Selbstdarstellende Geometrie ohne Griffel

10. Mai 2011, 19:54
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Der moderne Mathematikunterricht ist weltweit geprägt von der Software eines Salzburger Lehrers

Die unbequemste und zugleich intelligenteste Frage, die Schüler ihren Lehrern stellen können, bleibt bis heute: "Wozu soll das gut sein?" Bereits als Student versuchte sie Markus Hohenwarter für das Mathematik-Lehramt zu beantworten: Wie etwa ein Spiegel dimensioniert und in welcher Höhe er angebracht werden muss, damit Millionen Schüler von Wulkaprodersdorf bis Sydney ihr Outfit vom Scheitel bis zu den Zehen begutachten können, ist dabei nur eines von tausenden Problemen, die seine Software löst und visualisiert.

Bevor sich Hohenwarter 2001 in seiner Diplomarbeit dynamischen Geometriesystemen widmete und die nunmehr weltweit etablierte Open-Source-Software "Geogebra" ganz alleine programmierte, sah der Mathematikunterricht jedenfalls definitiv anders aus: "Zu dieser Zeit gab es zwar schon Computer-Algebra und Programme für geometrisches Zeichnen im Unterricht, aber noch keine Lösung, die beides vereinte", erklärt Hohenwarter. Der Name von "Geogebra" ist demnach Programm: Geometrie und Algebra wurden in einer einfachen Oberfläche zusammengeführt. Per Maus und Schieberegler können damit nun auf nahezu jeder Plattform mathematische Variablen verändert und automatisch als Grafik ausgegeben werden.

Noch als junger Lehrer reiste Hohenwarter nach Schweden, um beim Europäischen Preis für Bildungssoftware ein wenig schüchtern von seiner Entwicklung zu berichten - "als absoluter Underdog unter lauter Uni-Professoren und nur mit rasch ausgedruckten A4-Zetteln", wie er sich erinnert. Den begehrten Preis gewann er dennoch im Jahr 2002 - und bald auch die Aufmerksamkeit eines Kollegen aus Argentinien. Dieser wollte ihm einen Gefallen machen und schickte gleich einmal unaufgefordert die spanische Programmübersetzung - allerdings handelte es sich dabei gar nicht um Hohenwarters Software, sondern nur um eine ähnliche. Der Salzburger Lehrer reagierte lediglich mit einem Hinweis auf sein eigenes, viel ausgereifteres Produkt und bekam auch dafür postwendend die spanische Version. Heute ist Geogebra auf rund drei Millionen Netbooks vorinstalliert, die die argentinische Regierung im Vorjahr allen Schulen kostenlos für den modernen Unterricht zur Verfügung stellte.

Zur noch rascheren Verbreitung der Software trug schließlich Hohenwarters mehrjähriger Aufenthalt in Florida bei. Er hatte die Einladung der National Science Foundation angenommen, die US-Regierung bei ihrer Suche nach kostenloser, guter Lernsoftware für Schulen zu unterstützen - nun wird auch in Highschools mit Geogebra gerechnet und gezeichnet. Überdies ist gerade Google auf Geogebra aufmerksam geworden. Im kommenden Sommer sponsert der Suchmaschinenriese das Salaire für sieben Studenten, die weiter am Software-Code feilen.

750.000 Besucher auf - und ungefähr halb so viele Downloads von - der Geogebra-Website monatlich sind aber nicht zuletzt deshalb möglich, weil Hohenwarter von vielen Multiplikatoren unterstützt wird: An den internationalen Geogebra-Konferenzen nehmen vor allem auch Lehrer teil, die selbst programmieren können. Und in der "Schilf" (schulinternen Lehrerfortbildung) lernen sie, wie damit in mittlerweile allen Schulstufen die Lehre unterstützt werden kann.

Seit Februar 2010 ist Hohenwarter Institutsvorstand für Didaktik der Mathematik an der Kepler-Uni in Linz. Dabei versucht er sich unter anderem mit dem Research Institute for Symbolic Computation (Risc) im Softwarepark Hagenberg auszutauschen, das ein Programm für mathematische Beweise entwickelt hat. "Die Software Theorema richtet sich zwar vorwiegend an Experten, aber wir können viel voneinander lernen", bestätigt Wolfgang Windsteiger von Risc. Und gemeinsam mit der FH Hagenberg will Hohenwarter nun sogar die gute alte Kreidetafel im Schulunterricht ersetzen: Geogebra eignet sich ideal für große Touchscreens, auf die ein Lehrer Formeln noch immer mit der Hand kritzelt; aber Geodreiecke benötigt er nicht mehr zum Zeichnen - das macht der Computer. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 11.05.2011)

 

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