8,5 Milliarden Dollar ist es dem Konzern wert, ein Unternehmen zu kaufen, das bisher nur Verluste schrieb
Achteinhalb Milliarden Dollar ist es Microsoft wert, ein Unternehmen zu kaufen, das bisher nur Verluste schrieb - der WebStandard berichtete. Wofür greift der Softwarekonzern so tief in die Portokasse? Für eine der weltweit bekanntesten Onlinemarken, über 600 Millionen registrierte User - und nicht zuletzt dafür, dass Skype nicht über Konkurrenten Google in die Hände fällt.
iPad
Denn obwohl Microsoft mit Windows und Office noch immer den PC-Markt fest in der Hand hat und hoch profitabel ist, steuert der Konzern auf einen Eisberg zu. Google und Facebook dominieren den Onlinespace, und die Hinwendung zu Smartphones und Tablets beginnen das schöne PC-Geschäft zu erodieren. Dem iPad wird zugeschrieben, dass der PC-Markt heuer trotz der guter Konjunktur bisher schrumpfte. Das Tempo dieser Transformation wird zunehmen, je mehr Konsumenten und Unternehmen den Nutzen dieser Geräte entdecken.
Yahoo wurde von Google zur Seite gedrängt, Myspace von Facebook
IT-Unternehmen neigen darum zur Paranoia. Von Bill Gates ist der Satz überliefert, dass jedes Unternehmen, auch das reiche Microsoft, nur 18 Monate vom Abgrund entfernt sei. Das mag übertrieben sein - aber nicht ohne Basis: IBM schrammte in den 90er-Jahren nur knapp an diesem Abgrund vorbei, Apple sah 1997 vor der Rückkehr von Steve Jobs schon ziemlich erledigt aus. AOL verpasste den Wandel von Telefon-Internet zu Breitband-Internet und ist heute weitgehend bedeutungslos. Yahoo wurde von Google zur Seite gedrängt, Myspace von Facebook.
Existenzangst
Es gibt darum genug Gründe zur Existenzangst, und das kann ungemein beflügeln. Nach langer Trägheit - einem Mix aus Saturiertheit und Defensivität nach den Kartellverfahren - hat Microsoft wieder interessante Entwicklungen zu bieten. Der Internet Explorer ist unter dem Druck von Firefox, Apple und Google wieder konkurrenzfähig geworden. Mit Windows Phone 7 hat Microsoft eine attraktive Basis, um am Handymarkt wieder Fuß zu fassen (mit der derzeitig elegantesten Integration von Facebook in Handyfunktionen).
Apps für das iPhone
Für iPad und iPhone schreibt Microsoft innovative Apps, etwa Photosynth - eine 360-Grad-Software, um begehbare virtuelle Räume zu fotografieren - oder die Bing-App, eine Kombi aus Suche und Newsreader. Seine Live-Services und Office 365 brauchen sich vor Google nicht zu verstecken.
Gold
Für diese Neuerfindung als Internet-Unternehmen ist Skype Gold wert, alleine sprachlich: Man "skypt", so wie man "googelt" - während niemand "bingt". Überholen wird Microsoft mit dem Kauf des Internettelefonie-Dienstes niemand. Aber zumindest vergrößert sich der Abstand zu Google und Apple nicht. Und in vielen Produkten lässt sich Skype gut einfügen, von Outlook und Messenger über Windows-Handys bis zu Videocalls via Xbox. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass mit Skype selbst kein Geld zu machen ist.
So manches glänzende Spielzeug ist beim neuen Besitzer verkommen
Garantiert ist diese blutauffrischende Wirkung trotz achteinhalb Milliarden nicht. So manches glänzende Spielzeug ist beim neuen Besitzer verkommen. Man braucht nur schauen, was schon Ebay nicht aus Skype gemacht hat. (Kolumne PERSONAL TOOL, DER STANDARD Printausgabe, helmut.spudich@derStandard.a)