Die Songerforscher

12. Mai 2011, 17:12
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Kunstform Interpretation: Nils Landgren nimmt sich Cole Porter vor, die Band Franui Lieder von Gustav Mahler

Wo kaum noch Neues nachkommt, dort blüht die Interpretation des Alten als eigenes Genre. Das kann man bedauern, in der Welt der Musik erbringt die Interpretation jedenfalls doch ausreichend faszinierende Zugänge zu alten Werken. Im Jazz ist seit jeher üblich, die zu Standards gewordenen Schlager und Musicalhits immer wieder neu zu thematisieren. Interpretation geht dort weit über das hinaus, was in der Klassik dafür gehalten wird. Hört man reife Songversionen von Damen wie Carmen McRae, sind das schon regelrecht Neuschöpfungen, was man da vernimmt. Posaunist und Sänger Nils Landgren ist da nicht so extrem.

Auf Don't Fence Me In nimmt er sich mit der Bohuslän Big Band der Songs von Cole Porter an (Arrangements Colin Towns). Allein, mit welcher charmant-schmucklosen Gelassenheit er etwa I've Got You Under My Skin haucht - das lässt ihn doch als einen nahen Verwandten eines anderen Vokalminimalisten erscheinen, der auch kein Profisänger war - nämlich Trompeter Chet Baker. Auch die Arrangements strahlen: Durchaus im Mainstream verankert, lösen sie die in diesem Kollektiv schlummernden Energien produktiv aus, was dynamische Momente der kontrapunktischen Art ergibt.

Auch Gustav Mahler ist Dauerobjekt von Interpretation - längst auch abseits der Klassik. Unübertroffen etwa Uri Caines bis in den dekonstruktivistischen Free Jazz hineinreichende Versionen des symphonischen Werkes von Mahler. So weit gehen Franui nicht. Die Musikband, benannt nach einer Almwiese, nimmt sich Mahlerlieder vor und ist nahe am Bekannten. Durch die schlanken Arrangements und Instrumente wie Harfe und Zither wie auch die oft ins Tänzerische kippenden Stimmungen, entsteht auf Mahlerlieder ein ganz eigener reizvoller Ansatz, der auch von der gelassenen Arbeit des Baritons Daniel Schmutzhard profitiert. Hier wird Mahler ins Folkloristische gezogen und mit einer herben Aura versehen.

Interpretation kann natürlich noch gewagter sein: Man nimmt das Original, spielt es notentreu, lässt jedoch Improvisatoren spontan dazu agieren. Natürlich ist da wieder etwas bei der Firma ECM herausgekommen. Selbige hat einst das Hilliard Ensemble (auf alte Musik spezialisiert) mit Saxofonist Jan Garbarek zusammengebracht, der seine poetischen Ideen über Renaissancemusik legte. Hier, auf Mistico Mediterraneo (ECM/Lotus), geht es um A Filetta, eine korsische Vokalgruppe, die polyphone Gesänge grandios abliefert. Dazu fantasieren aber Jazztrompeter Paolo Fresu und Bandoneonspieler Daniele die Bonaventura. Ergebnis: Tolle Musik - allerdings atmosphärisch neu gedeutet durch Interpretationen der spontanen Art. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2011)

Nils Landgren: "Don't Fence Me In" (Act/Edel)

Franui: "Mahlerlieder" (Col Legno)

  • Nils Landgren
    foto: edel

    Nils Landgren

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