen sehr selten sind. Die ärztliche Besetzung jedoch quer durch alle Disziplinen auszudünnen, würde die Patienten und das Personal unzumutbar überfordern. Rektor Schütz sollte also Reformen ankündigen und nicht Gefährdungen in Aussicht stellen. (Sigrid Pilz, DER STANDARD; Printausgabe, 13.5.2011)
SIGRID PILZ ist Landtagsabgeordnete und Gesundheitssprecherin der
Grünen Wien