"Wir wollen das Immunsystem umerziehen"

10. Mai 2011, 19:23
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Die Allergologin Fátima Ferreira von der Universität Salzburg erforscht Impfstoffe gegen Heuschnupfen und andere Allergien

Kurt de Swaaf sprach mit ihr über knifflige Aufgaben und Desensibilisierung.

STANDARD: Könnte es irgendwann eine wirksame vorbeugende Impfung gegen Allergien geben?

Fátima Ferreira: Ja. Meine Forschungsgruppe arbeitet an der Verbesserung von Desensibilisierungstherapien, und mein Kollege Josef Thalhamer entwickelt hier am Labor eine Methode zur Herstellung von Impfstoffen auf Basis von Boten-RNA, die den genetischen Code für spezifische Allergene trägt. So wollen wir das Immunsystem dazu bringen, auf diese Stoffe nicht oder nicht mehr allergisch zu reagieren. Es wäre allerdings nicht sinnvoll, die gesamte Bevölkerung impfen zu wollen. Man bräuchte dazu enorme Mengen von Hunderten verschiedenen Vakzinen. Das wäre eine Herkulesaufgabe. Deshalb müssen wir die Menschen, vor allem Kinder, mit einem hohen Allergierisiko identifizieren, um sie vorbeugend behandeln zu können. Das wäre mittels genetischer Tests möglich. Und man könnte Mischungen aus regional unterschiedlichen Vakzinen herstellen. Ein Italiener würde zum Beispiel einen Impfstoff gegen Zypressenpollen bekommen, aber ein Norweger nicht.

STANDARD: Was sind die grundsätzlichen Unterschiede zwischen antiallergischen Impfstoffen und den Impfungen gegen Krankheiten wie Polio und Tetanus?

Ferreira: Der wichtigste Unterschied ist, dass klassische Impfungen den Körper auf einen möglichen Kampf gegen krankheitserregende Bakterien oder Viren vorbereiten. Bei Allergien ist das anders. Was uns da krank macht, ist die Art und Weise, wie unser Immunsystem auf harmlose Substanzen reagiert. Um das zu verhindern, müssen wir dem System erklären: Wenn du dies siehst, toleriere es, es ist nicht gefährlich. Wir wollen also praktisch das Immunsystem umerziehen.

STANDARD: Wie wirksam sind die bereits praktizierten Desensibilisierungstherapien?

Ferreira: Diese Therapien sind in ihrer heutigen Form nicht optimal, doch sie sind die einzige Möglichkeit, um Allergien zu heilen. Andere Behandlungsmethoden wie die Verabreichung von antihistaminischen Medikamenten verhindern nur das Einsetzen der Symptome, aber sie ändern nicht die eigentliche Reaktion des Körpers auf Allergene. Das Immunsystem produziert weiterhin Antikörper, jedes Mal, wenn es mit der allergenen Substanz in Kontakt kommt. Der Krankheitsprozess setzt sich somit fort, oft bis zum Asthma, und muss dann mit Corticosteroiden behandelt werden, was wiederum schlimme Nebenwirkungen haben kann.

STANDARD: Welche Nachteile haben Desensibilisierungstherapien?

Ferreira: Es ist eine ziemlich krude Prozedur, die noch immer so praktiziert wird wie 1911. Die benutzten Extrakte sind nicht standardisiert. Es ist deshalb fast unmöglich, genau zu dosieren. Abgesehen davon basiert die Desensibilisierung darauf, Allergene in einen allergischen Körper zu injizieren. Also kann man sicher sein, dass es auch eine allergische Reaktion gibt. Diese Nebenwirkungen können sehr schwer sein. Die Injektionen sind schmerzhaft, und die Therapien dauern lange. Es gibt mindestens einmal monatlich eine Spritze, drei bis vier Jahre lang.

STANDARD: Und wie könnte man diese Probleme umgehen?

Ferreira: Wir müssen die verwendeten Extrakte zu standardisierten, auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmten Impfstoffen machen. Dann sind da noch die Nebenwirkungen. Die können wir vermutlich durch die Entwicklung genetisch modifizierter Allergene mit veränderter Struktur beseitigen. Zudem müssten wir neue Methoden der Verabreichung finden, Tabletten oder Pflaster etwa. Wir müssen weg von der Impfnadel. Und Adjuvantien, Zusatzstoffe, könnten die Vakzine effektiver machen. Dadurch bräuchte man nicht mehr so viele Einzeldosen.

STANDARD: Wo liegen die größten Hemmnisse bei der Entwicklung neuer Impfpräparate?

Ferreira: Wie kann ein Allergen so verändert werden, dass es noch immer die typische strukturelle Information trägt, um vom Immunsystem erkannt zu werden, ohne dabei jedoch eine allergische Reaktion auszulösen? Das ist knifflig. Hierzu brauchen wir die Beteiligung von Wissenschaftern unterschiedlicher Fachrichtungen. Aber ich bin mir sicher, dass es funktionieren wird. Für jede Therapie benötigt man natürlich auch die Mittel zur exakten Diagnose, doch diese Stufe haben wir bereits erreicht. Das ist das Ergebnis von vielen Jahren Forschung, besonders in Österreich. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.05.2011)


Fátima Ferreira, geb. 1959 in Cachoeira de Goyas in Brasilien, studierte Zahnmedizin und promovierte danach an der Universität São Paulo in Biochemie. 1990 kam Ferreira als wissenschaftliche Assistentin an die Uni Wien. Ihre Habilitation erlangte sie 2000 an der Uni Salzburg im Fachgebiet Genetik. Seit 2006 leitet sie das Christian-Doppler-Labor für Allergiediagnose und Therapie, das u. a. von Wirtschaftsministerium und Nationalstiftung finanziert wird.

  • "Man könnte regional unterschiedliche Vakzine herstellen. Ein Italiener würde einen Impfstoff gegen Zypressenpollen bekommen, aber ein Norweger nicht", meint die Immunbiologin Fátima Ferreira.
    foto: universität salzburg / kolarik

    "Man könnte regional unterschiedliche Vakzine herstellen. Ein Italiener würde einen Impfstoff gegen Zypressenpollen bekommen, aber ein Norweger nicht", meint die Immunbiologin Fátima Ferreira.

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