"Apple gibt uns heute mehr Orientierung als jede politische Partei"

17. Mai 2011, 08:21
146 Postings

Machtforscher Katzmair und Mahrer: Kein Mensch ist ohnmächtig, die Politik nicht mehr so mächtig und eine Partei frustrierter Bürger wahrscheinlich

In ihrem neuen Buch "Die Formel der Macht" plädieren Harald Katzmair und Harald Mahrer für einen unverkrampften, realistischen Umgang mit dem Begriff. Schnell fühle man sich hierzulande machtlos und übe sich in Defaitismus, anderen schreibe man dagegen voreilig uneingeschränkten Einfluss zu.

In Wahrheit müssten Machtträger stets viele Interessen ausbalancieren und anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen. "Das funktioniert über Geben und Nehmen. Mächtig sind die mit mächtigen Freunden. Nur die Schwachen wollen, dass ihr Umfeld schwach bleibt", sagt Katzmair, der wie Co-Autor Mahrer die Visionslosigkeit der österreichischen Politik beklagt und eine neue demokratische Bewegung aus kritischen, gut informierten Bürgern erwartet. Lisa Aigner und Lukas Kapeller fragten.

derStandard.at: Die Macht neige dazu, sich zu konzentrieren, schreiben Sie in Ihrem Buch. Heute gelten die CEOs von Banken, Software- und Energie-Konzernen als die eigentlich Mächtigen. Früher waren das Staatsmänner. Wie konnte die Politik Macht einbüßen, wenn diese doch keiner hergeben will?

Katzmair: Macht ist nie ein Zustand, sondern ein Prozess, ein Werden. Die Macht muss sich immer wieder reproduzieren. Die Politik hat sich aufgrund verlorengegangener Visionen und zunehmender fiskalpolitischer Einschränkungen selbst immer mehr an den Rand gedrängt. Heute gibt uns "Apple" mit seinen Produkten mehr Orientierung als jede politische Partei. Orientierung im Sinne von, was wir als gut und richtig empfinden. Ich übertreibe jetzt ein bisschen. Der Politik ist die Macht nicht weggenommen worden, sondern die Macht der Politik ist in einem graduellen Prozess über Jahrzehnte erodiert.

derStandard.at: Es fehlen die politischen Visionen?

Mahrer: Die Globalisierung, die Technisierung und die Digitalisierung haben dazu geführt, dass wir in der Demokratie einen Punkt erreicht haben, wo sie einen Sprung in der Entwicklung machen muss. Die Menschen haben heute viel mehr Orientierungsmöglichkeiten. Die Politik hat im selben Zeitraum verabsäumt, eine neue Orientierung zu bieten, eine neue Vision. Keine einzige Partei kann in Österreich sagen: Wohin soll die Reise für uns gehen.

Katzmair: Die Aufgabe der Politik war es seit jeher zu sagen: Es könnte auch anders gehen, andere Ordnungen sind möglich. Das ist der Unterschied zwischen der Politik und der Polizei. Die Politik soll nicht bestehende Ordnungen erhalten, sondern gestalten. Die Erarbeitung von Alternativen, das ist eine Vision. Diese Arbeit wird in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft immer weniger geleistet.

derStandard.at: Wenn Sie sagen, dass ein Netzwerk, also Beziehungen, kombiniert mit Ressourcen, also Geld, zu Macht führen, hat die Bevölkerung dann nicht einen sehr beschränkten Einfluss darauf, wer das Land regiert?

Katzmair: Die Frage der Handlungsfähigkeit der Bevölkerung ist eine Grundfrage der Demokratie. Wir wissen, dass das demokratische System das bisher beste System ist, um möglichst viele in den Prozess der Machtausübung einzubinden. Je ohnmächtiger wir uns fühlen und je mehr wir sagen, dass die Macht dort draußen jemand anderer hat, umso gefährlicher ist es. Das Problem, das wir haben, ist, dass die Skalen, an denen wir unsere Macht bemessen, falsch sind. Entweder wir haben gar keine Macht oder wir wollen zu viel. Es geht darum, was ich mit dem, was mir zur Verfügung steht, bewegen kann.

Mahrer: Es braucht mehr Bürgerbeteiligungen. In einer Wissensgesellschaft, wo derart viel verteiltes Wissen vorhanden ist, gehört es identifiziert, aktiviert und eingebunden. Im Übrigen hole ich so die Bürger in die Politik hinein. So ohnmächtig sind wir alle nicht, weil jeder von uns viel Wissen hat. Wir brauchen weiterhin eine repräsentative Demokratie, aber auch viel mehr Einbindung der Kompetenz der Bevölkerung. Das ist ein Weg für die Zukunft der Demokratie. Das müssen die politischen Parteien begreifen. Tun sie das nicht, kommt eine neue Bewegung und macht das. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Willigen und Wissenden in dem Land das organisieren werden.

derStandard.at: Unzufriedene Bürger könnten sich verbünden und eine Alternative zu den etablierten Parteien anbieten, auch in Österreich?

Katzmair: So ist es.

Mahrer: Im Hintergrund brodelt es. Entweder die beiden Parteien, die jetzt an der Regierung sind, kriegen das ziemlich schnell hin, oder wir erleben ganz sicher vor 2013 eine neue Wahlbewegung.

Katzmair: Das glaube ich auch, ja.

derStandard.at: Wie würde die aussehen?

Mahrer: Das wäre eine Bewegung, die das Gemeinsame vor das Trennende stellt, die zwar wertebewusst ist, aber entideologisiert, nicht in der klassischen Rechts-Links-Einordnung. Wir kennen alle die Probleme in diesem Land. Wir wissen, dass wir im Pensionssystem, im Gesundheitswesen und in der Bildungspolitik etwas tun müssen. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Unzufriedenheit bei jenen, die viele Ressourcen zur Verfügung haben, ist groß. Irgendwann reißt der Geduldsfaden. (derStandard.at, 16.5.2011)

HARALD KATZMAIR (42) ist Soziologe und Philosoph. Er hat das Analyse- und Beratungsunternehmen "FAS.research" gegründet und ist Experte in der Analyse von Macht- Beziehungs- und Kommunikationsnetzwerken.

HARALD MAHRER (38) ist Wirtschaftswissenschafter. Er gründete den Think Tank "demokratie.morgen" und das Metis Institut für ökonomische und politische Forschung. Er war jahrelang als Lobbyist tätig.

Das Buch: "Die Formel der Macht" (21,90) Euro ist im ecowin-Verlag erschienen.

  • "Es braucht mehr Bürgerbeteiligungen. In einer Wissensgesellschaft, wo derart viel verteiltes Wissen vorhanden ist, gehört es identifiziert, aktiviert und eingebunden", sagt Lobbyist und Wirtschaftswissenschafter Mahrer.
    foto: derstandard.at

    "Es braucht mehr Bürgerbeteiligungen. In einer Wissensgesellschaft, wo derart viel verteiltes Wissen vorhanden ist, gehört es identifiziert, aktiviert und eingebunden", sagt Lobbyist und Wirtschaftswissenschafter Mahrer.

  • Katzmair und Mahrer sind sich einig: Entweder die Regierungsparteien setzen überfällige Reformen um, oder die Bürger organisieren sich in einer neuen Partei und machen sich die Reformen selbst.
    foto: derstandard.at

    Katzmair und Mahrer sind sich einig: Entweder die Regierungsparteien setzen überfällige Reformen um, oder die Bürger organisieren sich in einer neuen Partei und machen sich die Reformen selbst.

  • Katzmair: Heute gibt uns "Apple" mit seinen Produkten mehr Orientierung als jede politische Partei.
    foto: derstandard.at

    Katzmair: Heute gibt uns "Apple" mit seinen Produkten mehr Orientierung als jede politische Partei.

Share if you care.