Zeitung vs. Magazin

11. Mai 2011, 14:39
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Roland Kreutzer im Ad-Blog über das vermeintliche Szenario "Zeitung versus Online" - "Internet als Erstmedium schon gefestigt"

Wenn Zeitungsmacher die Zukunft ihrer Mediengattung betrachten, dann tun sie das ähnlich wie unsereins, als wir mit dem Internet begonnen hatten. Sie suchen sich Vergleiche, positionieren sich damit und malen sich eine Zukunft aus. Wir hatten vor 10 bis 15 Jahren die Vision, dass das Internet alle Medienkanäle inhaliert, zum zentralen Leader der Medienlandschaft wird. Nun ja, die Richtung stimmt, zumindest auf User-Seite.

Üblicherweise sucht man die Positionierung dort, wo man Vorteile sieht. Also einerseits eine Spielwiese, auf der man gewinnen kann, andererseits ein Ziel, das erstrebenswert ist. Die Zeitungsmacher haben scheinbar aktuell bei beiden Seiten ein Problem, wie ich vom Medien Manager erfahre. Und auch meine tägliche Praxis widerspricht dem Bild, das hier von den Print-Experten vorgegeben wird.

"Zeitung versus Online" ist das Szenario, das hier vorgetragen wird. Ich verneine das schon deshalb, weil es "online" nichts zu holen gibt - immer noch ist der Print-Bereich in Österreich überfinanziert, der Online-Bereich schwer unterfinanziert. Die Nutzung gegenüber dem eingesetzten Geld zeigt, wie das Missverhältnis hier ist. Aber nicht nur das verwunderte mich. Es ist auch die inhaltliche Positionierung.

Hintergrundberichterstattung

Die Zeitung würde dadurch eine sonnige Zukunft haben, weil sie Hintergründe liefern kann und weil sie regionaler agieren kann als das Internet, heißt es etwa. Hallo? Die Hintergründe liefert das Web deutlich pluralistischer, umfangreicher, schneller. Und insbesondere die Regionalisierung ist erst durch das Internet in jede Art und Dimension machbar, da kommt Print gar nicht mehr mit.

Insbesondere sehe ich aber die tatsächliche Frage eher in "Magazin oder Zeitung", denn wo die Zeitungsnutzung immer mehr zur Hintergrundlektüre am Sonntag wird, trifft sie irgendwann einmal auf die Wochenmagazine mit ähnlichem Anspruch. Und die haben durchaus gute Karten: Glaubwürdigkeit, Medienmarken, Haptik des Mediums und Erscheinungsweise sind optimiert auf genau diese Position. Und im Gegensatz zur Sonntagszeitung (und zum Internet) sind die Leser da sogar bereit, für das Produkt zu zahlen ;-)

Ich sehe das Internet als Erstmedium schon gefestigt. Auch allerlei Hintergrund-Recherche und auch die anderen genannten Bereiche deckt es gut ab. Will man Analysen und einen vereinfachten bzw. gewichteten Überblick, sind Magazine den Zeitungen ebenbürtig. Die Frage der Zukunft der Print-Medien ist eine, die zwischen den Wochenmagazinen und (de facto) Wochenzeitungen ausgetragen werden muss. Das Internet darf man hier schön langsam außer Frage stellen, das hat als schnellste Informationsquelle und als Rechercheinstrument ohnehin seine Position schon gefunden und bewiesen. (derStandard.at, 11.5.2011)

Zur Person:

Roland M. Kreutzer ist Geschäftsführer von Tripple ad-locator.net
www.ad-locator.net

eMail: kreutzer@tripple.at
Facebook: http://www.facebook.com/contator
Xing: https://www.xing.com/profile/Roland_Kreutzer2

  • Roland M. Kreutzer.
    foto: privat/kreutzer

    Roland M. Kreutzer.

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