Die Diskurse des Fleisches

12. Mai 2011, 15:38
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Zwei Festival-Abende im Namen der Dialektik von Körper und Geist

Zu lange ist das Dogma des Körper-Geist-Dualismus durch die abendländische Kulturgeschichte gegeistert, als dass nicht immer noch etwas hängengeblieben wäre. Prädestiniert für die überfällige Entdeckung der Ganzheitlichkeit scheint da nicht zuletzt das Feld des Tanzes.

Am dritten Festival-Abend von "Österreich tanzt" ist es Saskia Hölbling, die im Festspielhaus St. Pölten eine exposition corps unternimmt. Gemäß dem Festival-Motto "Courage - Mut - Schneid" gehört zu einer solchen Ausstellung ein gewisses Maß an Mut: Die Wiener Choreografin versucht, mithilfe des Arbeitsmaterials Körper die darin gespeicherten Erinnerungen nach außen zu bringen.

Gar so leicht ist es aber nicht mit dem Rückschluss vom Außen auf das Innen, stellt im Anschluss Christina Medina fest: It is not always WYSIWYG. Die kryptische Abkürzung steht für eine verlockende Verheißung von Unkompliziertheit: "What You See Is What You Get." Choreografin Medina spielt mit Schein und Sein, Vorurteilen und der Unvereinbarkeit von Sichtweisen. Die Tänzer Koto Aoki, Young Na Hyun, Ruth Janssen und Kun-Chen Shih hinterfragen Denkweisen - und fordern das Publikum auch dazu auf.

Intimer Körper

Abend vier startet mit einer direkten Auseinandersetzung mit dem Körper. In Speck gewährt Stefanie Wieser dem Publikum intime Einblicke, in ihr Wohn- ebenso wie in ihr Schlafzimmer, ihren Körper wie ihr Innenleben. Sie setzt sich mit dem auseinander, was man als "Dialektik des Fleisches" bezeichnen könnte: das Fleisch als Intimes und zugleich das Äußerliche schlechthin. Die Lust am Fleischlichen ebenso wie Leid und Ekel, den der Speck hervorruft. Simon Mayer und Pieter Ampe beschäftigen sich schließlich mit der Unmittelbarkeit und Impulsivität, die als etwas Körperliches verstanden werden darf.O Feather of Lead thematisiert kindliche Neugier, Verspieltheit und den Mut, sich von Normen nicht darin bremsen zu lassen. (Andrea Heinz/DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2011)

"exposition corps" & "It is not always WYSIWYG" , 20. 5., 19.30

"Speck" & "O Feather of Lead" , 21. 5., 19.30

Abschlussfest im Café Publik, ab 22.00

  • Simon Mayer und Pieter Ampe finden: Moral und Wertung werden 
überbewertet. Erlaubt ist hier, was Spaß macht.
    foto: sorgeloos

    Simon Mayer und Pieter Ampe finden: Moral und Wertung werden überbewertet. Erlaubt ist hier, was Spaß macht.

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