Ein Puzzle der Gesellschaft von damals

10. Mai 2011, 19:14
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Österreichische Archäologen graben seit mehr als hundert Jahren am Peloponnes - Und versuchen Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu ziehen, wie sie hier vor tausenden von Jahren lebte

Dabei werden auch Teile einer antiken Megacity ausgegraben.

Ein für Laien unbedeutendes Loch in einer steilen Felswand kann Wissenschafter sehr neugierig machen. Den Archäologen Walter Gauß zum Beispiel, der vor kurzem beim routinemäßigen Fotografieren des Geländes um den antiken Fundort Aigeira in den Bergen des Nordpeloponnes von der gegenüberliegenden Straße aus eine solche Öffnung entdeckte. "Die dreieckige Form ist ein Indiz, dass es sich um eine mykenische Grabkammer handeln könnte", meint Gauß, der in der Zweigstelle Athen des Österreichischen Archäologischen Instituts im kommenden September die Grabungsleitung von Aigeira übernehmen wird. "Das wäre eine archäologische Sensation", sagt er, denn zu Nekropolen gab es in der Region bisher nur Hinweise, keine Funde.

Die bei weitem nicht so spektakuläre zweite Deutung des Felslochs: Es könnte sich um einen Zugang zu einer weiteren antiken Fernwasserleitung aus Ton handeln, die fünf bis sechs Meter über jener liegen würde, die man schon kennt. Vielleicht wollte man ja in der Antike im Schadensfall eine Ersatzleitung nützen. Nun überlegen die Archäologen, ob und wie sie das Rätsel lösen könnten. Da es keinen Weg zu dieser Öffnung in der Felswand gibt, müsste man sich abseilen und dann auf allen Vieren hineinkriechen. Keine ungefährliche Aktion, selbst für Wissenschafter, die die riskanten Aspekte der Feldarbeit seit zwanzig Jahren kennen. Daher zeigt sich Georg Ladstätter, Leiter der Zweigstelle Athen, skeptisch. Sicherheit habe Vorrang.

Die österreichischen Archäologen in Griechenland scheinen das Abenteuer in Form eines Hochseilaktes, wie es Hollywood-Ausgrabungsfilmheld Indiana Jones mit Peitsche vorlebt, nicht zu brauchen, um Spannung in ihren Berufsalltag zu bringen. Gauß, der auf die ägäische Vorgeschichtsforschung spezialisiert ist, spricht im Zusammenhang mit Aigeira von "besonders interessanten Fragestellungen", die ihn beschäftigen. Was geschah in der Stadt beim Wechsel vom zweiten Jahrtausend zum ersten Jahrtausend vor Christus, als die Eisentechnologie entwickelt wurde und das Alphabet sich durchsetzte? Wie veränderte sich das Leben der Menschen? Findet man unter all der Keramik, die Ladstätter, sein Vorgänger als Grabungsleiter, geborgen hat, Spuren des Neolithikums, jener Epoche, in der sich der Mensch vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern entwickelte? Die Rede ist immerhin von einer Zeit, die gut 7500 Jahre zurückliegt.

Um diese Frage zu beantworten, werden die Wissenschafter die Unterstützung von Geophysikern in Anspruch nehmen, die die Erde mit Radar analysieren. Dann wird sie in Blöcken von Geologen ausgehoben und in eine Harzlösung gelegt. um einen sogenannten "Dünnschliff" zu erzeugen und die Erde in kleinen Proben genauer zu untersuchen. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung könnte eine Art Schichtdiagramm sein. Zum Beispiel: in den ersten zehn Zentimetern mit Flugsand ein Hinweis auf eine offene Fläche, gefolgt von einer drei Millimeter verdichteten Schicht, "was zeigen würde, dass die Fläche ursprünglich begangen wurde", sagt Gauß. Die Methode lässt auch Rückschlüsse auf klimatische Veränderungen zu, vorausgesetzt, die Wissenschafter finden Pollen.

In jedem Fall sollte sich ein Stadtbild von Aigeira ergeben, in hellenistischer Zeit, also zwischen dem vierten und ersten Jahrhundert vor Christus, immerhin einen halben Quadratkilometer groß. Für damalige Zeiten war das eine Megacity im Ausmaß von Ephesos in der heutigen Türkei.

Archäologie ist also nicht nur neugierige Feldarbeit, die Kenntnis von antiker Kunstgeschichte und Literatur, die Fundorte beschreibt. Sie ist auch Kooperation mit anderen Wissenschaftszweigen und Kombinationsgabe. Funde verkaufen sich medial gut, ohne den Blick auf das große Ganze, also auf die Ausdehnung einer Region, auf gesellschaftliche Umbrüche bringt das aber wenig.

Wenig Anzeichen von Funden

Kein Wunder also, dass der Besucher auf der Akropolis von Aigeira nicht wirklich viel sieht. Die auf einem 416 Meter hohen Berg liegenden Oberstadt für die finanziell besser gestellten Menschen ist nur durch einige antike Steine erkennbar. Dazwischen finden sich mit Planen zugedeckte Ausgrabungslöcher. Ansonsten sieht man hier auf dem Plateau nahe der Küste aber nur wild wuchernde Vegetation. Kein Vergleich mit der von Touristengruppen gestürmten Akropolis von Athen und sonstigen Erinnerungsbildern des geübten Griechenland-Urlaubers. "Es hat keinen Sinn, alles freizulegen, wenn wir schon wissen, was unter der Erde liegen muss und das Verständnis der antiken Stadt und vom Umland dadurch nicht vertieft wird." Georg Ladstätter erzählt auf der Akropolis von wissenschaftlichen Zugängen – und von der Geschichte der hier durchgeführten Ausgrabungen des Instituts, das heute eine, wie es heißt, "nachgereihte Dienststelle" des Wissenschaftsministeriums ist.

Der Marmorkopf

Am 31. August 1916 fanden Archäologen um Otto Walter den Kopf der Zeusstatue aus Marmor. Erst 1972 wurden die Arbeiten unter Wilhelm Alzinger wieder aufgenommen. Er entdeckte unter anderem im Zeustempel ein Kieselmosaik. Zwei Tempel im nördlichen Bereich der Region wurden unter der Leitung seines Nachfolgers Anton Bammer freigelegt. Ladstätter selbst beschäftigt sich seit 1998 unter anderem mit einem Häuserkomplex, der möglicherweise ein Bade- und Gästehaus war, vielleicht auch für Gäste, die angereist kamen. Ein größerer Fund von Münzen, die nicht aus der Region stammen, würde darauf hindeuten.

Der Archäologe will nie den Grabungsort alleine betrachten, ohne das Umland mit einzubeziehen. Daher weist er auch auf die anderen Ausgrabungen des Instituts in Lousoi und Gremoulias und auf Grabungen der Uni Salzburg in Ägina und der Uni Graz gemeinsam mit einer Abteilung des griechischen Kulturministeriums in Pheneos hin. Parallelen sind leicht zu finden: Die Wasserleitung von Aigeira, mit der sich Ladstätter seit langem beschäftigt, ist zum Beispiel identisch mit jener in Lousoi, wo das Artemisheiligtum gefunden wurde, heute etwa eineinhalb Autostunden entfernt. Gab es hier Normierungen und einen Austausch von Techniken?

Viele Fragen über gesellschaftliche Strukturen, Ökonomie, Arbeit und Essgewohnheiten sind offen. Sicher ist: "Selbst in 200 Jahren können wir hier nicht alles freigelegt haben", sagt Gauß. Aber das wird gar nicht nötig sein. (Peter Illetschko aus Athen/DER STANDARD, Printausgabe, 11.05.2011)

  • Im Gästehaus am Fuße der Akropolis von Aigeira wurde dieses Kieselmosaik gefunden, 2009 wurde ein Münzschatz geborgen (Bild unten).
    foto: öai

    Im Gästehaus am Fuße der Akropolis von Aigeira wurde dieses Kieselmosaik gefunden, 2009 wurde ein Münzschatz geborgen (Bild unten).

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