Der Habichtskauz im Landeanflug

10. Mai 2011, 20:18
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Mitte des vorigen Jahrhunderts ist er ausgestorben, jetzt bekommt er eine zweite Chance in den heimischen Wäldern: der Habichtskauz

Die Auswilderung des zutraulichen Eulenvogels zeitigt bereits Erfolge.

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Österreichs zweitgrößte Eule nach dem Uhu, der Habichtskauz, war seit Mitte des 20. Jahrhunderts ausgestorben. Seitdem haben sich die Lebensbedingungen für ihn jedoch massiv verbessert, und seit dem Jahr 2008 ist ein Wissenschafterteam um seine Wiederansiedlung bemüht - mit bemerkenswertem Erfolg.

Insgesamt 49 junge Habichtskäuze konnten in den ersten beiden Jahren ausgewildert werden. "Das ist doppelt so viel, wie wir erwartet hatten", freut sich der Leiter des Wiederansiedlungsprojektes, Richard Zink vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Zu danken ist das zu einem wesentlichen Teil Vereinigungen wie der Österreichischen Zoo-Organisation und dem Verein Eulen- und Greifvogelschutz, die für das Projekt Käuze züchten und kostenlos zur Verfügung stellen. Doch "Nachschub" allein ist nicht genug - für eine zukünftige stabile Population muss dieser erstens überleben und sich zweitens fortpflanzen.

Beides war noch vor einigen Jahrzehnten viel schwieriger als heutzutage. Unter anderem wurde dem Habichtskauz eine sympathische Eigenschaft zum Verhängnis: Er lässt Menschen bis auf wenige Meter herankommen, ehe er die Flucht ergreift. Das machte die bis zu 60 Zentimeter große Eule mit dem gelben Schnabel zu einem denkbar einfachen Jagdobjekt.

Gleichzeitig setzte dem Habichtskauz die zunehmend intensivere Forstwirtschaft zu, die ihn seiner Nistbäume und seiner Nahrungsgrundlage - vorwiegend Mäuse und andere Kleinsäuger - beraubte. Heute liegen die Verhältnisse anders: Auch außerhalb der zahlreichen inzwischen errichteten Naturschutzgebiete ist die Waldwirtschaft wesentlich naturnaher geworden. Und abgesehen davon, dass der Habichtskauz ganzjährig unter Schutz steht, wird das Projekt auch von der Jägerschaft tatkräftig unterstützt - beispielsweise durch die Anbringung von Nistkästen.

Ausgewildert werden die Jungkäuze in zwei Arealen, in denen besonders günstige Lebensbedingungen herrschen: in den Schutzgebieten "Biosphärenpark Wienerwald" und im "Wildnisgebiet Dürrenstein" in Niederösterreich. Um ihnen die Umstellung von der menschlichen Obhut auf die raue Natur zu erleichtern, steht ihnen in den ersten Wochen ein reich gedeckter Futtertisch zur Verfügung, den sie anfangs eifrig nutzen und offenbar auch in Erinnerung behalten.

"Die Käuze sind Ansitzjäger, die sehr rasch lernen, von wo aus sich gut Beute machen lässt", erklärt Richard Zink, "und sie merken sich fast punktgenau, von wo sie dabei gestartet sind. Das gilt allem Anschein nach auch für den Futtertisch: Jetzt erst ist ein Vogel, der seit November verschwunden war, wieder dort aufgetaucht. So wissen wir auch, dass er noch lebt."

Passiver Mikrochip

Solche Feststellungen lassen sich nicht mit dem bloßen Auge allein machen. Die Vögel werden seit Beginn des Projekts mit einem ultraleichten Farbring ausgestattet, der einen passiven Mikrochip enthält. Dieser reflektiert einen Code, sobald er in ein bestimmtes Antennenfeld gerät, und sendet damit die unverwechselbare Identität seines Trägers.

Diese Chips kommen ohne Batterie aus und sind daher praktisch unbegrenzt haltbar. An neuralgischen Punkten wie den Futtertischen und Nistkästen sind Antennen mit Speicherelementen angebracht, die das Kommen und Gehen der Vögel protokollieren. Zusätzlich sind viele Käuze auch mit Telemetrie-Sendern ausgestattet, die ein individuelles Verfolgen der Tiere ermöglichen. Der Großteil der Habichtskäuze, die im vergangenen Jahr im Wienerwald ausgewildert wurden, konnte diesen April dort wieder nachgewiesen werden. Im Wildnisgebiet haben sie sich weiter verteilt - teilweise bis ins Gesäuse. Drastisch gesunken ist die Sterblichkeit: Während im ersten Jahr, also 2009, noch 41 Prozent der Vögel starben, waren es 2010 nur elf Prozent.

Den Grund sieht Zink darin, dass die Tiere 2010 früher ausgewildert wurden. "In dieser Phase wandern sie noch nicht ab und haben Zeit, die Futtertische zu nutzen, solange sie noch wenig Jagderfahrung haben. Im Herbst fangen sie dann an, herumzuziehen, und bis dahin sind sie schon geschickter."

In jedem Fall liegt die Mortalitätsrate deutlich unter dem, was zu erwarten wäre: In Fachkreisen gilt bei Habichtskäuzen für das erste Lebensjahr eine Sterblichkeit von 63 Prozent als normal, erst im zweiten Jahr reduzieren sich die Ausfälle auf 26 Prozent und im dritten auf 15 Prozent.

Zäune, Autos und Fressfeinde

Und woran sterben die Vögel? "Die wichtigsten Ursachen sind Kollisionen mit Forstzäunen", weiß Zink. Eine bizarr anmutende häufige Todesursache sind Zusammenstöße mit Autos. "Die Käuze fliegen sehr tief und relativ langsam, und im Winter, wenn nur die Straßen schneefrei sind, suchen sie dort nach Mäusen", erklärt Zink.

Und natürlich haben junge Käuze auch Fressfeinde wie Uhu oder Fuchs. Fliegenkönnen allein hilft gegen Letztere nicht immer: "Wenn die Jungkäuze das erste Mal eine Maus gefangen haben, sind sie oft so außer sich, dass sie alles rundherum vergessen", sagt der Wildbiologe.

Mit dem Mäusefangen sieht es derzeit übrigens schlecht aus: Da die Buchen in den letzten beiden Jahren nur sehr wenige Bucheckern produziert haben, sind auch die sich davon ernährenden Kleinsäuger Mangelware in den Wäldern.

Nichtsdestoweniger geht es den Habichtskäuzen gut: Es wurden erste Paarbildungen beobachtet, und die Vögel haben auch schon Nistkästen inspiziert. Für die Fortpflanzung dürfte es heuer zu wenig Nahrung geben, aber Habichtskäuze, die sich einmal gefunden haben, bleiben ein Leben lang zusammen. Man darf also auf die nächste Brutsaison gespannt sein. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 11.05.2011)

  • Lautlos gleitet der Habichtskauz durch den Wald. Ein Farbring samt Chip und Sender hilft den Biologen, ihm auf der Spur zu bleiben.
    foto: torsten pröhl / fokus-natur.de

    Lautlos gleitet der Habichtskauz durch den Wald. Ein Farbring samt Chip und Sender hilft den Biologen, ihm auf der Spur zu bleiben.

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