Feministischer Informationsdienst - hallo?

11. Mai 2011, 07:00
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Das Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung "Stichwort" brauchte mehr Platz und eröffnet pünktlich zum Frauenarchivtag den neuen Standort

Die Regale waren in den ehemaligen Räumlichkeiten des Archivs der Frauen- und Lesbenbewegung "Stichwort" im 15. Wiener Gemeindebezirk zum Bersten voll. Vom Fußboden bis zum letzten Millimeter an der Decke wurde der Platz für Bücher, Zeitungsartikel oder wissenschaftliche Arbeiten ausgenutzt. Wenig Platz blieb auch für die zahlreichen Veranstaltungen im vormaligen Standort, wo die Frauen oft eng zusammenrücken mussten.
Auf der Einladung zur Eröffnung der neuen Räumlichkeiten schaut es schon ein bisschen luftiger aus: Ein großzügiger Raum mit Lesetischen und Bücherregalen, die sogar noch freien Platz bieten.

"Wir haben schon vor fast zehn Jahren gemerkt, dass es eng wird", so Stichwort-Mitbegründerin Brigitte Geiger gegenüber dieStandard.at über den alten Stichwort-Standort in der Diefenbachgasse in Wien, wo das Archiv 1995 von der Berggasse hin übersiedelte. Dort hatte Stichwort seine erste Niederlassung seit seiner Gründung 1983. Bei einer der ersten Frauenforschungslehrveranstaltungen an der Universität Wien wurde 1982 der Verein "Frauenforschung und weiblicher Lebenszusammenhang" gegründet, der Trägerinnenverein des Stichwort-Archivs. Seither vergrößerte sich das Stichwort inklusive dem neuerlichen Umzug bereits zum dritten Mal.

Feministischer Informationsdienst

"2004 gab es das erste Vorfühlen bei Subventionsgeberinnen", erzählt die Kommunikationswissenschafterin Geiger von der langen Vorlaufzeit. Das Archiv wird von der Frauenabteilung der Stadt Wien (MA 57), vom Frauenministerium und auch vom Wissenschaftsministerium unterstützt. Wobei die Stichwort-Frauen aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Subventionen aus dem Wissenschaftsministerium ab 2012 verzichten müssen. "Davon sind aber nicht nur wir betroffen, sondern auch andere private wissenschaftliche Bibliotheken. Wenn sich keine andere GeldgeberIn findet, wird es sich aufgrund der Kürzung und in Kombination mit den höheren Raumkosten längerfristig wahrscheinlich nicht mehr ausgehen, das Stichwort weiter zu betreiben", so Brigitte Geiger.

Das würde vielen forschenden Feministinnen allerdings den Zugang zu frauenpolitischen Materialien erheblich erschweren. Denn obwohl man meinen würde, dass sich zunehmend ohnehin alles auf Online-Archive verlagere, kann Geiger nur von punktuellen Verschiebungen dorthin berichten. "Wir haben schon sehr früh - 1990 - angefangen, unsere Bestände elektronisch bibliographisch zu erfassen. Dann wollen viele einfach das Buch oder die Zeitschrift haben, für die sie sich interessieren." Ein Dienst, den Online-Archive auch nicht bieten, ist der "Feministische Informationsdienst", der gegen Bezahlung sämtliche gewünschte Informationen zusammenträgt und sich auch in diversen anderen Datenbanken auf die Suche macht.

Dokumentation von Frauengruppen

Neben einer einzigen angestellten Mitarbeiterin werken die Frauen ausschließlich unbezahlt im umfangreichen Archiv. Sie können sich nun zumindest über mehr Platz für die Bücher, Zeitschriften, Broschüren, Plakatsammlung, Flugblätter, Banner, Transparente, das Fotoarchiv oder auch die Audiothek freuen. "Die österreichischen feministischen Zeitschriften haben wir überhaupt komplett dokumentiert und wir haben auch eine Auswahl deutschsprachiger und internationaler Zeitschfriften", so Geiger. Auch eine umfassende Dokumentation der Frauengruppen in Österreich wurde und wird für das Stichwort-Archiv zusammengetragen. 

All das wurde bereits im Dezember in die neuen Räumlichkeiten im vierten Bezirk umgesiedelt. Die offizielle Eröffnung fand am 11. Mai statt. Am Programm stand unter anderem eine Lesung der Poetry-Slammerin Nadja Bucher, die Ausschnitte aus zehn frauenpolitischen Texten präsentierte. Diese Texte wählte Stichwort für das EU-Projekt "FRAGEN" aus vier Jahrzehnten aus, das nach den wichtigsten frauenpolitischen Texten aus Europa sucht. Unter den zehn für Österreich ausgewählten Texten findet sich etwa "Was will die Frauenbewegung?", der in der "Auf" erschien, ein Manifest von VALIE EXPORT aus den 70ern oder das Buch "Gewalt gegen Frauen" aus dem Jahre 1977, das erste deutschsprachige Buch über dieses Thema. Am Frauenarchivetag (11. Mai) konnte frau sich in den neuen Stichwort-Räumlichkeiten darüber ein Bild machen, was in den letzten Jahrzehnten alles dazugekommen ist. (beaha, dieStandard.at, 11.5.2011)

Links

Stichwort

EU-Projekt "FRAGEN"

Info
Eröffnung der neuen Stichwort-Räume, 11. Mai ab 17:30 Uhr.
Gusshausstraße 20/1A+B, A-1040 Wien, für Frauen & Transgenders

  • Programm der Eröffnung

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  • Die neuen Räumlichkeiten des Stichwort: Mehr Platz zum Lesen und Studieren.
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    Die neuen Räumlichkeiten des Stichwort: Mehr Platz zum Lesen und Studieren.

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