Mit Christoph Marthalers Grönland-Stück "±0" geht am Donnerstag die erste Premiere an den Start. Schauspielchefin Stefanie Carp im Wordrap
Ronald Pohl war
Stichwortgeber.
Mobilität: Das Schauspielprogramm beschäftigt sich thematisch mit den
Enden der Welt im doppelten Sinn, nämlich mit dem sozialen und
ökologischen Ende unserer Lebenswelt, den Rändern (Enden) der Welt, an
denen die leben, die an unserer Lebenswelt nicht teilhaben, und auch in
subjektiver Hinsicht mit der Abgewandtheit von der Welt. Ein Topos
vieler Inszenierungen ist Mobilität. Die unfreiwillige und die
freiwillige. Die Zwangsumsiedlungen, Arbeitsmigration, den Geldströmen
und Ölströmen hinterher, wie zum Beispiel in Stefan Kaegis Arbeit
Bodenprobe Kasachstan. Auf der anderen Seite die privilegierte
Mobilität, die Geschwindigkeit des Überall-sein-Könnens, die
Nicht-Gebundenheit an eine Kultur, Ungebundenheit als Privileg derer,
die zu den vermeintlichen Zentren der Welt gehören. Zur Betonung dieser
Zwei- und Mehrwertigkeit steht auch das Subpolare Basislager von
Christoph Marthaler am Beginn des Schauspielprogramms.
Ressourcen: Ich hatte ursprünglich vor, das Schauspielprogramm unter das
Thema "Wasser" bzw. "Klima und Ressourcen" zu stellen, was Natur, unser
versöhntes oder unversöhntes Verhältnis zur Natur impliziert hätte. Es
ist mir aber nicht gelungen, die Künstler für dieses Thema zu
begeistern. Ich dachte mir, dass Natur und politische Ökologie sich
vielleicht nicht theatralisieren lassen. Außerdem wollte Luc Bondy die
beiden Chéreau-Inszenierungen und natürlich seine eigene
Ionesco-Inszenierung. Die haben mit diesem Thema nichts zu tun, sind
aber budgetär sehr zentral. Da hatte sich aber Christoph Marthaler in
Grönland, den Ort und das Sujet, verliebt, wobei er es abgelehnt hat,
das Thema Klima in dieser Arbeit zentral zu machen.
Grönland: Die Grönländer werden von der Eisschmelze profitieren, weil
sie jetzt an ihre Bodenschätze und an das Öl in der Arktis rankönnen.
Man trifft dort viele internationale Kommissionen, die Bohrungen
vornehmen und die Vorkommen taxieren. Grönland wird ökonomisch
unabhängig, und andere Teile der Welt werden überschwemmt werden. In
Christophs Inszenierung kommt ein Textausschnitt aus Alfred Döblins
Roman Berge, Meere und Giganten vor. Da gibt es bereits ein Kapitel über
die "Enteisung Grönlands".
Nuuk: Die Unterschiede des Lichtes, der Temperatur, der Natur zu unserer
Umgebung sind gewaltig und überwältigend. Nuuk ist wahrscheinlich eine
typisch arktische Stadt. Die Häuser weit verstreut. Teilweise Neubauten
von dänischen Architekten oder scheußliche Sozialbauten, in die in den
50ern die verstreut lebenden Grönländer von den Dänen hineingezwungen
wurden. Daneben viele buntbemalte Holzhäuser wie in Nordskandinavien.
Dabei ist Holz etwas, das es in Grönland nicht gibt, sondern aus
Dänemark angeliefert wird. Das Ganze hat etwas sehr Hybrides.
Die Inuit-Bevölkerung Grönlands wurde nach dem Zweiten Weltkrieg brutal
in die Moderne gerissen. Vorher wurden sie absichtsvoll von ihr
ausgeschlossen, weil die Dänen gute Geschäfte mit dem Seehundfetthandel
machten und die Grönländer als Jäger brauchten. Heute leben viele
ehemalige Jäger und Fischer von Sozialhilfe. Wirkliche Armut habe ich
nicht gesehen. Aber viele Menschen sind psychisch in Not.
Theaterkunst am Ende der Welt: Christoph Marthaler hat zwei
grönländische Darstellerinnen in sein vorwiegend schweizerisches
Ensemble integriert, dem auch ein Franzose und eine Engländerin
angehören. Die Arbeit wurde vier Mal im Kulturzentrum von Nuuk, in dem
auch geprobt wurde, gezeigt. Christoph wollte auf keinen Fall die
sozialen Probleme der Grönländer vorführen: die besoffenen Grönländer,
die mit dem neuen Leben nicht zurechtkommen, auch eine Exotik wollte er
nicht vorführen. Es geht um unser Empfinden in einer fremden Welt und um
die Vermischung von Kulturen, die Klassifizierung von Sprache, um
Isolation und Einsamkeit. Manchmal geht es auch um das Klima. Der fremde
Ort Grönland oder besser gesagt: das Grönland-Gefühl wird evoziert mit
Musik, mit Bildern. Es ist eine sehr visuelle Arbeit.
Wien: Österreich hat sehr harte Migrationsgesetze. Aber Deutschland
benimmt sich diesbezüglich fast genauso schlecht. Offenbar können sich
beide Länder nicht auf den Umstand einstellen, Einwanderungsländer zu
sein. Die Debatte um die Schüler mit migrantischem Hintergrund ist im
Grunde die gleiche wie in den Siebzigerjahren die Debatte um die
Chancengleichheit für Arbeiterkinder. Einerseits geben sich die
Politiker diesbezüglich besorgt und regen Intergrationsprojekte speziell
in Kunst und Kultur an, auf der anderen Seite werden Gelder für
Ausbildung gestrichen und immer mehr Privatschulen gegründet. Es geht
nach wie vor darum, einen Teil der Menschen auszuschließen und
wegzusperren. Es geht noch nicht mal um Rassismus, sondern um
Verteilungkämpfe: Wer darf dabei sein, und wer soll bitte schön im
Township verbleiben.
Hinterhäuser/Langhoff: Das ist auf jeden Fall interessant. Ich finde
auch gut, wenn die Musik ins Zentrum rückt. Auch den Dreijahresrhythmus
der künstlerischen Leitung finde ich gut, weil sich die Festwochen dann
alle drei Jahre radikal verändern müssen. Leider wird die Macht des
Apparates dadurch sehr gestärkt. Irritiert war ich von der Kritik, zu
wenig Eigenproduktionen im Schauspiel entwickelt zu haben. Ich muss doch
nicht Schutz vor der Zukunft, Riesenbutzbach, Othello, Exhibit A, die
Arbeit von Schorsch Kamerun, Compartment City etc. aufzählen; erstere
beiden touren immer noch international. Fakt ist, dass die Festwochen
zum Produzieren nicht wirklich ausgestattet sind. Deshalb sind
Eigenproduktionen sehr teuer. Durch die Spartenauflösung hat allerdings
das neue Intendantenteam mindestens das dreifache Budget meines
Schauspielbudgets. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2011)