Skandal um Kindesentführungen in China

11. Mai 2011, 18:38
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Magazin deckt systematische Verschleppungen auf - Debatte um Ein-Kind-Politik

Ein Dutzend Männer verschaffen sich brutal Eintritt in ein Bauernhaus im Dorf Fengxing. Nur die Großeltern sind mit ihrer Enkelin Yangling da. Die Oma versteckt sich aus Angst mit dem Baby im Schweinestall - und wird entdeckt. Das Mädchen wird ihr aus den Armen gerissen und unter dem Vorwand mitgenommen, es sei ein "illegal geborenes Baby".

Es war der 29. April 2005, an dem die neun Monate zuvor völlig legal geborene Yangling von geldgierigen Familienplanern verschleppt wurde. Ob das Baby angemeldet war, war ihnen egal. Sie warteten darauf, dass die Familie es gegen eine saftige Geldbuße auslösen würde. Wenn nicht, würden sie Yangling mit gefälschten Papieren in ein Waisenheim bringen, wo sie zur Adoption ins Ausland freigegeben würde. Funktionäre und Heimleiter arbeiteten da Hand in Hand.

640 Euro - für Enkelin

Noch am Tag der Entführung verlangte der verzweifelte Großvater von der Behörde seine Enkelin zurück - und erfuhr, dass er dafür 6000 Yuan (640 Euro) zahlen müsste. Als er 4000 (430 Euro) zusammenhatte, war es zu spät. Yangling war bereits im Fürsorgeheim der Kreisstadt Shaoyang und erhielt dort den neuen Familiennamen "Shao". Auch ihr leiblicher Vater Yang Libing, der mit seiner Frau als Wanderarbeiter 1000 Kilometer entfernt arbeitete und sein Baby in der Obhut der Großeltern zurückgelassen hatte, konnte nichts mehr ausrichten.

Mindestens 16 der zwischen 2002 und 2005 in der Region behördlich geraubten Babys tauchten bei ihren Eltern nie wieder auf. Sie leben heute bei nichtsahnenden Familien in den USA oder den Niederlanden, enthüllte jetzt die Pekinger Zeitschrift Caixin Century. Sie stellt auch die Auslandsadoptionen von über 100.000 Kindern auf den Prüfstand. Der Skandal schlägt hohe Wellen. Die Stadtregierung von Shaoyang ordnete eine Untersuchung an.

Die Verschleppung der Babys flog auf, weil Yanglings Vater und andere Eltern sich unermüdlich als Klagesteller an Behörden und Gerichte wandten. Auch Medien berichteten darüber. Nach sechs Jahren wurde Yangling in einer US-Familie entdeckt - ihre leiblichen Eltern erhielten ein Foto. Die Adoptivfamilie und das Kind sind nach wie vor ahnungslos.

Es waren bei weitem nicht die einzigen Fälle von Adoptionshandel. 2006 wurden etwa 23 involvierte Funktionäre bestraft, wie damals Xinhua berichtete. Dabei ging es um über 100 Babys, die in Heime gebracht worden waren. Für jedes erhielten die "Vermittler" umgerechnet rund 450 Euro.

Hohe Dunkelziffer

Die Dunkelziffer ist hoch - vor allem in Familien, die unerlaubt ein zweites oder drittes Kind hatten. Formal werden in China Adoptionen streng überwacht. Die hohen Zahlen aber geben zu denken. Seit 1992 dürfen Ausländer chinesische Kinder adoptieren. 100.000 Babys und Kleinkinder sind seither ins Ausland vermittelt worden, mehr als 70.000 von ihnen in die USA. In Europa kamen die meisten, rund 10.000, nach Spanien. Seit 2008 hat Peking die Verfahren erschwert . Das hat die Zahl der Auslandsadoptionen zurückgehen lassen.

Der Skandal, den Caixin aufdeckte, kommt mitten in eine Debatte darüber, ob Peking an seiner Ein-Kind-Politik noch weiter festhalten kann. Denn diese machte den Missbrauch erst möglich. (Johnny Erling, DER STANDARD Printausgabe, 12.5.2011)

  • Die "Caixin Century"-Ausgabe zum Adoptionsskandal
    foto: erling

    Die "Caixin Century"-Ausgabe zum Adoptionsskandal

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